Ja oder Nein | Zerrissen
Der türkische Schauspieler Reha Beyoğlu spielt Recep Tayyip Erdoğan im Biopic Reis
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Gerade einmal 38 Leute haben sich in Saal Sieben des Alhambra-Kinos in Berlin-Wedding eingefunden, um sich anzuschauen, wie ein mächtiger türkischer Präsident um noch mehr Macht kämpft, als er ohnehin schon besitzt. Diejenigen, die gekommen sind, zeigen sich aber davon beeindruckt.
Das Biopic Reis (auf Türkisch: "Chef"), in dem Recep Tayyip Erdoğan vom türkischen Seifenopernstar Reha Beyoğlu verkörpert wird, feierte vergangenen Monat in Istanbul Premiere. Nun, kurz vor dem Verfassungsreferendum, das Erdoğans Macht enorm ausweiten und ihm erlauben könnte, bis ins Jahr 2029 Präsident zu bleiben, tourt der Film durch Kinos in der türkischen Diaspora Europas.
Im Wochenthema des neuen Freitag lesen Sie fünf Stimmen von Deutsch-Türken, die vor Jahren in die Heimat ihrer Eltern gezogen sind und nun wieder nach Deutschland zurückkehren wollen. Außerdem einen Essay der deutsch-türkischen Kabarettistin Idil Nuna Baydar über den Zwang zum Bekenntnis. Ab Mittwochabend in unserer Webapp, ab Donnerstag am Kiosk
Der Film zeigt, wie der Mitgründer der türkischen "Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung" (AKP) im Istanbuler Arbeiterviertel Kasımpaşa aufwuchs und zu einem Mann mit wundersamen Talent und heiligengleicher Selbstverleugnung wurde, der bei einem Fußballspiel in letzter Minute mit einem Fallrückzieher den Siegestreffer erzielt und mitten in der Nacht aufsteht, um einen in einen Brunnen gestürzte Welpen zu retten.
Seine Unterstützer schrecken auch vor groben Mitteln nicht zurück, wenn es darum geht, ihren Chef gegen die kosmopolitische Elite der Türkei zu verteidigen. Bei der letzten Szene des Film, in der einer von Erdoğans Bodyguards einem Angreifer ins Gesicht boxt, bricht im Berliner Publikum spontaner Applaus aus. Den Dialog versteht man hier als Referenz an den vereitelten Putsch im Juli vergangenen Jahres. "Wer bist du?", fragt der Angreifer. "Das Volk", lautet die Antwort des Leibwächters.
Vor dem Kino stehen vier deutschtürkische Teenager und rauchen. Der Film habe sie bestärkt, bei dem Referendum mit Ja zu stimmen, sagen sie. "Ein starker Erdoğan ist gut für eine starke Türkei", sagt der 19-jährige Ahmet.
Die Spannungen zwischen der deutschen und der türkischen Regierung, die ausgelöst wurden durch die Verhaftung des Welt-Korrespondenten Deniz Yücel und darin kulminierten, dass Erdoğan Deutschland "Nazipraktiken" vorwarf und Wahlkampfveranstaltungen türkischer Politiker in deutschen Städten verboten wurden, hätten seine Loyalität nur gestärkt, ergänzt der 20-jährige Mehmet: "Um ehrlich zu sein: Wenn Amerika, Deutschland und Frankreich mir sagen, ich solle beim Referendum mit Nein stimmen, dann stimme ich mit Ja."
Ahmet und Mehmet sagen beide, sie sähen ihre Interessen von keiner der deutschen Parteien vertreten: "Für die sind wir einfach nur Ausländer."
Dass selbst junge Menschen aus der deutschen Bevölkerung mit türkischen Wurzeln – einer Community von rund drei Millionen Menschen, von denen rund die Hälfte bei dem Verfassungsreferendum abstimmen darf – Erdogan so inbrünstig unterstützen, irritiert die deutsche Öffentlichkeit und die Medien.
