Bundestrainer Julian Nagelsmann ist weg. Jürgen Klopp soll sein Nachfolger werden. Kein Zweifel: Klopp ist die richtige Wahl. Aber nicht aus den Gründen, von denen Fußballdeutschland gerade schwärmt. Der Abgang von Julian Nagelsmann als Chefcoach der deutschen Fußball-Nationalmannschaft ist beschlossene Sache. Nach dem vorzeitigen WM-Aus tritt der 38-Jährige zurück. Wer sein Nachfolger werden soll, ist auch bekannt. Der DFB bestätigte am Freitag bereits Gespräche mit Jürgen Klopp . Der ist derzeit noch Fußballchef des sportlichen Brausekonzerns Red Bull und Experte beim WM-Sender MagentaTV. Klopp ist als erfolgreicher Trainer in die Geschichte der Traditionsklubs Borussia Dortmund und FC Liverpool eingegangen und im Moment eine der wenigen Lichtgestalten in Deutschlands düsteren Fußballzeiten: Er soll es nun also richten. Alles spricht für Jürgen Klopp als Nationaltrainer Aber: Die romantische Vorstellung, der Sympathieträger Jürgen Klopp trete jetzt an, um den deutschen Fußball mit Euphorie, Elan und Empathie aus seinem Jammertal zu führen, ist naiv. Hinter dem strahlenden Lachen des Kulttrainers blitzt eine Skrupellosigkeit auf, die dem DFB nützen kann, aber auch Gefahren birgt. Denn Klopp ist nicht nur der Sonnyboy, den er gerne gibt. Er ist auch eine Ich-AG, die ihre öffentliche Wirkung zu nutzen weiß. Das stellt nicht in Abrede, was alles für Jürgen Klopp als Bundestrainer spricht. Er hat drei nationale Meistertitel gewonnen, vier nationale Pokalsiege und nicht zuletzt die Champions League mit Liverpool. Auch an persönlichen Auszeichnungen als Trainer herrscht kein Mangel. Die Fans in Dortmund und Liverpool vergöttern ihn bis heute. Und viele Spieler schwärmen von ihm, menschlich wie fachlich. Klopp ist der richtige Mann auf der Trainerbank der Nationalmannschaft. Herkulesaufgabe für "Kloppo" Dort wartet eine Herkulesaufgabe. Fußballdeutschland träumt gerade folgenden Traum: Klopp, der erfolgreiche Weltmann, reißt die Verkrustungen im provinziell geführten DFB auf, professionalisiert ihn und trimmt ihn auf internationales Topniveau. "Jürgen", der charismatische Kickerversteher, implantiert den wenig inspiriert wirkenden und verunsicherten Nationalspielern mit dem Adler auf der Brust Löwenmut und Pferdelunge. Und "Kloppo", der begnadete Medienprofi, kittet die Risse in der Beziehung zwischen der Nationalelf und ihren Fans. Fertig ist das nächste Sommermärchen. Dieser Traum kann wahr werden. Und trotzdem ist dieses Bild des Hoffnungsträgers Jürgen Klopp nicht vollständig. Klopps Image als bodenständiger Idealist, dessen Herz nur für Fußball schlägt, hat zuletzt stark gelitten. Einige Fußballfans werden ihm nie verzeihen, dass er die Trainerbänke der Traditionsklubs BVB und Liverpool gegen einen gemütlichen Chefsessel beim Limo-Multi Red Bull eingetauscht hat. Red Bull steht für alles, was "echte" Fußballfans hassen: Business, Kommerz und Marketing. Brause statt BVB, Lifestyle statt Liverpool – hört man Fußballvolkes Stimme, hat Klopp damit seinen guten Namen, wenn nicht gar seine Seele verkauft. Für viel Geld: Zehn Millionen Euro verdient er bei Red Bull angeblich im Jahr. Bei Red Bull lief nicht alles rund für Klopp Die Erfolge des hoch dotierten Engagements sind dabei bislang überschaubar. Ja, RB Leipzig spielt in der kommenden Saison wieder in der Champions League, aber nach wie vor nicht in einer Liga mit den großen Münchner Bayern. Weitere Werksvereine in Salzburg, Paris, New York, Leeds oder im