Heidelberg: OB Eckart Würzner war 2020 "permanent im Krisenmodus"
Von Sebastian Riemer und Holger Buchwald
Heidelberg. Es ist einer der letzten offiziellen Termine von Oberbürgermeister Eckart Würzner in einem verrückten Krisenjahr: das Jahresabschluss-Interview mit der Rhein-Neckar-Zeitung. Angesichts der hohen Infektionszahlen muss auch das Stadtoberhaupt seine Kontakte einschränken und hat die meisten anderen Treffen abgesagt. Alle tragen FFP2-Masken, und im ersten Teil des Gesprächs gibt es nur ein Thema: Corona und die gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Folgen.
Herr Würzner, zum Start unseres Jahresabschlussinterviews drei Satzanfänge, die Sie ergänzen dürfen. Los geht’s: Die größten Alltagshelden in der Corona-Krise sind für mich ...
... die vielen Tausend Ehrenamtlichen, die in der Krise mit angepackt haben.
Von Videokonferenzen bekomme ich ...
... langsam graue Haare.
Wenn die Corona-Verordnung der Landesregierung mal wieder auf den letzten Drücker kommt, denke ich ...
... gar nichts mehr. Ich bin es schon gewohnt. Ich habe den Glauben verloren, dass das noch einmal anders wird.
Herr Würzner, für uns alle war das ein unglaubliches, für viele ein schlimmes Jahr. Wie war es für den Oberbürgermeister der Stadt Heidelberg?
Ich war permanent im Krisenmodus. Wir haben im Krisenstab quasi ständig Feuerwehr gespielt. Gleichzeitig bereitet man sich mit Hochdruck auf die nächste Lage vor. So etwas kannte ich bisher aus einzelnen Situationen, die vielleicht mal einen Tag andauern – aber nicht Wochen oder gar Monate.
Dabei ging es und geht es um Menschenleben, um wirtschaftliche Existenzen. Wie halten Sie denn diesem Druck als oberster Krisenmanager Heidelbergs stand?
Ich bin jetzt 14 Jahre Oberbürgermeister. Ich kenne meine Stadt, kenne die Menschen und kann mit dieser Situation umgehen. Was mich aber schon umgetrieben hat, ist, wenn nicht zeitnah reagiert wurde, obwohl die Faktenlage eindeutig war.
Was meinen Sie damit?
Etwa die zögerliche Haltung zu Schutzmasken, die wir in Deutschland im Frühjahr hatten. Da waren wir in Heidelberg Vorreiter, haben vor Bund und Land die Maskenpflicht an Schulen eingeführt – und ich musste unvorstellbare Diskussionen führen, auch mit einzelnen Lehrkräften, die keine Maske im Unterricht tragen wollten.
Heidelberg ist bisher besser durch die Krise gekommen als andere, hat niedrigere Infektionszahlen als Mannheim, der Rhein-Neckar-Kreis oder Heilbronn. Wie erklären Sie sich das?
Wir haben eine Bevölkerung, die die Sensibilität und das Wissen hat, die harten Maßnahmen mitzutragen. Und wir haben einige Dinge zusätzlich gemacht, etwa beim Schutz älterer Menschen in den Pflegeheimen. Auch da haben wir uns frühzeitig gekümmert und auf eigenen Lieferwegen Masken beschafft.
Hat das Land in der Frühphase der Pandemie im März und April aus Ihrer Sicht versagt?
Nein, das möchte ich nicht sagen. Mich hat es aber schon erstaunt, dass Bund und Länder manchmal nicht in der Lage waren, rechtzeitig die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen. Plötzlich standen die niedergelassenen Ärzte ohne Masken dar. Wären wir nicht so früh selbst als Kommune aktiv geworden und hätten eigene Lieferungen aus China organisiert, hätten Praxen, Rettungsdienste oder Pflegestationen ausfallen können.
Was ist Ihre Lehre aus diesem Corona-Jahr?
