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Krankenstand in Deutschland: Aumovio-Chef sieht Standort im Nachteil

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Der Chef des Autozulieferers Aumovio will zurück zur 40-Stunden-Woche, ohne mehr Lohn. Im Interview spricht Philipp von Hirschheydt über den Krankenstand und das fehlende Tempo am Standort. Hinter Philipp von Hirschheydt liegt ein ereignisreiches Jahr: erst die Abspaltung von Continental , dann ein drastisches Restrukturierungsprogramm, bei dem Aumovio Zehntausende Stellen verlor. Der Vorstandschef trägt ein weißes Hemd und bernsteinfarbene Manschettenknöpfe, seine weißen Haare lassen ihn älter wirken, als er ist. Der 52-Jährige hat an diesem Tag schon viel geredet, seine Stimme ist kratzig, er muss sich oft räuspern. Reden will er trotzdem. Im Interview mit t-online spricht er frei, rutscht dabei auf seinem Sessel hin und her, greift sich beim Nachdenken an den Kopf, und wenn ein Gedanke Fahrt aufnimmt, arbeiten die Hände mit. Kaum ein Manager äußert sich derzeit so deutlich zum Standort Deutschland wie er: Im Sommer sagte von Hirschheydt, für die deutsche Autoindustrie sei es "fünf nach zwölf", und stellte sich hinter die Forderung des Mercedes-Vorstands nach längeren Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich. An zwei eigenen Standorten hat er sie bereits durchgesetzt. Beliebt macht ihn das bei den eigenen Leuten nicht. Er weiß das – und redet trotzdem weiter. Werke dicht, Stellen weg : Aumovio schrumpft stark t-online: Herr von Hirschheydt, Sie sagen, für den deutschen Autostandort sei es fünf nach zwölf. Was meinen Sie damit? Philipp von Hirschheydt: Die Lage ist sehr ernst. Ich mache mir Sorgen um die Zukunft des produzierenden Gewerbes in Deutschland, zu dem die Automobilindustrie einen wesentlichen Beitrag leistet. Im Moment spricht nichts dafür, die Produktion auszuweiten. Im Gegenteil. Was ist das drängendste Problem? Es gibt nicht den einen entscheidenden Faktor. Es waren einmal viele kleine Themen, inzwischen sind es viele mittelgroße, die zusammenkommen. Dazu zählt insbesondere die im internationalen Vergleich hohe bürokratische Belastung. Was fordern Sie? Deutschland sollte Vorschriften systematisch überprüfen und dort abbauen, wo sie keinen ausreichenden Mehrwert schaffen. Das erfordert vor allem politische Prioritätensetzung. Baden-Württemberg verfolgt einen interessanten Ansatz: Berichts- und Dokumentationspflichten des Landes sollen Ende 2027 grundsätzlich auslaufen, sofern ihre Fortführung nicht begründet wird. Eine solche Umkehr der Begründungspflicht brauchen wir auch im Bund. Die Energiekosten in Deutschland sind im Vergleich zu den USA oder China hoch. Wie sehr belastet Sie das? Die Energiekosten treffen uns weniger stark als energieintensive Industrien. Zudem haben wir früh Maßnahmen ergriffen, um Energieverbrauch und Emissionen zu senken. Stärker ins Gewicht fallen für uns die im internationalen Vergleich sehr hohen Arbeitskosten und die insgesamt hohe Abwesenheitsquote in Deutschland. Sie meinen den Krankenstand in Deutschland? Ja. Die Abwesenheitsquote liegt in Deutschland deutlich über der in vielen anderen Ländern. Darüber sprechen wir seit Jahren, bislang jedoch ohne spürbare Verbesserung. Was folgt daraus? Wir sollten Leistungsbereitschaft und Aufstiegschancen wieder stärker fördern. Das beginnt bei der Bildung: Kinder sollten ermutigt werden, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und sich Ziele zu setzen. Gleichzeitig erleben wir etwa in China einen sehr intensiven Wettbewerb um Geschwindigkeit und Qualität. Diesem Wettbewerb müssen wir uns stellen. Oder wir haben ihn verloren. Das will ich nicht akzeptieren. Sie fordern 40 statt 35 Wochenstunden, ohne Lohnausgleich. Für Ihre Beschäftigten ist das eine Lohnkürzung von mehr als zehn Prozent. Eine Verlängerung von 35 auf 40 Wochenstunden würde die verfügbare Arbeitszeit rechnerisch um rund 14 Prozent erhöhen. Entscheidend ist, wie wir daraus gemeinsam mehr Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit schaffen. Soll Deutschland also ein Niedriglohnland werden? Nein, ganz ausdrücklich nicht. Deutschland wird auch bei längeren Arbeitszeiten kein Niedriglohnland. Zugleich wäre es zu kurz gegriffen, allein über Arbeitszeit zu sprechen. Für mehr Wettbewerbsfähigkeit müssen mehrere Faktoren zusammenkommen. Generationen von Beschäftigten haben für kürzere Arbeitszeiten gekämpft, um mehr Zeit für ihre Familien zu haben. Wollen Sie den Kindern ihre Mamas und Papas entreißen? Das ist bewusst zugespitzt. Ich habe selbst drei Kinder und weiß, wie wichtig Zeit für die Familie ist. Gerade deshalb liegt mir Bildung am Herzen: Kinder müssen ihre Chancen bestmöglich nutzen