Trump verkauft die Waffenruhe im Iran-Krieg als Sieg der USA. Nahostexperte Jan Busse hält das für zu kurz gedacht und warnt vor schwierigen Verhandlungen in den kommenden Tagen. Nach der Waffenruhe im Iran-Krieg beginnt der eigentliche Härtetest. Donald Trump stellt die Einigung als amerikanischen Sieg dar. Der Nahostexperte Jan Busse hält das jedoch für zu kurz gegriffen. Im Gespräch mit t-online ordnet er ein, warum die USA zwar militärische Ziele erreicht haben könnten, politisch aber vieles offen bleibt, welche Rolle Pakistan und China nun spielen und warum die kommenden zwei Wochen über Eskalation oder echte Verhandlungen entscheiden dürften. "TACO Tuesday": Das steckt hinter Trumps erstaunlichem Rückzieher Hegseth: Iran kann weiter Raketen und Drohnen feuern t-online: Herr Busse, wir haben jetzt eine Waffenruhe im Nahen Osten. Donald Trump feiert sich schon als großen Sieger. Stimmt das wirklich? Jan Busse: Ich glaube, es ist für Donald Trump sehr wichtig, sich jetzt als Gewinner zu inszenieren. Vielleicht nimmt er das in seinem Weltbild auch so wahr. Aber? Wenn man sich die gesamte Gemengelage anschaut, kann man auf keinen Fall so pauschal sagen, die USA seien der Gewinner. Das muss man auf verschiedenen Ebenen genauer betrachten. Dann lassen Sie uns das einmal sortieren. Wenn man sich die Kriegsziele der USA anschaut, hat Trump ursprünglich neben dem iranischen Atomprogramm auch vom Regimewechsel gesprochen. Das wurde dann aber relativ zügig wieder abgeräumt. Danach hieß es, das ballistische Raketenprogramm und die Raketenproduktion müssten komplett zerstört werden. Und am Ende ging es fast nur noch um die Öffnung der Straße von Hormus. Diese Straße ist für die globale Schifffahrt und vor allem für den Öl- und Gastransit enorm wichtig. Richtig. Dieses Kriegsziel ist aus einer Situation heraus entstanden, in der der Iran gemerkt hat, dass er hier einen Hebel hat. Nicht nur gegen die USA, sondern gegen die gesamte Weltwirtschaft. Mit anderen Worten: Der Iran hat ein neues Druckmittel entdeckt? So kann man es sagen. Und im Grunde haben die USA dem Iran diese Gelegenheit überhaupt erst gegeben. Die Forderung nach der Öffnung der Straße von Hormus als zentrales Kriegsziel war insofern absurd, als die Meerenge vor diesem Krieg offen war. Am Ende sind die Kriegsziele also komplett zusammengeschrumpft. Deshalb muss man unterscheiden zwischen operativ-militärischen Zielen auf der einen Seite und einer wirklichen politischen Strategie auf der anderen. Und genau diese politische Strategie fehlte? Ja, sehr früh war erkennbar, dass eigentlich total unklar ist, wie diese politische Strategie aussieht. Trump hat sich teilweise an einem Tag mehrfach selbst widersprochen. Vertreter seiner Regierung haben unterschiedliche Positionen formuliert. Und dann haben wir auch noch Israel als Akteur mit Interessen, die eben keineswegs deckungsgleich mit denen der USA sind. Militärisch war Washington also erfolgreich, politisch aber nicht unbedingt? So würde ich es zusammenfassen. Auf operativ-militärischer Ebene kann man sicherlich sagen, dass die USA und auch Israel aus ihrer Sicht viele Erfolge erzielt haben. Es wurde extrem viel zerstört an den militärischen Fähigkeiten des Iran. Teile der politischen und militärischen Führung wurden gezielt getötet. Der Iran wurde dadurch erheblich geschwächt. Hat das jedoch zu