Schillertage Mannheim: Theaterblut aus Plastikeimern
Von Volker Oesterreich
Mannheim. Das Theater ist Theater ist Theater. Nichts anderes. Deshalb versetzt uns die renommierte Regisseurin Claudia Bauer mit ihrer ziemlich freien Version von Schillers Königinnendrama "Maria Stuart" weder ins Elisabethanische Zeitalter, in dem das Stück spielt, noch in die deutsche Klassik, während der es anno 1800 am Weimarer Hoftheater uraufgeführt wurde. Stattdessen blicken wir bei dieser Eigenproduktion des Nationaltheaters Mannheim zum Auftakt der 20. Internationalen Schillertage auf acht Schauspielergarderoben, die sich hinter grauen Plastiklamellen verbergen. Was sich dahinter verbirgt, zeigen uns die live auf die obere Bretterwand projizierten Kamerabilder.
Acht Ensemblemitglieder sind beim Schminken und beim Ankleiden zu sehen. Sie memorieren noch ein paar Kernsätze aus dem Drama, um sich auf den Auftritt vorne auf der Schachbrettbühne vorzubereiten. Beim Publikum kommt hauptsächlich Sprachsalat an. Ein kakophones Chaos, wie es regelmäßig vor einer Opernvorstellung aus dem Orchestergraben erklingt. Bloß aus Worten.
Wie sich rasch herausstellt, besteht das Schiller-Ensemble aus jeweils einem Elisabeth- und einem Maria-Quartett, wobei sich aus jedem der Quartette noch weitere Figuren herausschälen, darunter die ganze Clique intriganter Strippenzieher, die auf Kosten der hochwohlgeborenen Damen ihr jeweils eigenes Polit-Süppchen kochen. Die Königinnen-Quartette liefern sich das bekannte Match um geschwisterliche Eifersucht und Ehrverletzung, um Standesdünkel und Machtanspruch, um Liebesdünkel und Todesangst, an der die eingekerkerte Maria leidet, bis sie sich auf dem Schafott von allen irdischen Qualen befreit.
All dies wirkt sehr stilisiert, sehr gewollt und vor allem: sehr schrill. Es wird viel gebrüllt an diesem Abend, und zwar im höchsten Kreisch-Diskant. Dass solche Misstöne den Ohren nicht gerade schmeicheln, versteht sich von selbst. Geprägt ist die Inszenierung aber auch von langen chorisch deklamierten Passagen - ganz so wie bei Einar Schleef selig. Dabei ist "Maria Stuart" - im Gegensatz zur kaum gespielten "Braut von Messina" - kein Chorstück. Aber Claudia Bauer scheut sich nicht davor, mit prätentiösen Sprachrhythmen in die Fußstapfen Schleef zu treten.
Mit den projizierten Livebildern aus Räumen, die den Zuschauern eigentlich verborgen sind, eifert die Regisseurin dem mittleren und älteren Castorf nach. Und die vielen Plastikeimer mit dem Theaterblut, mit dem bei Marias krass geschilderter Enthauptung herumgepanscht wird, erinnern an den Castorf der frühen 1990er Jahre. Gut geklaut, ist halb gewonnen, mag sich Claudia Bauer bei ihrer munter dekonstruierten Schiller-Sause gedacht haben. Aber was bietet die fest in Leipzig engagierte Regisseurin bei ihrer Mannheimer Klassiker-Verwurstung an Eigenem, an Neuem, an Originellem? Leider ziemlich wenig. Zum Glück wird optisch viel geboten, und das ist vor allem der Bühnenbildnerin Patricia Talacko und dem Kostümbildner Andreas Auerbach zu verdanken. Letzterer hat die Akteure mit Masken, Perücken und phantasievollen Kostümen ausgestattet. Sie weisen einige Renaissance-Elemente auf, tendieren aber auch zum zeitlos Clownesken. Bestes Augenfutter.
Überzeugend auch, wie klar die acht Schauspielerinnen und Schauspieler mit Schillers Versen auf den Lippen den Konflikt zwischen selbstbewussten Frauen und einer manipulativen Männerschar herauskitzeln: Sophie Arbeiter, Sonja Isemer, Robin Krakowski, Patrick Schnicke, László Branko Breiding, Johanna Eiworth, Vassilissa Reznikoff und Nicolas Fethi Türksever leisten da ganze Arbeit.
Heißkalte Fieberträume löst die Produktion aber nicht aus. Dabei wurde das "Fieber" als Motto der Schillertage gewählt - erinnernd damit daran, dass Schiller während seiner Mannheimer Zeit an Malaria litt und selbst vom Fieber geschüttelt worden war. Als Arzt und Dichter glaubte er außerdem daran, dass die von der Französischen Revolution fiebrig erhitzte Gesellschaft mit den Mitteln der Kunst kuriert werden könne. Bei den vielen Aktivitäten des bis zum 30. Juni dauernden Festival soll es einem jedenfalls heiß und kalt den Rücken herunterlaufen. Der Schiller-Virus grassiert.
