Ruf wie Banksy: Mannheimer Kunstverein zeigt Arbeiten des Street-Art-Künstler "Goin"
Von Manfred Ofer
Mannheim. "I Spray For You": Mit dieser Botschaft werden Besucher des Mannheimer Kunstvereins an der Augustaanlage empfangen. Der Satz steht in expressivem Rot über zwei betenden Hände geschrieben, die eine Sprühdose halten. Das Canvas des französischen Street-Art-Künstlers "Goin"ist das Logo einer Werkschau, die in mehrfacher Hinsicht eine Premiere ist. Handelt es sich doch um die erste und bislang einzige Solo-Show eines Street-Art-Künstlers in einem deutschen Kunstverein. Eines Phantoms, das einen so legendären Ruf wie Banksy hat.
Wer die lichtdurchfluteten Hallen des Kunstvereins betritt, taucht in eine Welt ein, die mit den Grenzen der Wahrnehmung spielt, indem sie diese auf sich zieht. Neu, ungewohnt und bisweilen auch verstörend ist das, was den Betrachter hier so bunt und frech von der Wand anstarrt. Die Motive, derer sich der französische Street-Art-Künstler "Goin" annimmt, sind wie ein Spiegel, den er einer mit sich streitenden Gesellschaft vorhält. Und nicht zuletzt auch dem, der vor ihnen steht.
"Never go back to school" steht auf einem "Stencil", wie man im Jargon der Straße die mit der Schablone aufgetragene Sprühkunst nennt, zu lesen. Es zeigt zwei Schulkinder in nostalgischem Schwarz-Weiß, die ihre Gesichter unter Gasmasken verbergen. Auf einem kleinen Schild erfährt man, dass es in einer frühen Phase der Pandemie entstanden ist. Kinder im Lockdown. Ein polarisierendes Thema, wie so vieles, was man bei einer Tour durch zwei Etagen voller Bilderwelten entdecken kann. Geht man weiter, bleibt man schon mal vor dem Cartoon eines US-Polizisten stehen, der sein Gesicht hinter der Maske des rassistischen Ku-Klux-Klans versteckt. Er hält einen Schlagstock in der Hand. Der Aufschrei gegen Polizeigewalt springt den Besucher von der Leinwand förmlich an.
"The Council of Monkeys" heißt eine andere Groteske. Es zeigt die berühmten drei Affen, die nichts Böses sehen, hören oder sagen. Sie tragen Maßanzüge und sitzen auf einem Berg von Säcken mit Dollarzeichen. Es scheint so, als würde sich die ganze Welt um dieses Trio drehen. Von besonderer Aktualität ist das Bild eines fast verhungerten Kindes, das mit traurigem Blick neben einem Fußball steht. "Need Food Not Football" steht in drastischem Rot darauf gesprüht. Die Farbe verläuft am unteren Rand und erinnert an Blut. Dass das Werk mit einem klassischen Rahmen stilvoll eingefasst ist, macht es umso verstörender.
Wenn man das alles sieht, scheint es gar nicht mehr verwunderlich zu sein, dass sich "Goin" als einen "Enraged Artist" bezeichnet. Vorgänge, die einen wütend machen können, hat der Franzose, der sich wie ein Phantom durch die zeitgenössische Kunstwelt bewegt, offenbar genug gesehen. Die Kunst, die er daraus macht, legt bewusst den Finger in die Wunde und ist so anarchisch wie sein Lebensstil. Angeblich besitzt "Goin" lediglich zwei Paar Schuhe und investiert das Geld, das er verdient, ausnahmslos in neue Projekte, mit denen er "Menschen aufrütteln und die Welt ein kleines bisschen besser machen will".
Die Werkschau, zu der ein reich bebilderter Katalog erschienen ist, besteht ausnahmslos aus Originalen, die der rastlose Künstler in den letzten 25 Jahren gestaltet hat. Auf Wänden, Leinwand, Holz, oder auch schon mal auf schlichtem Karton hat er sie gemalt. "Goin" scheint nicht wählerisch zu sein, wenn es um Projektionsflächen für die Bilder in seinem Kopf geht. Das passt zum Wesen der Street Art, in der es schon mal schnell zur Sache gehen muss.
"Das Besondere an Street Art ist ja gerade auch das vollständige Fehlen von Hürden", ist Alexandre Goffin, der Kurator der Ausstellung, überzeugt. "Jeder, der sich dafür begabt fühlt, kann sofort loslegen". Mehr als eine Schablone und eine Sprühdose braucht es oft nicht, um seine Ideen im öffentlichen Raum publik zu machen. Und doch steckt noch so viel mehr dahinter. "Gerade weil Street Art mittlerweile so inflationär verbreitet ist, muss man als Künstler schon sehr stilbildend sein, um aus der großen Masse hervorzutreten", sagt Goffin. "Goin" bringe alle Voraussetzungen mit, um als prägender Vertreter der Street Art in Galerien und Museen gewürdigt zu werden. Das entspricht auch dem Selbstverständnis des Kurators und der Mitglieder seines Vereins, die immer auf der Suche nach neuen Wegen in der zeitgenössischen Kunst sind. "Da fühlen wir uns schon ein bisschen wie Spürnasen", bemerkt er.
Info: Kunstverein Mannheim, bis 31. August. Katalog 39,90 Euro. www.mannheimer-kunstverein.de