politischen Zielen geführt? Hat das dazu geführt, dass wir jetzt eine iranische Führung haben, die konzilianter oder kompromissbereiter auftritt? Ich würde sagen: nein. Warum nicht? Weil das komplett verkennt, auf welcher Grundlage die Islamische Republik Iran errichtet ist. Es ist ein stark ideologisch durchdrungenes Regime. Aber es ist eben auch ein sehr resilientes Regime. Deshalb ist es bis heute nicht kollabiert. Newsblog : Alle aktuellen Nachrichten zum Krieg in Nahost Sinkt jetzt der Spritpreis? Bundesregierung äußert sich Trump hat also auf den falschen Effekt gesetzt? Zumindest auf einen Effekt, der so nicht absehbar war. Es war eben nicht so, dass dort plötzlich pragmatischere Kräfte die Oberhand gewonnen hätten oder sich das Regime grundlegend gewandelt hätte. Was heißt das für die aktuelle Lage? Wir sehen zwei Entwicklungen. Zum einen ist die politische und militärische Führung im Iran, auch in den Revolutionsgarden, sehr stark geprägt durch die Erfahrung des Iran-Irak-Kriegs von 1980 bis 1988. Eine zentrale Lehre aufseiten des Iran daraus war: "Wir müssen durchhalten. Und wir müssen sehr viele Opfer bringen, um einen solchen Krieg zu überstehen." Wer in so einem Krieg sozialisiert wurde und dort erste Kampferfahrungen gesammelt hat, gibt nicht einfach klein bei, wenn Trump droht. Und die zweite Entwicklung? Zum anderen haben die gezielten Tötungen von Führungspersönlichkeiten zu einer weiteren Machtverlagerung innerhalb des Regimes zugunsten der Revolutionsgarden geführt. Es sind jetzt eigentlich noch weniger an Kompromissbereitschaft orientierte Akteure an der Macht als vor dem Krieg. Das macht Verhandlungen eher schwieriger. Die Waffenruhe soll zunächst zwei Wochen gelten. In dieser Zeit sollen im besten Fall Friedensverhandlungen stattfinden. Wie nachhaltig ist diese Waffenruhe überhaupt? Das können wir eigentlich erst in den nächsten Tagen beobachten. Es gab zunächst von den Golfstaaten, aber auch aus dem Iran Meldungen über vereinzelten Beschuss und Explosionen. Aber grundsätzlich scheinen sich die Kriegsparteien an die Waffenruhe zu halten. Israels Regierung will weiter im Libanon angreifen, obwohl die Waffenruhe auch dort einen Stopp der Kampfhandlungen vorsieht. Israel hat den Iran mit angegriffen, verfolgt aber teilweise andere Interessen und Ziele als die USA. Anscheinend war Israel nicht an der Aushandlung dieses Abkommens beteiligt. Ich kann es nur so deuten, dass der Druck aus den USA so groß war, dass Netanjahu da nicht nein sagen konnte, auch wenn er das vermutlich mit großem Zähneknirschen getan hat. Ob daraus aber ein längerfristiger Waffenstillstand werden kann, ist offen. Ein Friedensvertrag ist, glaube ich, noch deutlich weiter entfernt. Warum? Weil wir jetzt erst einmal nur die Situation haben, dass die Waffen schweigen sollen. Es kam nicht zu einer noch größeren Eskalation mit Angriffen auf zivile Infrastruktur im Iran und entsprechenden iranischen Gegenangriffen. Das allein ist schon relevant. Aber daraus folgt noch lange kein stabiler Frieden. Trump hatte ja zugleich rhetorisch weiter eskaliert, sprach von der "Auslöschung einer Zivilisation". Ja, wie Trump rhetorisch eskaliert hat, war eines Staatschefs vollkommen unwürdig. Damit hat er das Ansehen des Amtes des US-Präsidenten massiv beschädigt. Das war selbst für Trump noch einmal bemerkenswert. Kommen wir zurück