Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser, an Tagen wie diesen scheint die Last der Welt erdrückend zu sein. Die Nachrichten sind voll von Konflikten, die Debatten vergiftet, die Zukunft ungewiss. Viele Menschen sehnen sich nach einer Pause vom permanenten Eskalationsdrama, und weil der "Tagesanbruch" ein Format ist, das nicht nur geradeaus, sondern auch in die Winkel des Lebens schaut, erspäht er heute ein Thema, das leichter daherkommt und dennoch fundamental ist. Zuerst geht es daher heute nicht um Herrn Trump (der hat Platz weiter unten). Heute geht es um eine schicksalshafte Beziehung, um ein Band, das im Kinderzimmer geknüpft wird und oft ein Leben lang hält. Um eine Quelle großer Freude und manchmal auch großer Wut, um einen Spiegel der eigenen Herkunft und ein Versprechen für die Zukunft. Es geht um die erste, prägendste und oft längste soziale Verbindung im Leben. Es geht um Geschwister. Am 10. April wird der Internationale Tag der Geschwister begangen. Der steht zwar erst morgen im Kalender, aber der "Tagesanbruch" ist gern früh dran und stattet seine Leser mit einem Informationsvorsprung aus. Wohlan: Der informelle Feiertag wurde vor 31 Jahren von der Amerikanerin Claudia Evart ins Leben gerufen, die ihre beiden Geschwister bei tragischen Unfällen verlor und deren Andenken ehren wollte. Der Tag ehrt eine Verbundenheit, die auch die meisten Bundesbürger kennen. Einer Auswertung der Zensus-Volkszählung von 2022 durch das Statistische Bundesamt zufolge wachsen hierzulande fast 11 Millionen Minderjährige mit Geschwistern auf, während nur 3,3 Millionen als Einzelkinder groß werden. Von den Geschwisterkindern haben 6,7 Millionen einen Bruder oder eine Schwester, 2,8 Millionen haben zwei und 1,3 Millionen sogar drei oder mehr Geschwister. Diese Zahlen legen das Fundament für eine alltägliche Erfahrung, deren tiefgreifende Bedeutung die Psychologie seit Langem erforscht. Geschwister sind das erste soziale Trainingsfeld. Von ihnen lässt sich Empathie, Kompromissbereitschaft und Konfliktlösung lernen. Studien zeigen, dass Menschen mit mehreren Geschwistern tendenziell verträglicher und kooperativer sind, einfach weil der Alltag in einem Mehrkinderhaushalt das erfordert. Während das Klischee des egoistischen Einzelkindes wissenschaftlich widerlegt ist, bleibt die Tatsache, dass allein Aufwachsenden diese einzigartige alltägliche Übung in sozialer Dynamik fehlt. Die Beziehung zu Bruder und Schwester ist eine Verbindung, die man sich nicht aussucht, gerade deshalb formt sie Menschen so nachhaltig. Wer mit Geschwistern aufwächst, kennt die epischen Schlachten um die Fernbedienung, den letzten Keks oder den aus dem Schrank stibitzten Lieblingspullover. Sieht das Glück der ersten Liebe in den Augen der anderen oder die Trauer über eine zerbrochene Freundschaft. Erkennt Parallelen zum eigenen Leben ebenso wie Unterschiede, und manchmal erblickt man sich selbst wie in einem Spiegel. Es sind diese kleinen und großen Dramen, die das Leben würzen und bleibende Erinnerungen schaffen. Die Geschichte ist voll von berühmten Geschwisterpaaren, deren Beziehungen von intensiver Zusammenarbeit bis zu erbitterter Rivalität reichten. Die Brüder Orville und Wilbur Wright tüftelten gemeinsam an ihrem Flugapparat und veränderten die Welt. Die Schriftstellerbrüder Thomas und Heinrich Mann verband eine lebenslange, von Konkurrenz und gegenseitiger Bewunderung geprägte Beziehung, die ihr literarisches Schaffen befruchtete. Im Tennis dominierten Venus und Serena Williams jahrelang die Weltspitze, angetrieben von einer einzigartigen