Hoffnung für Alkoholiker: Mit einer Pille die Leber reparieren
Von Klaus Welzel
Heidelberg. "Alkohol ist Dein Sanitäter in der Not", singt Herbert Grönemeyer. Falsch. Alkohol ist eher der Totengräber. Jeden Tag erliegen ca. 200 Menschen in Deutschland der Sucht. Viele von ihnen, weil durch das chronische Trinken ihre Leberzellen geschädigt werden. Am Ende steht dann früher oder später eine tödliche Leberzirrhose.
Aufhören fällt schwer. Viele Trinker schaffen es einfach nicht. Die Rückfallquote liegt bei Alkoholikern zwischen 70 und 90 Prozent – und bei vielen ist die Leber geschädigt. Doch genau dieser Gruppe kann geholfen werden. Ein Forscherteam um den Mediziner und Alkoholexperten Prof. Dr. Helmut K. Seitz sowie den Pharmakologen Prof. Dr. Walter E. Haefeli vom Universitätsklinikum hat einen Weg gefunden, wie Alkoholiker mittels Medikamenten ihren Leberschaden verbessern können. Dargelegt haben die Heidelberger ihr Prinzip in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift "Gut", eine Publikation der "British Society of Gastroenterology" mit Sitz in London.
Die Ergebnisse einer mehrjährigen Studie, an der 60 Patienten mit einer alkoholischen Lebervorerkrankung teilnahmen, sind spektakulär. Beobachtet haben die Forscher, ob es gelingt, das für den Alkoholabbau in der Leber nützliche Protein Zytochrom P4502E1 in den Griff zu bekommen. Denn die "Nebenwirkungen" dieses Proteins sind verheerend. Einerseits hilft es zwar, den Alkohol schneller abzubauen, weshalb handfeste Trinker ein besonders hohes Vorkommen von CYP2E1 (so der abgekürzte Name) in ihrem Blut aufweisen. Jedoch baut das Protein zugleich Medikamente schneller ab und wandelt diese manchmal in toxische Produkte um. Außerdem gilt es als Vitamin A-Killer und erzeugt sogenannte freie Radikale – Krebsgefahr.
Prof. Seitz, der seit vier Jahrzehnten zu dem Thema forscht, gab nun der einen Gruppe der 60 Probanden das bei Alkoholentzug übliche Mittel Clomethiazol, die andere Gruppe erhielt das Beruhigungsmittel Tranxilium. Ergebnis: Die Patienten, die Clomethiazol erhalten hatten, wiesen nach einer Woche signifikant bessere Leberwerte im Blut auf und weniger Fett in der Leber. Bei den anderen blieb der Spiegel des Proteins CYP2E1 ungefähr gleich. Ein Riesendurchbruch.
Alleine: Clomethiazol macht – nach ein bis zwei Monaten – abhängig. Es muss also ein Ersatzstoff gefunden werden. Laut Seitz bietet sich eventuell Tomatenextrakt an, es gibt aber auch Forschungen zu Hopfen – was angesichts der Thematik skurril wirkt. Aber: "Wir haben das Prinzip beweisen können, dass es möglich ist, den CYP2E1-Spiegel medikamentös zu senken und damit der Leber zu helfen", sagt Seitz im Gespräch mit der RNZ. Die "Pille zur frühzeitigen Behandlung der Leber bei alkoholischer Lebererkrankung ist also im Bereich des Möglichen. "Alles Weitere, so der Forscher, werde sich weisen.
Hoffnungen haben jetzt zwei Millionen Alkoholiker in Deutschland. Denn auch, wenn der ein oder andere Alkohol besser verträgt: Jede zweite Leberzirrhose ist auf Alkoholmissbrauch zurückzuführen. Wichtig für die Studie war es deshalb, dass keiner der Probanden schon Zeichen einer Leberzirrhose aufwies. Denn dieser Gruppe würde die Gabe von Clomethiazol nichts nützen.
Offensichtlich traf Herbert Grönemeyer mit seinem Song im Jahr 1984 den richtigen Punkt: "Alkohol ist das Drahtseil, auf dem du stehst".
