Im letzten Testspiel vor dem WM-Start ist Manuel Neuer nur Zuschauer. Dem Bundestrainer bereitet das keine Sorge. Hinter dem Verzicht auf den Torhüter steckt auch ein gewisses Kalkül. Aus Chicago berichtet William Laing Schon vor der Pressekonferenz am Freitagmittag Ortszeit in Chicago war die entscheidende Nachricht zur aktuell wohl spannendsten Personalie in der deutschen Nationalmannschaft durchgesickert. Das Comeback von Manuel Neuer verschiebt sich – schon wieder. Der Bayern-Torwart, der für die Weltmeisterschaft in Nord- und Mittelamerika aus dem DFB-Ruhestand zurückbeordert wurde, fehlte im Abschlusstraining vor der Turniergeneralprobe gegen die USA. Nach dem Testspiel gegen Finnland (4:0) verpasst Neuer aufgrund seiner Wadenverletzung damit auch die Partie gegen den WM-Gastgeber (Samstag, ab 19.30 Uhr im Liveticker bei t-online). Bundestrainer Julian Nagelsmann übte sich auf der Pressekonferenz dennoch in Zuversicht. "Ihm geht's gut", sagte der 38-Jährige in den Katakomben des Soldier Field hinsichtlich seiner Nummer eins. Neuer sei "auf dem Weg zu bester Fitness. Trotzdem wollen wir morgen noch kein Risiko eingehen." Die Causa Neuer birgt damit weiterhin eine gewisse Brisanz. Fakt ist nämlich: Das erste Spiel des Altstars nach seiner Rückkehr ins DFB-Team wird durch den Ausfall gegen die USA frühstens das WM-Auftaktmatch gegen Curaçao am 14. Juni. Der letzte Pflichtspieleinsatz des wiederholt von Verletzungen geplagten Schlussmanns wird dann bereits vier Wochen her sein. Auf Neuer wartet im Zusammenspiel mit der Mannschaft in anderthalb Wochen in Houston dementsprechend ein Kaltstart. Doch Nagelsmanns Vertrauen in den 40-Jährigen ist unerschütterlich. "Dann hätte ich größere Probleme mit der Situation" Dass Neuers Ausfall gegen die USA dem Bundestrainer keine Sorgenfalten auf die Stirn treibt, hat dabei primär einen Grund. Der große Trumpf des Torhüters ist seine Erfahrung aus rund 20 Jahren Profifußball – und dabei besonders sein Umgang mit Verletzungen in den vergangenen Spielzeiten. "Wenn ich jetzt einen Torwart hätte, der 22 wäre, dann hätte ich größere Probleme mit der Situation", gab Nagelsmann zu. Doch bei Neuer ist das anders. Denn: Der 124-fache Nationalspieler sei "keiner, der viele Testspiele braucht, um in den Rhythmus zu finden", stellte der DFB-Coach klar. Die aktuelle Situation kenne er bereits vom FC Bayern . Auch im Klub sei Neuer kurz nach Verletzungen "in ganz bedeutende Spiele" gegangen. Nagelsmanns Rechnung ist dementsprechend simpel: Der Bundestrainer setzt darauf, dass Neuer wie in der Vergangenheit im Verein in Spitzenform zur Stelle ist, wenn es wirklich darauf ankommt – in diesem Fall also beim WM-Auftaktspiel gegen Curaçao. Nagelsmann will das Verletzungsrisiko minimieren Mit dem Verzicht auf Neuer gegen die USA möchte Nagelsmann aber nicht nur die Weichen für ein gelungenes Spiel des Torhüters gegen den karibischen Inselstaat stellen. Man wolle durch die Maßnahme "einfach die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass dann das Turnier auch perfekt verläuft und da nichts passiert", betonte der Bundestrainer und offenbarte damit auch ein gewisses Kalkül. Das Verletzungsrisiko bei Neuer soll auch mit Blick auf den Turnierverlauf minimiert werden. Denn die Gefahr für WM-Teilnehmer, sich in den kommenden Wochen eine Blessur zuzuziehen, ist wohl so hoch wie noch nie. Die diesjährige Weltmeisterschaft ist die bisher größte ihrer Art. 48 Mannschaften nehmen am XXL-Turnier teil – und damit 16 mehr als noch bei der vergangenen WM in Katar. Für die Spieler nimmt die Chance auf eine Verletzung deutlich zu. Die gesteigerte Anzahl der Spiele, die weiten Reisewege und die teilweise brütende Hitze in den Gastgeberländern USA, Kanada und Mexiko dürften ihren Tribut fordern. Gerade bei älteren und verletzungsanfälligen Spielern ist dementsprechend höchste Vorsicht geboten – so auch bei Manuel Neuer. "Das Entscheidende ist die Aura, die ihn umgibt" Hinsichtlich seines Torwarts will Nagelsmann in diesen Tagen also nichts dem Zufall überlassen. Womöglich auch, weil ein weiterer Ausfall Neuers bedeuten würde, dass der von ihm in einer Hauruckaktion zur Nummer zwei degradierte Oliver Baumann dann wieder zwischen die Pfosten rücken würde. Der Hoffenheimer sah lange wie der Stammtorhüter für die Weltmeisterschaft aus, dann wurde jedoch Neuer nominiert und zur Nummer eins erklärt. Für seine öffentliche Kommunikation in der Torwartfrage war der Bundestrainer vielfach kritisiert worden. Spielt plötzlich doch wieder Baumann, wäre das Drama um den Platz im DFB-Tor um eine Anekdote reicher – und Nagelsmann müsste sich wohl einigen unangenehmen Fragen stellen. Nicht verzichten möchte er auf Neuer aber laut eigener Aussage vor allem aus einem ganz anderen Grund. "Das Entscheidende bei Manu ist schon so die Aura, die ihn umgibt und die Erfahrung, die er hat, auch Turniererfahrung", sagte der Bundestrainer. Genau das war es auch, was Nagelsmann überhaupt erst zu seiner Wahl pro Neuer veranlasst hatte. Und: Kein Stürmer der Welt würde gerne auf den Bayern-Kapitän zulaufen, so der Bundestrainer. "Das macht schon was mit den gegnerischen Spielern, wenn da der Manu im Tor steht. Schon allein aufgrund der Erscheinung, aufgrund der Reichweite, die er hat, aufgrund der Pranken, die er hat. Das stellt schon was dar, wenn der im Kasten steht." Im sportlich unbedeutenden Spiel gegen die USA wird Nagelsmann auf diese Qualität nun aber noch verzichten. Damit er zum WM-Start voll auf sie setzen kann.