Melange aus familiärem Zusammenhalt und sportlichem Wettstreit. Mit den Jahren schleifen sich die scharfen Kanten der kindlichen Rivalität meistens ab. Was bleibt, ist ein Schatz, der sich nicht einmal mit Gold aufwiegen lässt: ein oder mehrere Menschen, die einen von Anbeginn kennen. Sie sind die Zeugen der eigenen Entwicklung, die Hüter gemeinsamer Geheimnisse und verlässliche Verbündete in den Stürmen des Lebens. Niemand versteht die eigene Familiengeschichte, die Launen von Verwandten oder die Bedeutung eines Seitenblicks so gut wie sie. Sie sind der Anker in der Vergangenheit und können ein sicherer Hafen in der Gegenwart sein. Natürlich gibt es Geschwister, die sich zerstreiten, manchmal für immer. Solche Brüche sind besonders tragisch, weil sie eine fundamentale Verbindung kappen. Meiner nicht ganz unwesentlichen Erfahrung zufolge ist die Geschwisterbeziehung jedoch in der Regel ein großes Glück, das eine Seele mit tiefer Dankbarkeit erfüllt. Zum Beispiel, wenn man zwei wunderbare Brüder hat, die man liebt, verehrt und bewundert. Zugegeben, die Inflation der Motto-Tage kann einem auf die Nerven gehen. Die meisten wirken banal oder kommerziell. Doch beim Internationalen Tag der Geschwister mache ich eine Ausnahme. Er erinnert uns an das Band, das im Alltag allzu oft als selbstverständlich hingenommen wird. Dabei zählt es zum Kostbarsten, das wir besitzen. Und begründet die Vorfreude auf die nächste Begegnung, das nächste Gespräch, den nächsten Austausch über all den Irrsinn in der Welt, der sich gemeinsam besser verdauen lässt als allein. Nahost Fragile Waffenruhe Ursprünglich hatten die pakistanischen Vermittler erklärt, dass die vereinbarte zweiwöchige Waffenruhe zwischen den USA und Iran auch für den Libanon gelte. Es dauerte gestern aber nicht lange, bis der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu deutlich machte, wie er die Sache sieht: anders. Schon kurz nach Bekanntgabe der Einigung schlug in einem Café in Sidon im Süden des Libanon eine israelische Rakete ein, mindestens acht Menschen sollen dabei in den Tod gerissen worden sein. Auch Vororte der Hauptstadt Beirut wurden angegriffen. Netanjahu scheint nichts anderes mehr als Krieg zu kennen. Die Antwort der Hisbollah folgte prompt: "Wenn Israel sich nicht daran hält, wird die gesamte Region, einschließlich Irans, darauf reagieren", verkündete die Terrorgruppe. Mit seiner Weigerung, die Attacken einzustellen, könnte Netanjahu das von Donald Trump ersehnte Abkommen also torpedieren. Er hat den US-Präsidenten in der Hand und kann mit ihm spielen wie mit einer Marionette. Kein israelischer Regierungschef war je mächtiger. Wie fragil die Feuerpause ist, zeigt sich auch andernorts: Sowohl Kuwait als auch Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emirate berichteten in den vergangenen Stunden von Drohnen- und Raketenbeschuss aus dem Iran. Teheran wiederum bestätigte Explosionen an wichtigen Ölförderanlagen. Für morgen hat Pakistans Premierminister Shehbaz Sharif Delegationen der USA und des Iran nach Islamabad eingeladen, um über ein endgültiges Abkommen zur Beilegung des Konflikts zu beraten. Ob es dazu kommt, ist unsicher. Gestern Abend meldete das iranische Staatsfernsehen, die Straße von Hormus sei vollständig geschlossen worden, Öltanker müssten wieder umkehren. Der Grund: Verstöße der USA und Israels gegen die Waffenruhe. Iran Gedenkfeier für Chamenei Am 28. Februar wurde der iranische Diktator Ali Chamenei bei Luftangriffen der USA und Israels auf seine Residenz getötet. 