zur Waffenruhe. Was ist ihr Kern? Der Iran hat sich jetzt verpflichtet, die Straße von Hormus zu öffnen. Wir haben gesehen, dass sich das sofort auf die Ölpreise und auch auf die Aktienmärkte ausgewirkt hat. Das ist sicherlich etwas, das auch die Trump-Administration im Hinterkopf hatte. Und jetzt muss man schauen, wie es mit den eigentlichen Verhandlungen weitergeht. Pakistan spielt offenbar eine ganz zentrale Rolle als Vermittler. Ich glaube, es wäre ein gutes Signal, wenn auf US-Seite nicht wieder Steve Witkoff oder Jared Kushner die Hauptrolle übernehmen, sondern tatsächlich JD Vance. Und dafür gibt es zumindest Hinweise. Warum ausgerechnet Vance? Wenn ich es richtig sehe, spielte er wohl auch eine entscheidende Rolle dabei, Trump zum Einlenken zu bewegen, und war auch im Vorfeld des Krieges eher gegen einen Angriff auf den Iran. Überraschender Iran-Vorstoß: Wird JD Vance plötzlich Trumps Friedensbringer? Und auf iranischer Seite? Da könnte womöglich der Sprecher des iranischen Parlaments, Mohammad Ghalibaf, entsandt werden. Warum ist das interessant? Weil dann die Federführung wohl nicht vorrangig beim Außenminister läge wie bei früheren Atomverhandlungen, sondern bei jemandem, dem aktuell eine zentralere Machtposition zugeschrieben wird. Ghalibaf kommt aus der Führungsriege der Revolutionsgarden, ist politisch stark verankert, gilt als Hardliner, aber eben auch als jemand mit einer gewissen Beweglichkeit und Pragmatismus. Worin könnten die größten Streitpunkte der Verhandlungen liegen? Wenn es um das Atomprogramm geht, steht sofort wieder die Frage im Raum: Darf der Iran in irgendeiner Form begrenzt weiterhin Uran anreichern, wie es das Regime verlangt? Oder beharren die USA auf einer Zero-Enrichment-Politik, also gar keiner Anreicherung im Iran selbst? Und das ist in der Waffenruhe nicht sauber geklärt? Richtig. Dies muss jetzt neben vielen anderen Punkten erst ausgehandelt werden. Von iranischer Seite zirkuliert ein Zehn-Punkte-Plan, den Trump als praktikable Grundlage für Verhandlungen bezeichnet hat. Im Gegensatz zur englischen Version enthält die persische Fassung die Forderung, dass der Iran sich diese Anreicherung weiterhin vorbehält. Das ist also ein zentraler Streitpunkt. Daneben das ballistische Raketenprogramm des Iran. Aus Sicht der Staaten in der Region und auch aus Sicht der USA ist das eine Bedrohung. Auf iranischer Seite gilt es dagegen als wesentlicher Pfeiler der Regimesicherheit. Man kann sich kaum vorstellen, dass das iranische Regime sagt: Wir verzichten komplett auf dieses Programm. Und dann bleibt noch die Straße von Hormus. Genau. Die iranische Seite hat mehrfach bekräftigt, dass sie über diese Meerenge weiter die Kontrolle haben und auch eine Gebühr für die Durchfahrt von Schiffen verlangen möchte. Was fordert der Iran noch? Ein weiterer Punkt ist der Rückzug der US-Streitkräfte aus dem Nahen Osten. Man kann sich jedoch kaum vorstellen, dass das realisierbar oder akzeptabel ist. Allenfalls könnten die USA zu einer Reduzierung bereit sein. Aber auch da bin ich skeptisch, weil das auf US-Seite schnell als Niederlage interpretiert werden könnte. Und was ist aus Sicht Teherans jetzt der wichtigste Punkt? Die Erfahrung des aktuellen Krieges und auch früherer Eskalationen war aus iranischer Sicht: Man verhandelt, und genau in diesem Moment finden Angriffe statt. Deshalb wird die