Rhein-Neckar: Wie Familien im Corona-Stress von Beratungsstellen Hilfe bekommen
Von Sabine Hebbelmann
Neckargemünd/Rhein-Neckar. Das Corona-Jahr 2020 hat besonders Familien einiges abverlangt. Bei der Psychologischen Beratungsstelle für Erziehungs-, Partnerschafts- und Lebensfragen des Evangelischen Kirchenbezirks Neckargemünd-Eberbach meldeten sich gestresste Eltern von Kleinkindern wie auch Eltern, die sich Gedanken wegen ausufernder Mediennutzung ihrer Teenager machen. Als Teil der Jugendhilfe ist sie als eine von insgesamt acht Erziehungsberatungsstellen in freier Trägerschaft für den Rhein-Neckar-Kreis tätig und unterhält eine Außenstelle in Leimen.
"Uns ist es wichtig, in Präsenz da zu sein", betont der Leiter der Stelle, Diplom-Psychologe Robert Braun, der jüngst den Jahresbericht vorstellte. Dank Schutzkonzept und entsprechender Räumlichkeiten sei das auch gut möglich. Bei der persönlichen Beratung in insgesamt 492 Fällen im Jahr 2020 hatte der direkte Kontakt einen hohen Stellenwert. Die Möglichkeit zu telefonischen und videogestützten Gesprächen wurde nur in 75 Fällen in Anspruch genommen.
Ergänzt wurde die Beratung durch Gruppenangebote und Kurse für Erzieherinnen und Eltern in besonderen Lebenslagen. "Familien in häuslicher Isolation hocken aufeinander, der Stresspegel steigt," beobachtet Braun. So fanden sich manche Mütter fast über Nacht in einer traditionellen Frauenrolle wieder. Den Vätern, soweit sie im Homeoffice arbeiteten, hielten sie den Rücken frei und die Kinder von den oft schnell improvisierten Arbeitszimmern fern. Gleichzeitig mussten sie die Kinderbetreuung, das Homeschooling, den Haushalt und ihre eigene Berufstätigkeit organisieren.
Eltern wollen das Beste für ihr Kind. Die Ansprüche, die sie für sich ableiten, sind enorm. "Es gibt keine Mutter, die nicht ständig ein schlechtes Gewissen und das Gefühl hat, sie könnte mehr leisten", sagt Braun. Das führe zu latenter Überforderung. Es gelte, ein Gespür für die eigenen Grenzen zu entwickeln. Dazu gehöre auch, Dinge vom Partner einzufordern und ihn zu bitten: "Kannst du das für mich übernehmen?"
"Starke Eltern, starke Kinder" heißt eines der Gruppenangebote. Laut Braun schöpfen stabile Eltern Kraft aus ihrer Beziehung und sind in der Lage, Rahmen zu setzen und Grenzen zu ziehen. Doch oft räumten Eltern der Partnerschaft nur wenig Raum ein. "In der Kleinkindphase ist das unausweichlich, aber wenn die Kinder größer werden, stellt sich die Frage nach dem Verhältnis zwischen Familie und Partnerschaft neu", so Braun. "Eltern zeigen sich überrascht, wenn der achtungsvolle Umgang mit den eigenen Bedürfnissen in Verbindung mit orientierungsgebenden Entscheidungen kindliche Verhaltensprobleme oder familiäre Spannungen entschärft", so Braun.
In Gruppen speziell für Kinder mit ihren Eltern wurden die Ursachen von kindlichen Ängsten und Unsicherheiten sowie der Umgang damit und die besonderen Herausforderungen durch eine elterliche Trennung bearbeitet. Schüchterne Kinder im Alter von acht bis elf Jahren konnten sich in Selbstsicherheit üben.
Unter den Vorträgen und Veranstaltungen für Eltern gab es auch eine zum Thema Mediennutzung "vom Bilderbuch zum Smartphone". Während die Kinder in der Pandemie ihrem sozialen Umfeld entrissen waren, wurde der Umgang mit den digitalen Medien als problematisch empfunden: "Es ist schwierig, Vereinbarungen zur Mediennutzungszeit einzuhalten, wenn während des Online-Unterrichts nebenbei gezockt wird", so Braun. Teenager seien da unendlich einfallsreich. Besonders Jungs, die gewöhnlich in ihrer Peergroup organisiert sind, seien in der Pandemie auf sich reduziert. Um mit Gleichaltrigen in Kontakt zu bleiben, griffen sie auf entsprechende Online-Spiele zurück.
Familien sollten Mut zur Lücke haben und auch mal "Fünfe gerade sein lassen", rät Braun. Es gelte, ein gutes Maß zu finden zwischen den Ansprüchen der Eltern und dem Familienfrieden.
Gleichzeitig, so wissen die fünf Fachkräfte der Beratungsstelle, nutzen allgemeine Rezepte oft wenig, weil sie zu kurz greifen und Gewohnheiten, Schuldgefühle oder belastende Erfahrungen oft gegen Veränderungen sprechen. "Erst wenn der Gewinn von neuen Haltungen erlebt werden kann, haben diese eine Chance, alte Muster dauerhaft zu ersetzen", so Braun.