40 Tage später – nach islamischem Brauch der Abschluss der Trauerphase – ist heute in Teheran eine große Gedenkfeier für den Ajatollah geplant. Nach Angaben des staatlichen Propagandabüros soll die Zeremonie unter dem Motto "Niemals Beugung vor Erniedrigung" stehen und "ein Zeichen der Treue zur islamischen Revolution und des Respekts gegenüber dem getöteten Führer" darstellen. Die Erinnerung an den einstigen Anführer wirft allerdings auch ein Schlaglicht auf das bestehende Machtvakuum im Iran: Chameneis Anfang März zum Nachfolger ernannter Sohn Modschtaba Chamenei hat sich seit Kriegsbeginn nicht gezeigt, im iranischen Staatsfernsehen wurden lediglich Erklärungen in seinem Namen verlesen. Geheimdienstberichten zufolge soll sich der 56-Jährige schwer verletzt in der heiligen Stadt Qom befinden und dort behandelt werden. Wer das Land derzeit tatsächlich regiert, ist unklar. Als neuer starker Mann wird immer öfter Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf gehandelt. Aktienmärkte Erleichterung an den Börsen Weltweites Aufatmen an den Aktienmärkten: Allen Ungewissheiten über den Fortbestand der Feuerpause in Nahost zum Trotz wird an den Börsen gejubelt. So legte der japanische Leitindex Nikkei 225 gestern Nachmittag um 5,4 Prozent zu, die Börse in Südkorea musste aufgrund der starken Kursbewegungen sogar vorübergehend den Handel aussetzen. Auch der deutsche Leitindex Dax eröffnete 5 Prozent höher. Die Wall Street schloss nach einer Kursrally mit fast 3 Prozent im Plus. Parallel rauschten die Ölpreise nach unten. Nordseeöl der Sorte Brent kostete nur noch 94 Dollar pro Barrel, rund 15 Prozent weniger als vorgestern. Die Euphorie gründet in der Hoffnung, dass nun wieder Öl und Gas durch die Straße von Hormus fließen und ein längerfristiger Waffenstillstand zustande kommt. Sie könnte sich als trügerisch erweisen. Energiekrise Zitat des Tages Fatih Birol, Chef der Internationalen Energieagentur, bezeichnet Deutschlands Atomausstieg als "historischen Fehler" und prognostiziert: Trotz der Waffenruhe am Persischen Golf werden die Folgen der Energiekrise noch monate- oder sogar jahrelang zu spüren sein. "Es wird Zeit brauchen, die stillgelegten Anlagen sicher wieder in Betrieb zu nehmen", sagt der IEA-Chef. "Auch die Tanker, die die Golfregion verlassen, benötigen Zeit, um ihre Zielmärkte zu erreichen. Für Südasien dauert dies nur wenige Tage, für weiter entfernte Märkte in Asien und Europa jedoch mehrere Wochen." Sollte die Energiekrise länger andauern, rechnet Birol auch in Deutschland mit einem Tempolimit: "Ich weiß, in Deutschland sind Autos wie eine Art Gott, aber wir müssen realistisch sein, wenn die Lage so angespannt bleibt, werden Maßnahmen kommen." Welche weiteren Folgen die Energiekrise hat, erklärt meine Kollegin Amy Walker. Lesetipps Hätte sich das Wal-Drama in der Ostsee verhindern lassen? Ausgerechnet ein als Held gefeierter Meeresbiologe soll die Rettung des Tieres verbockt haben, berichtet mein Kollege Matti Hartmann. Artikel lesen Kurz vor Ablauf seines Ultimatums an den Iran hat Donald Trump überraschend die Reißleine gezogen. Was hinter dem Rückzieher des US-Präsidenten steckt und welche Folgen er für die Welt hat, erklärt unser Washington-Korrespondent Bastian Brauns. Artikel lesen Trotz fallender Ölpreise fordern Politiker Entlastungen für Autofahrer. Das wäre der falsche Weg, kommentiert mein Kollege Florian Schmidt. Artikel lesen Ohrenschmaus Nach all den Dramen tut ein bisschen Entspannungsmusik gut. Bitte sehr. Zum Schluss Ich wünsche Ihnen einen frohen Tag. Herzliche Grüße und bis morgen Ihr Florian Harms Chefredakteur t-online Mit Material von dpa.