Adelsheim: Grünen-Spitzenpolitiker Cem Özdemir gab Einblicke in sein Leben
Adelsheim. (joc/ahn) Cem Özdemir ist ein politisches Aushängeschild der Partei Bündnis 90/Die Grünen. Im Jahr 1994 gehörte er zu den ersten Bundestagsabgeordneten mit türkischen Eltern. Von November 2008 bis Januar 2018 war er Bundesvorsitzender seiner Partei und grüner Spitzenkandidat für die Bundestagswahl 2017. Am Mittwoch war das politische Schwergewicht zu Gast in Adelsheim. Bei einem Besuch in der Jugendvollzugsanstalt Adelsheim (JVA) machte er sich ein Bild vom Strafvollzug im Bauland. Am Abend traf er sich dann mit Kommunalpolitikern der Grünen im Schloss in Sennfeld. Vor dem herrlichen Ambiente des Schlosshofs sprach die RNZ mit dem Grünen-Spitzenpolitiker:
Herr Özdemir, waren Sie schon ein paar Mal in der Region zu Gast?
Ja, häufiger, zumeist bei politischen Veranstaltungen, etwa beim Politischen Aschermittwoch in Mosbach. Darüber hinaus verbindet mich einiges mit Hans-Detlef Ott und Klaus Brauch-Dylla, Mit ihnen habe ich bei einem Projekt in Bosnien zusammen gearbeitet. Dieser Kontakt ist nie abgerissen.
Gefällt es Ihnen hier?
Ja, sehr. Heute habe ich das Sennfelder Schloss für mich entdeckt. Es ist wunderschön. Solche Schmuckstücke gibt es bei Ihnen in der Region sehr viele, aber auch die Landschaft ist reizvoll.
Besteht ein enger Kontakt zu den hiesigen Grünen?
Ja, natürlich, wir kennen uns sehr gut.
Schätzen Sie deren Arbeit, die ja quasi Pionierarbeit im "schwarzen Land" leisten …
Das letzte Mal war es ja hauchdünn. Unser Kreisverband hat einen engagierten und guten Wahlkampf gemacht. Das war toll, und der Zugewinn an Stimmen war ja für uns Grüne auch enorm. Und das, obwohl die CDU hier mit Peter Hauk einen sehr erfahrenen Politiker als Kandidaten hatte.
Land:
Karlsruhe, Mannheim oder Heidelberg, der Vorwurf hierzulande lautet oft, dass die Grünen sich in Nordbaden vorwiegend für die Ballungszentren einsetzen, weil dort ihre Wähler sitzen. Was entgegnen Sie dem?
Das war früher vielleicht mal so. Wir haben auch fernab der Zentren einen großen Mitgliederzuwachs und eine steigende Zahl von Leuten, die uns gut finden. Wir sind längst eine Partei für Stadt und Land!
Winfried Kretschmann ist der einzige grüne Ministerpräsident in Deutschland: Was ist sein Erfolgsrezept?
Winfried Kretschmann ist ein Phänomen. Er ist ein idealer Landesvater, weil er Gruppen einen kann. Die Grünen haben ihm viel zu verdanken. Er hat uns für viele wählbar gemacht, die zuvor nie grün gewählt haben.
Glauben Sie, dass es bald weitere Bundesländer unter grüner Führung geben wird?
So etwas braucht Zeit. In Baden-Württemberg kam das auch nicht über Nacht. Es ist das Ergebnis harter Arbeit und letztlich eng mit dem Namen Winfried Kretschmann verbunden. das lässt sich nicht eins zu eins übertragen. Aber trotzdem bin ich zuversichtlich, dass wir ähnliche Erfolge auch in anderen Ländern erringen können.
Bund:
Klimaschutz ist die Mutter aller Forderungen der Grünen. Können Sie dies etwas präzisieren?
Auch da hält Baden-Württemberg, was andere nur versprechen. Wir sind die Ersten in Bezug auf die Ladeinfrastruktur. Außerdem haben wir das beste Ergebnis bei der CO2-Eingrenzung. Die Zunahme der Wetterphänomene lässt sich eindeutig auf die Klimakrise zurückführen. Wenn man sich vorstellt, welche Kosten die Folgen wie das Aufräumen haben, ist das, was man jetzt in den Klimaschutz investieren müsste, ein "Nasenwässerle", wie man bei den Schwaben sagt. Und: Wohlstand, Wachstum und Klimaschutz lassen sich durchaus miteinander verbinden. Klimaschutz ist nur Hand in Hand mit der Technologie zu machen. Daher sehe ich es als eine immense Chance, wenn Deutschland Weltmarktführer im Klimaschutz wird.
Wenn Sie zwei oder drei weitere Schwerpunktthemen grüner Politik herausstellen müssten. Welche wären das?
Wir haben das volle Sortiment. Da wir in elf Bundesländern mitregieren, müssen wir uns auch um alle Themen kümmern. Dazu gehört natürlich auch der Klimaschutz. Aber zwischen Umwelt und Wirtschaft gehört kein "oder". Deshalb sind auch Wirtschaftsthemen ganz vorn dabei. Außerdem müssen wir als Grüne es schaffen, die Gesellschaft in der Mitte zusammenzubringen, Gräben zuzuschütten und auch die aufgeheizte Atmosphäre in den sozialen Medien zu beruhigen. Darüber hinaus brauchen wir eine exzellente Infrastruktur für eine durchlässige und gerechte Gesellschaft.
Stichwort Bundestagswahl: Wie schneiden die Grünen ab?
Wir müssen die Ärmel hochkrempeln und so kommunizieren, dass die Leute verstehen, dass dies eine Richtungswahl wird. Wir leben in einem großartigen Land – auch mit all unseren Problemen. Deshalb finde ich es ein Privileg, unser Land regieren zu dürfen.
Finale:
Jetzt zur schönsten Nebensache der Welt. Ihr Tipp, wer wird Fußball-Europameister?
Ja, wir sind ja nun leider draußen. Übrigens, wie alle anderen in der so hoch gehandelten Gruppe auch. Frankreich hatte ich zu Beginn hoch eingeschätzt. Das wird auch nix mehr. Aktuell finde ich, dass die Dänen echt Hammer spielen . Geheimfavorit ist für mich aber nach wie vor Belgien.
Letzte Frage, Was machen Sie, wenn sie mal richtig abschalten wollen?
Da kann ich ein ganz aktuelles Beispiel nennen. Ich treffe mich in dieser Woche mit Timo Hildebrand, dem früheren Torwart des VfB Stuttgart. Wir machen zusammen Yoga. Das entspannt herrlich. Und dann fahre ich auch viel Fahrrad.
Da hätten wir einen Tipp für Sie: Wir empfehlen für stressgeplagte Politiker Urlaub im Odenwald und Bauland mit seinen tollen Radwegen ...