Sorge groß sein, dass die nächsten Wochen und Monate von Israel und den USA genutzt werden könnten, um sich auf den nächsten Angriff vorzubereiten. Also lautet die iranische Kernfrage: Wer garantiert diese Waffenruhe? Genau. Und da ist die Rolle Chinas noch einmal sehr spannend. Es ist wohl so, dass China eine zentrale Rolle dabei gespielt hat, dass der Iran sich zu dieser Waffenruhe bereit erklärt hat. Es wäre denkbar, dass China bei einem künftigen Abkommen eine Rolle als Garantiemacht spielt, um Vertrauen zu schaffen. Ich bin mir sicher, dass der Iran in irgendeiner Form Garantien verlangen wird, die ein Wiederaufflammen der Kämpfe verhindern sollen. Und wenn es solche Garantien nicht gibt? Dann könnte Teheran die Straße von Hormus schnell wieder vollständig sperren. Lassen Sie uns noch über die Rolle Israels sprechen. Das Büro von Netanjahu hat mitgeteilt, dass der Libanon und die Hisbollah nicht Teil dieses Waffenruhe-Deals sind. Gefährdet das nicht den ganzen Deal? Das ist tatsächlich ein ganz zentraler Punkt. Der Iran hatte die Forderung erhoben, dass diese Waffenruhe auch für den Libanon gelten soll, und der pakistanische Regierungschef hat dies bei der Ankündigung von Verhandlungen bekräftigt. Das ist nachvollziehbar, weil Teheran Sorge hat, dass dort mit der Hisbollah ein wichtiger Verbündeter weiter geschwächt werden könnte. Israel sieht das anders, immerhin wird es stets von der Hisbollah bedroht. Genau. Für Israel ist die Schwächung der Hisbollah ein zentrales Ziel, weil man in ihr eine unmittelbare Bedrohung im Norden Israels sieht. Die israelische Regierung betrachtet diese Waffenruhe daher offenbar nicht als für den Libanon gültig. Ist das der Knackpunkt? Das könnte einer werden. Ich könnte mir allerdings auch vorstellen, dass genau das ein Teil des Preises war, zu dem Netanjahu überhaupt bereit war, dieser Waffenruhe zuzustimmen. Andererseits könnte der internationale Druck auf Israel, sich im Libanon zurückzuhalten, weiter wachsen, wenn andernfalls die Waffenruhe insgesamt in Gefahr ist. In diesem Zusammenhang würde ich gerne auf Israels Innenpolitik schauen. Anders als für die USA war das Ziel Israels ja offenkundig: Das Regime im Iran möglichst bis an den Rand des Zusammenbruchs zu schwächen, damit es keine Bedrohung mehr für Israel darstellen kann. Nur ist genau das nicht passiert. Eben. Dieses Ziel ist noch nicht einmal ansatzweise erreicht. Das Regime zeigt aktuell keine Spuren davon, kurz vor dem Zusammenbruch zu stehen. Auch größere Proteste sind bislang nicht zu sehen. Das könnte für Netanjahu nun innenpolitisch zum Problem werden. Inwiefern? Es gab heute schon die Meldung, dass Oppositionsführer Jair Lapid diesen Waffenstillstand als totales politisches Desaster bezeichnet. Er sagt sinngemäß: Israel sei nicht richtig einbezogen worden, Netanjahu habe sich über den Tisch ziehen lassen, und das werde Folgen für die kommenden Jahre haben. Das ist harter Tobak. Ja, aber man muss natürlich zusätzlich sehen: Israel ist bereits in einer frühen Phase des Wahlkampfs. Denn im Oktober wird dort die Knesset gewählt. Netanjahu hatte sicherlich gehofft, aus diesem Krieg politisches Kapital zu schlagen. Die Umfragewerte haben das bislang aber nicht hergegeben. Und durch diesen Waffenstillstand könnte sich das für ihn sogar ins Gegenteil verkehren. Herr Busse, vielen Dank für das Gespräch.