Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser, "ning w o f u r en, w u r en f u w o" lautet ein chinesisches Sprichwort. Ein gewisser Cao Cao soll es geprägt haben, seines Zeichens letzter Kanzler der Han-Dynastie im 3. Jahrhundert und obendrein ein gewiefter Kriegsherr. "Ich möchte lieber andere betrügen, als dass andere mich betrügen" lautet die gängige Übersetzung. In der Populärkultur hat sich eine Variante des Sinnspruchs durchgesetzt: "Ning jiao wo fu tianxia ren, xiu jiao tianxia ren fu wo" lautet sie, was sinngemäß bedeutet: "Ich würde eher die ganze Welt betrügen, als mich von der ganzen Welt betrügen zu lassen." Sprichwörter sind oft Phrasen, aber manche transportieren ein Körnchen kollektiver Kultur. Als ich kürzlich das Perlflussdelta in Südchina besuchte, fiel mir nicht nur auf, wie effizient das chinesische Wirtschafts- und Alltagsleben organisiert ist. Ich hatte auch den Eindruck, dass die meisten meiner Gesprächspartner ein Auftreten an den Tag legten, das man freundlich formuliert als "gesundes Selbstbewusstsein" bezeichnen könnte – vom Straßenhändler bis zum Manager. Etwas kritischer betrachtet, könnte man auch eine Spur Überheblichkeit darin erkennen. Die Staatsspitze teilt und nährt diese Haltung. Mehr noch, Parteichef Xi Jinping hat eine offensive Ideologie entwickelt, die einen klaren Weltmachtanspruch ausdrückt. Nach einer Schwächephase im 19. und 20. Jahrhundert, in der China von den europäischen Kolonialmächten unterdrückt und ausgebeutet wurde, strebe das Land nun wieder seinen rechtmäßigen Platz auf dem Globus an: als Wirtschaftsmacht Nummer eins, als politischer Hegemon, wissenschaftlicher Primus und kulturelles Vorbild. Bis 2049 wollen die Strategen in Peking die westliche Dominanz durch den "chinesischen Weg" ablösen. Was sie nicht sagen, aber jeder weiß: Tricks, Täuschung und Spionage gehören dabei selbstverständlich zur Taktik. Die Ambitionen könnten kaum größer sein: China beansprucht in sämtlichen Technologien die Führungsrolle – von Robotik und Künstlicher Intelligenz bis zu Humangenetik und Militärgerät. Dank zentralistischer Steuerung, hoher Innovation und günstiger Arbeitskraft kommt das Land seinem Ziel immer näher – wenngleich der Fortschritt einen hohen Preis hat: vom immensen Rohstoffverbrauch und der Umweltbelastung über die Jugendarbeitslosigkeit und den überhitzten Immobilienmarkt bis zur staatlichen Totalüberwachung. Auch versuchen die USA den Rivalen mittlerweile hart einzuhegen, und sogar die lange Zeit naiven Europäer geben sich nicht mehr so handzahm. Diese Entwicklungen sind bekannt und werden auch in der chinesischen Öffentlichkeit diskutiert. Doch nun kommen neue Parameter ins Spiel. Die Gewichte in der Welt verschieben sich, und bei den Besuchen von US-Präsident Donald Trump und Kremlchef Wladimir Putin in Peking waren bemerkenswerte Szenen zu beobachten. Welche Folgen hat Chinas Dominanzstreben – für die Welt, für Europa, für Deutschland? Wie erklärt sich die enorme Dynamik in der chinesischen Bevölkerung, warum gelingt ihr, woran wir hierzulande scheitern? Was ist Chinas Erfolgsgeheimnis? Wenige Beobachter können darauf so kundige Antworten geben wie Frank Sieren. Der Journalist, Buchautor und Dokumentarfilmer lebt seit Jahren immer wieder in China und beschreibt dessen Entwicklung facettenreich und differenziert. Das hat ihm zeitweise den Vorwurf eingebracht, er käue die Propaganda des Regimes wieder. Mir scheint es eher so zu sein, dass er Beobachtungen schildert, die im Westen nicht jeder hören mag. Wie auch immer, ein fachkundiger und eloquenter Gesprächspartner ist Sieren allemal. Und damit ein willkommener Gast in unserem Podcast, den Nicole Fuchs-Wiecha moderiert. Ich freue mich, wenn Sie uns einige Minuten Ihr Ohr schenken. Spotify | Apple Podcasts || Transkript lesen Anschließend wünsche ich Ihnen ein sonniges Pfingstwochenende. Der nächste Tagesanbruch kommt am Dienstag von Christine Holthoff. Herzliche Grüße Ihr Florian Harms Chefredakteur t-online