Dass unser dezentrales System in Deutschland funktioniert, weil die Akteure vor Ort wissen, was zu tun ist. Ganz zentral sind auch die Ehrenamtlichen: Ob Feuerwehr, DRK, Johanniter oder Malteser – da stehen pro Einheit sofort 200 bis 300 engagierte Einsatzkräfte bereit. Die sind gut ausgebildet, motiviert und wissen, was zu tun ist. Mit ihnen gelingt es, binnen Stunden Tausende Masken zu verteilen. Oder man baut ein Impfzentrum in Patrick-Henry-Village in nur einer Woche auf, komplett mit Raumluft- und Brandschutzanlage. Und wir haben mit dem Universitätsklinikum den besten Partner an dieser Stelle, den man sich nur wünschen kann.
Apropos Impfen: Wann sind Sie eigentlich an der Reihe?
Erst einmal sind unsere Ärztinnen und Ärzte, die Pflegekräfte und die am meisten Gefährdeten dran. Ich drängle mich nicht vor. Aber wenn ich dann dran bin, freue ich mich sehr – und mache natürlich mit.
Heidelberg lebe kontinuierlich über seine Verhältnisse, hat Finanzbürgermeister Heiß schon 2019 gewarnt. Jetzt macht die Stadt wegen Corona noch einmal doppelt so viele Schulden wie geplant. Wo kann Heidelberg im kommenden Haushalt noch sparen?
Es stimmt schon: Mit einer Neuverschuldung von 50 Millionen Euro würden wir in normalen Zeiten keinen Haushalt genehmigt bekommen. Aber wichtig ist mir, wo wir auf keinen Fall sparen sollten: Dort, wo wir Arbeitsplätze schaffen und sichern können. Die Zukunftsinvestitionen – etwa in unseren neuen Stadtteil in PHV – müssen weitergehen. Zurückhalten müssen wir uns bei Festen, Feiern und anderen Geldern, die dann einfach weg sind. Was wir in dem Bereich jedes Jahr gemacht haben, sollten wir jetzt nur noch alle zwei Jahre machen.
Was ist mit dem sozialen Bereich, wo es um jene geht, die mit am stärksten von der Pandemie betroffen sind?
Der Sozialhaushalt muss an Corona angepasst werden – das heißt, er wird mit Sicherheit steigen. Dort dürfen wir auf keinen Fall den Rotstift ansetzen. Ein Beispiel: Die Unterkünfte für Obdachlose können wegen Corona weniger belegt werden. Also mieten wir im Winter Hotels für die Menschen an, damit alle unterkommen. An diesem Engagement dürfen wir nicht sparen.
Aber wo kann man dann sparen?
Wir wollen nicht mehr alles bis ins Kleinste regeln. Wir müssen Genehmigungsverfahren vereinfachen. Das entlastet die Verwaltung – und die Unternehmen. Die Stadt muss nicht alles bis auf den letzten Quadratmeter kontrollieren. Nachdem der Staat dieses Jahr so dominant sein musste, sollte er sich jetzt ohnehin etwas zurückziehen. Die Farbe des Gartenzauns ist nicht Sache des Staates.
Der Kampf gegen Corona rückt den Kampf gegen den Klimawandel in den Hintergrund. Muss der jetzt erst mal warten?
Der globale Klimaschutz ist noch immer unsere größte Herausforderung. Der Klimawandel destabilisiert ganze Regionen, löst gewaltige Migrationsströme aus. Dieser Kampf kann nicht warten.
Doch Klimaschutz ist teuer – etwa der Ausbau des ÖPNV. Kann und wird Heidelberg sich das jetzt noch leisten?
Unsere wichtigste Klimaschutzmaßnahme des Jahres war, dass sich unsere Stadtwerke an einem großen Wind- und Solarpark beteiligen. Allein der Solarpark wird über 60 Fußballfelder groß – weit größer als alle Solaranlagen, die wir in Heidelberg haben. Das ist echter Klimaschutz – und diesen Weg gehen wir weiter.
Und was ist mit dem Ausbau des ÖPNV?
Wir stecken jedes Jahr mehr Geld rein, haben mehr Fahrzeuge, mehr Kapazitäten – aber deshalb nicht unbedingt mehr Fahrgäste. Um da wirklich nachhaltig weiterzukommen, brauchen wir ein grundsätzlich anderes Finanzierungsmodell: Der Bund muss den öffentlichen Nahverkehr stärker finanzieren.