brasilianischen Bragantino spielen zwar erstklassig und mausern sich zum Guten, aber die Titelsammlung der Red-Bull-Klubs ist noch überschaubar. Konzernintern soll Klopp inzwischen alles andere als unumstritten sein, auch wenn die Red-Bull-Chefetage das bestreitet. Jedenfalls hat sie seinem Flirt mit dem DFB bislang kein Stoppschild vor die Nase gesetzt. Schlimmer noch: Sein Führungsstil bei Red Bull hat untermauert, was Fußballexperten schon länger raunten. Klopp ist kein Chef, wie ihn sich Arbeitnehmer wünschen. Bei RB Leipzig soll er monatelang den tapferen, aber farblosen Übungsleiter Ole Werner durch ungefragte Ratschläge demontiert haben. Werner flog vor zwei Wochen raus – Red-Bull-Chef Klopp hatte ihm buchstäblich Flügel verliehen. Dass Klopp Mitarbeiter nicht nur anzünden, sondern auch verbrennen kann, musste schon sein langjähriger Co-Trainer Zeljko Buvac schmerzlich erfahren. Buvac hatte Klopp bei Mainz 05 , in Dortmund und bei den Liverpooler "Reds" als Assistent auf dem Trainingsplatz den Rücken freigehalten. Als in Liverpool mit dem Niederländer Pepijn Lijnders ein anderer Co-Trainer wichtiger für Klopp wurde, zog sich Buvac zurück. Klopp ließ das geschehen – nach 17 gemeinsamen Jahren. Buvac macht bis heute keinen Hehl daraus, wie enttäuscht er von Klopp war und ist. Und auch der scheidende Julian Nagelsmann hat erfahren, wie gnadenlos Klopp sein kann. Wer die WM 2026 bei MagentaTV verfolgte, wurde Zeuge davon, wie Klopp Nagelsmann regelmäßig anschoss. Bei Magenta stichelte Klopp gegen Nagelsmann Als TV-Experte war es zwar sein Job, die immer deutlicher werdenden Defizite der Nationalelf zu kritisieren. Doch schon zum Eröffnungsspiel setzte Klopp den Ton, als er seine eigene Feststellung, Nagelsmann sei für die Aufstellung der DFB-Elf verantwortlich, mit einem "noch" ergänzte. Die Szene ließ den mauen Kick zwischen Mexiko und Südafrika hierzulande in den Hintergrund treten. Zwar entschuldigte sich Klopp drei Tage später persönlich bei Nagelsmann auf seine typische Art und Weise. Das Wort sei ihm nur rausgerutscht: "Ich hätte mir aufs Maul hauen können", beteuerte er brachial. Nach dem WM-Aus gegen Paraguay allerdings äußerte sich Klopp erneut vielsagend, und wieder nutzte er zwei kleine Wörtchen mit einem "n" am Anfang: nicht nur. Der deutsche Fußball brauche eine grundlegende Erneuerung – nicht nur einen neuen Namen auf der Trainerbank, stellte Klopp fest. Und meinte natürlich: aber schon auch auf der Trainerbank. Das war zwar richtig, aber nicht kollegial. Und dass Klopp wenige Tage später im Interview mit Moderator Johannes B. Kerner bei MagentaTV fröhlich davon schwärmte, wie sehr er sich auf seine Zukunft freue, hinterlässt im Lichte dessen, dass er nun offenbar Nagelsmanns Nachfolger wird, einen faden Nachgeschmack. Jürgen Klopp, der mächtigste Bundestrainer der Geschichte? Jürgen Klopp ist also weder nur der idealistische Fußballromantiker noch der empathische Menschenfreund, als der er gerne gesehen wird. Spätestens beim ersten Misserfolg beim Wiederaufbau der Ruine "Nationalmannschaft" wird ihm das hart auf die Füße fallen. Andererseits: Mit flotten Sprüchen und strahlendem Lächeln allein wird das Team nicht wieder auf Kurs zu bringen sein. Und wenn Klopp, möglicherweise als mächtigster Bundestrainer der Geschichte, den ganzen DFB radikal umstrukturieren will (und das sollte er), wird ihm seine Skrupellosigkeit nützlich sein. Mit Samthandschuhen schneidet man keine alten Zöpfe ab.