Mannheim: Protestsänger Bernd Köhler will die Gitarre noch nicht zur Seite legen
Wolf H. Goldschmitt
Mannheim. Mit zarten 17 Jahren hat der Autodidakt Bernd Köhler mit einer Klampfe aus dem Kaufhaus seinen ersten Folksongwettbewerb gewonnen, damals im Ludwigshafener "Haus der Jugend". Mit selbstverfassten Texten und Coverversionen von Bob-Dylan-Songs wird der Junge aus dem Stadtteil Limburgerhof ein Jahr später erneut Sieger der "Harlekinade". Der Faschismus und der Vietnamkrieg, die Befreiungsbewegungen in Südamerika und Anti-Atomkraft-Demos, zu allen diesen Themen hat Köhler mindestens eine musikalische Randbemerkung geliefert. Das Motto "Zwischentöne sind nur Krampf im Klassenkampf" beschert dem Schüler Ende der politisch turbulenten 60er Jahre zwangsläufig Ärger. Der bekennende und politisch bestens vernetzte Linke eckt an und provoziert am Mannheimer Johann-Sebastian-Bach-Gymnasium, wo er kann. Den Vogel schießt Köhler ab, als er – übrigens zusammen mit dem Verfasser dieser Zeilen – die systemkritische Schülerzeitung "Feststreitschrift" von der Deutschen Kommunistischen Partei drucken und im Schulhof vor der Kirche verteilen lässt.
Nicht zuletzt deswegen muss er zweimal ansetzen, um sein Abitur zu bestehen. Wegen des Fachs Französisch rauscht er durch. Geschadet hat ihm die "Ehrenrunde" nicht, eher inspiriert. Denn "Schlauch", so sein Spitzname, entdeckt so seine Liebe zu Frankreich, kauft mit Freunden ein Häuschen in der Bretagne und nimmt später sogar Chansons mit der Sängerin Blandine Bonjour auf.
Das gesamte Werk des Künstlers aufzulisten, erscheint unmöglich. Die frühen Langspielplatten sind längst vergriffen. "Meine alten Lieder über Nazis kommen mir heute recht überspitzt vor. Aber sie sind wieder aktuell und das ist stimmt nachdenklich", erzählt der gelernte Grafikdesigner. Als nach dem Zusammenbruch des Sozialismus Anfragen für Auftritte bei den Gewerkschaften ausbleiben, konzentriert er sich verstärkt auf seinen Beruf, das gemeinsam mit seiner Frau Barbara Straube betriebene Grafikbüro. "Von der Musik allein hätten ich und meine Familie wohl ohnehin nie leben können", blickt der zweifache Großvater zurück.
Dennoch schläft das kulturelle Engagement nicht ein. Vor allem die Band Kleines Elektronisches Weltorchester ewo2 hält den Künstler in "Schlauch" am Leben. Die CD "avantipopolo" mit Solidaritätsliedern aus unterschiedlichen Epochen, aufgenommen mit der inzwischen verstorbenen Mannheimer Gitarristenlegende Hans Reffert, sorgt in der Musikwelt für Furore. Die Scheibe steht wochenlang in den Top 10 der Liederbestsellerliste. Der Nachfolger "ewo2... in dieser Zeit – avantipopolo 2" heimst 2009 sogar den Preis der Deutschen Schallplattenkritik ein. "avantipopolo 3" erschien im vergangenen Jahr und wird ebenfalls wieder für den deutschen Grammy nominiert.
Die Pandemie bremst auch den Liedermacher aus. "Es gab allerdings noch Auftritte, Demonstrationen und Kundgebungen dürfen ja nicht verboten werden", sagt der heute in der Schwetzingerstadt lebende Pfälzer mit schelmischem Blick. Mehr Zeit für andere Projekte hat er dennoch. Er durchforstet sein umfangreiches Archiv mit Plakaten und Zeitungsberichten aus 50 Jahren. Und er hat begonnen, sein Gesamtschaffen auch literarisch der Nachwelt zu hinterlassen – vor allem für seinen Sohn und seine Enkel.
"Nachrichten vom Untergrund" hat er sein erstes, beim Llux-Verlag erschienenes Buch mit Texten von 1967 bis 1989 genannt. Liedtexte und Geschichten erwarten demnächst die Leser seines nächsten Werkes "Halt-Los – der zweite Anlauf von 1990 bis 2020". Köhlers Zusammenarbeit mit dem Alstomchor, der gegen den Stellenabbau im Käfertaler Werk des Konzerns angesungen hat, hat in den Erinnerungen natürlich einen Sonderplatz bekommen.
"Etwas ganz Wesentliches unterscheidet Bernd Köhler von anderen Protestsängern. Er ist bei den Menschen, über die und für die er Lieder macht. Er singt mit ihnen. Und unterstützt sie. Seine Arbeiterlieder gehen ans Herz, schweißen zusammen und machen Mut", lobt eine Gewerkschaftszeitung Köhlers Einsatz. Und dieses Ringen um Selbstbestimmung, um Menschenwürde, ums Überleben soll auch künftig zentrales Thema des unangepassten, frankofonen Idealisten bleiben.
Steckbrief
Name: Bernd Köhler alias "Schlauch"
Instrumente: Gesang und Gitarre
Musikstil: Liedermacher
Alben: "Schlauch" Live; "Die neue Welt"; "avantipopolo 1- 3", "Keine Wahl"; "In dieser Straße"
Livekonzerte: Freitag, 16. Juli, 19.30 Uhr, Brecht-Abend mit Bettina Franke beim Kulturtreff Altes Rathaus Feudenheim; Sonntag, 25. Juli, 15 bis 17 Uhr, Schillerplatzfest, "Bunte Vielfalt statt völkischer Einfalt” mit Joachim Romeis, Schillerdenkmal, Mannheim, Ecke B3/C3
Musik im Internet: https://www.youtube.com/watch?v=IjNZpUDO_Bo
Kontakt: E-Mail bk@ewo2.de
Homepage: www.ewo2.de