Deutsche Politiker kritisieren, die AKP versuche, das Wahlverhalten der Diaspora nicht nur durch öffentliche Wahlkampfveransaltungen zu beeinflussen, sondern auch, indem Gegner über religiöse und geschäftliche Netzwerke im Verborgenen unter Druck gesetzt und bedroht würden
Rüge für den Fußballstar
Im Januar wurde der deutschtürkische Fußballer Hakan Çalhanoğlu öffentlich von seinem Verein Bayer Leverkusen gerügt, weil er ein Video in den sozialen Medien gepostet hatte, in dem er seine Unterstützung für das Ja-Lager erklärte.
"Sie sind Teil dieses Landes", appellierte Bundeskanzlerin Angela Merkel Anfang März an die türkischsprachige Community. "Innertürkische Konflikte sollen nicht in unser Zusammenleben getragen werden. Lassen Sie uns unser Zusammenleben weiter verbessern. Das ist uns ein Herzensanliegen." Die bedingungslose und lautstarke Unterstützung einiger Erdoğan-Anhänger hat kritischere Stimmen übertönt, das Verfassungsreferendum schafft neue Gräben in der ohnehin bereits gespaltenen türkischen Diaspora.
In Berlin-Kreuzberg befindet sich der Veranstaltungsort Südblock. Hier fanden in jüngster Zeit verschiedene Events statt, bei denen Türken in Deutschland aufgerufen wurden, die anvisierten Verfassungsänderungen abzulehnen.
Am Internationalen Frauentag Anfang März haben kurdische Aktivistinnen deutsche, polnische, irische und ägyptische Frauen zusammengebracht, die ein gemeisames Nein sangen. In der Woche darauf trat die Kabaretkünstlerin Dildogan auf, eine gebürtige Türkin, die sich selbst als "erste queere, PoC-Dicktatorin der Welt" beschreibt.
Tülin Duman, 38, eine der Betreiberinnen des Südblock, wurde in Deutschland geboren. Ihre Eltern gehören der alewitischen Minderheit in der Türkei an. Sie sagt, es sei nichts Neues, dass innertürkische Konflikte ins Ausland getragen würden. "Die türkische Diaspora-Community teilte sich schon immer strikt in Sunniten, Kurden und Alewiten", erklärt sie.
Die politische Identität von Türken in Deutschland gehe oft auf die innenpolitische Situation der Zeit zurück, in der die Türkei verlassen worden sei – ob das nun die Studentenrevolution von 1968 oder der Militätputsch 1980 war: "Bei Leuten, die im Ausland leben, werden Vorurteile dann leider oft erhalten und von einer Generation an die nächste weitergegeben."
Ein bunter Haufen von Gegnern
Kritiker des türkischen Präsidenten hoffen, die Debatte um die Verfassungsreform könne die alten Grenzen überwinden. Ein bunter Haufen aus Sozialdemokraten, Kurden und Islamisten hat angekündigt, gegen die Änderungen zu kämpfen. Selbst die rechtsextreme MHP mit ihrer ultranationalistischen Bewegung Graue Wölfe scheint in der Frage des Referendums gespalten,
Die "Türkische Gemeinde in Deutschland" (TGD) engagiert sich für ein Nein zur Verfassungsreform. In einer Stellungnahme heißt es, die "türkische Gemeinde lehnt alle Bemühungen ab, die die Türkei in ein Ein-Mann-Regime führen". Im Jahr 2015 stimmten ungefähr sechzig Prozent der Deutschtürken, die ihre Stimme bei den türkischen Wahlen abgaben, für die AKP. Wie das Wahlergebnis im April aussehen wird, ist aber ungewiss.
"Egal, wie es ausgeht – ich werde nicht aufhören, meine Nachbarn zu grüßen. Auch wenn sie mit Ja gestimmt haben", sagt Tülin Duman. "Letzlich müssen wir zusammenleben."
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