können. Es geht mir nicht darum, Familien Zeit zu nehmen, sondern darum, die Arbeitskosten je geleisteter Stunde wettbewerbsfähiger zu gestalten. Wie viel arbeiten Sie selbst? Auf jeden Fall mehr als 40 Stunden pro Woche. Zugleich arbeiten bereits heute viele Branchen in Deutschland 40 Stunden, etwa die Pflege. Eine Besonderheit bildet die Metall- und Elektroindustrie, in der auch wir tarifgebunden sind. Beliebt machen Sie sich damit bei Ihren Mitarbeitern nicht. Nein, aber dafür werde ich auch nicht bezahlt. Meine Verantwortung ist es, die langfristige Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens zu sichern und damit möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten. Auch unserem gesellschaftlichen Auftrag können wir nur gerecht werden, wenn das Unternehmen wirtschaftlich erfolgreich ist. In den Aumovio-Werken in Villingen-Schwenningen und Ingolstadt arbeiten Ihre Leute seit Kurzem drei Stunden länger für dasselbe Geld. Dort haben wir gemeinsam mit der Arbeitnehmervertretung ein Modell entwickelt, das die Wettbewerbsfähigkeit der Standorte verbessert. Ob vergleichbare Regelungen bundesweit vereinbart werden, entscheiden die Tarifparteien – nicht eine einzelne Person. Wie oft haben Sie mit Wirtschaftsministerin Katherina Reiche über die Lage gesprochen? Mit ihr persönlich bislang noch nicht. Mit anderen politischen Entscheidungsträgern bin ich regelmäßig im Austausch. Ihre Forderungen decken sich mit denen von Friedrich Merz . Ja. Bei vielen Themen besteht inzwischen weitgehend Einigkeit über den Handlungsbedarf. Entscheidend ist nun, die notwendigen Maßnahmen konsequent umzusetzen. Und es schmerzt zu sehen, wie sehr die Politik da hinterherhinkt. Warum klappt die Umsetzung nicht? Offensichtlich hat man Angst vor der eigenen Courage. Veränderungen erfordern politischen Mut und klare Prioritäten. Wichtig ist, nach Wahlen zügig ins Handeln zu kommen und bereits erkannte Probleme konsequent anzugehen. Haben Sie ein Beispiel? Ich habe kürzlich mit einer Politikerin darüber diskutiert. Sie sagte: "Herr von Hirschheydt, Sie meckern ja immer nur. Schauen Sie doch mal, was wir alles schon gemacht haben." Da muss man sagen: Ihr vergleicht euch mit euch selbst. Fortschritte sollten wir nicht nur an der eigenen Vergangenheit messen, sondern vor allem am internationalen Wettbewerb. Wenn wir einen Schritt machen und die anderen zehn Meter voraus sind, reicht das nicht. Sie haben in Südamerika, in den USA und drei Jahre in China gearbeitet. Was fehlt hier? Vor allem Geschwindigkeit in Entscheidungen und Umsetzung. Ich reise regelmäßig nach Asien, wo viele unserer großen Kunden sitzen, und erlebe dort eine hohe Dynamik. Deutschland und Europa verfügen über große technologische und industrielle Stärken. Wir müssen die Rahmenbedingungen so gestalten, dass wir dieses Potenzial besser ausnutzen. Was müsste die EU jetzt tun? Ich halte es für sinnvoll, dass ein Anteil der in Europa verkauften Fahrzeuge und die dafür verwendeten Teile auch in Europa produziert wird. Vergleichbare Local-Content-Regeln bestehen in wichtigen Industrieregionen wie den USA, China und Brasilien . Nur in Europa nicht. Warum brauchen Sie die? Weil sich die Zahl der Insolvenzen bei vielen unserer Zulieferer, insbesondere in Deutschland und Frankreich , häuft. Unsere globale Aufstellung und der begrenzte Anteil unserer Produktion in Deutschland helfen uns, regionale Belastungen teilweise auszugleichen. Für weniger breit aufgestellte Unternehmen ist das deutlich schwieriger. Das hieße, Hersteller aus Drittstaaten auszusperren. Nein. Hersteller aus Drittstaaten sollen in Europa erfolgreich sein können, wenn sie hier investieren und produzieren. Entscheidend sind faire und vergleichbare Wettbewerbsbedingungen für alle Marktteilnehmer. Entwickelt Aumovio in fünf Jahren noch in Deutschland? Ja, wir werden auch in fünf Jahren in Deutschland entwickeln und produzieren. Wie groß der jeweilige Anteil sein wird, hängt wesentlich von den Rahmenbedingungen ab. Bleiben Arbeitskosten und bürokratische Belastungen auf dem heutigen Niveau, dürfte der Anteil tendenziell zurückgehen. Deshalb setze ich mich dafür ein, die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts zu verbessern. Was erwarten Sie von der Politik? Ich erwarte klare Prioritäten, verlässliche Entscheidungen und eine zügige Umsetzung. Diesen Anspruch stelle ich auch an mich selbst: Ich werde nicht fürs Verwalten bezahlt, sondern fürs Machen. Herr von Hirschheydt, vielen Dank für das Gespräch. Im ersten Teil des Interviews spricht Philipp von Hirschheydt über die Abspaltung von Continental, den Abbau von Zehntausenden Stellen und seine Pläne für ein Werk in Indien .





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