Mühlhausen/Tairnbach: Christoph Kaiser spielt im Kinofilm "Schattenstunde"
Von Agnieszka Dorn
Mühlhausen/Tairnbach. Es war Jochen Kleppers letzter Eintrag ins Tagebuch: "Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott.Wir gehen heute Nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben." Um einer fast sicheren Deportation ins Konzentrationslager zu entkommen, nahm Familie Klepper sich in der Nacht vom 10. auf 11. Dezember 1942 mit Schlaftabletten und Gas das Leben.
Das Thema habe ihn noch Wochen nach den Dreharbeiten beschäftigt, sagt Schauspieler Christoph Kaiser, der in dem Kinofilm "Schattenstunde" Jochen Klepper spielt. Kaiser wohnt in Tairnbach und hat in zahlreichen Fernsehenserien mitgewirkt, spielte zudem am Schwetzinger "Theater am Puls". "Schattenstunde" ist sein erster Kinofilm. Der Film dreht sich um die letzten Stunden des christlichen Schriftstellers Jochen Klepper und seiner jüdischen Frau Johanna sowie seiner Stieftochter. "Schattenstunde" wurde 2019 von der Herbsthund-Filme-Produktion unter der Ägide von Regisseur Benjamin Martins gedreht und lag aufgrund der Coronakrise auf Eis. Beim derzeit laufenden Filmfest in München feierte der Film kürzlich Premiere. In die Kinos soll er voraussichtlich am 27. Januar 2022 am "Internationalen Gedenktag an die Opfer des Holocaust" kommen. Der Film wurde jüngst mit dem Nachwuchsfilmpreis "First Steps Award" in der Kategorie "Abendfüllender Spielfilm" auf dem Holzmarkt am Spreeufer in Berlin ausgezeichnet, bei der Verleihung waren Kaiser und Regisseur Martins selbstverständlich dabei.
Jochen Klepper sei ihm zuvor nicht geläufig gewesen, erzählt Christoph Kaiser. Nachdem er das Drehbuch von Benjamin Martins gelesen hatte, las Kaiser sich in das Leben des 1903 geborenen Jochen Klepper ein, unter anderem las er Kleppers Tagebücher und die Biografie "Jochen Klepper" von Markus Baum. Er besuchte noch vor den Dreharbeiten das Grab der Familie Klepper auf dem evangelischen Friedhof im Berliner Ortsteil Nikolassee. Es sei ein ehrfürchtiges Gefühl gewesen, dort zu stehen, erzählt Kaiser.
Im Laufe der Dreharbeiten identifizierte Kaiser sich immer mehr mit der Rolle – und am Ende sei er gefühlsmäßig Klepper gewesen, erzählt er. Bis heute sei ihm eine Szene in besonderer Erinnerung geblieben, sagt der 58-Jährige: Am Tag des Selbstmords kreuzten sich die Blicke zwischen Jochen Klepper und der jungen Stieftochter. In den Augen des Mädchens lag ein zutiefst angst- und zugleich hoffnungsvoller Blick. Das Mädchen im Film wird von Familienmitglied Emma Kaiser gespielt. Vielleicht habe ihn die Szene deswegen so tief berührt, sagt Kaiser rückblickend. Auch für die achtjährige Emma ist es der erste Kinofilm, die Dreharbeiten fand sie aufregend und spannend. Das Thema stimmte sie traurig, besonders in Erinnerung blieb ihr, als sie eine blaue Uniform mit einem gelben Judenstern mit der Aufschrift "Jude" während der Dreharbeiten trug. Emma ist pferdebegeistert, ihr Traum sei, in einem Pferdefilm mitzuspielen, erzählt sie.
Regisseur Benjamin Martins lebt in Speyer und hat von Jochen Klepper das erste Mal in einem Gottesdienst im Jahr 2009 gehört, erzählt er. Das Schicksal der Familie Klepper hatte ihn berührt. Besonders ergriffen habe ihn Kleppers Verbundenheit mit Gott und seine unerschütterliche Hoffnung auf ein Wiedersehen nach dem Freitod mit Frau und Stieftochter. Der Film "Schattenstunde" soll eine Brücke zwischen dem damaligen und heutigen Deutschland schlagen, denn heute noch "gibt es auch in unserer Gesellschaft Menschen, die unter Ungerechtigkeit und Unterdrückung" leiden, sagt Martins.
Die Dreharbeiten fanden 2019 in Speyer, Wiesbaden, Darmstadt und im Allgäu statt. Während der Dreharbeiten berührten ihn besonders Kleppers letzte Stunden vor dem Selbstmord. Die Verleihung des First Steps Award habe viele Emotionen in ihm ausgelöst, erzählt Martins. Gerechnet hatten weder Martins noch Kaiser mit dem Preis. In "Schattenstunde" hat auch seine Australian Shepherd Hündin Müsli einen Auftritt, die man in allen seinen Filmen sieht.
Benjamin Martins arbeitet derzeit an einem neuen Drehbuch, es soll noch im Sommer fertig sein. Das Thema wollte er allerdings noch nicht verraten.
