Moldawiens Identitätssuche: Zwischen Ost und West
19. August 1991
Moldawien ist meine Heimat. „Moldau“ nenne ich es nicht – ich habe mich nicht daran gewöhnt. Für mich klingt das nicht so weich. Manchmal sage ich einfach „Baștină“. Hierher kamen 1945 meine Großmutter (aus Kiew) und mein Großvater (aus der Nähe von Minsk), um die Republik nach dem Krieg wiederaufzubauen. Sie ließen sich in Cahul nieder, einem Städtchen im Süden der Republik, an der Grenze zu Rumänien. Dort gründeten sie eine Familie. Hier wurde meine Mutter geboren, und später ich. Meine Kindheit verbrachte ich zwischen Cahul und Chișinău.
Eine meiner lebendigsten Kindheitserinnerungen ist der Morgen des 19. August 1991, als in Moskau der Putsch stattfand. Die Kommunisten wollten den Zerfall der Sowjetunion verhindern – alles deutete darauf hin. Wir machten damals mit meinen Eltern Urlaub am Schwarzen Meer, bei Odessa. Am Morgen verspäteten wir uns auf dem Weg zum Katamaran, der Menschen über die Lagune ans Meer brachte. Ein Matrose, der sah, dass wir liefen, verzögerte die Abfahrt und warf uns die Gangway zu. „Heute ist so ein Fest! Lass es uns nicht verderben“, sagte er. Ich sah damals: Der Zerfall der Union war für viele Menschen eine Tragödie. Doch es gab auch viele, die sich darüber freuten.
Wenige Monate zuvor hatte in der Sowjetunion ein Referendum stattgefunden. Die Menschen sollten antworten, ob der Erhalt der UdSSR als erneuerte Föderation gleichberechtigter souveräner Republiken notwendig sei. Das offizielle Chișinău boykottierte die Abstimmung, aber in Transnistrien und in Gagausien (Teile der Republik) wurde abgestimmt. Dort war die Unterstützung für die Union nahezu absolut. Diese Spaltung war der erste Vorbote von Ereignissen, die das Land für Jahrzehnte teilen sollten. Am 27. August verabschiedete die Republik die Unabhängigkeitserklärung und trat aus der UdSSR aus.
25. Mai 1995
An diesem Tag läutete in der Schule die letzte Glocke. Die Abschlussprüfungen begannen. Am schwierigsten war Rumänisch. Warum? Weil wir es schlicht in zehn Jahren nicht geschafft hatten, es zu lernen. Angefangen hatten wir, es in den 1980ern als „Moldauisch“ zu lernen. Ehrlich gesagt: Wir verstanden damals nicht, wozu wir es brauchten, wenn alle um uns herum Russisch sprachen.
Nach 1991 stand die Sprache als „Staatssprache“ im Stundenplan. Die Behörden waren sich lange unsicher, wie sie die Sprache genau nennen sollten. Denn in der Unabhängigkeitserklärung war von der rumänischen Sprache die Rede, in der Verfassung (angenommen 1994) hingegen von der moldauischen.
Als die Behörden dann entschieden, dass es doch Rumänisch sei, gab es das Fach „Sprache“ im Stundenplan schon nicht mehr: In den oberen Klassen hatten wir nur noch rumänische Literatur und rumänische Geschichte – eine gemeinsame für zwei Staaten, Moldau und Rumänien. Die Sprache, so hieß es, beherrschten wir ja bereits.
Um die Abschlussprüfung zu bestehen, musste ich zusätzlich Nachhilfe nehmen. Meine Lehrerin, die noch vor dem Krieg geboren wurde und die Zeit erlebt hatte, als Moldau Teil Rumäniens war, sagte immer, die Moldauer wollten nicht wieder eine rumänische Provinz werden. Sie wollten Moldauer sein, in ihrem eigenen Land. Damals gab es viele Diskussionen darüber, ob man sich mit Rumänien vereinigen sollte. Diese Lektion habe ich mir gemerkt.
Noch ein paar Beispiele für das Schwanken: Laut der Volkszählung von 2004 bezeichneten 78,4 Prozent der Moldauer Moldauisch als ihre Muttersprache, 18,8 Prozent hingegen Rumänisch. Präsident Igor Dodon ersetzte 2017 in offiziellen Dokumenten „Rumänisch“ durch „Moldauisch“ – seiner Meinung nach entsprach dies der Verfassung.
Den Schlusspunkt in dieser Geschichte setzte Präsidentin Maia Sandu 2023. Auf ihre Initiative hin wurde die Verfassung geändert. Seitdem ist die Staatssprache in der Republik Rumänisch.
10. Juli 2025
Ich war mit meinen Kindern aus Moskau angereist, um meine Mutter in Chișinău zu besuchen und das Grab meines Vaters aufzusuchen – er war kurz vor unserer Reise gestorben. Früher, vor 2014, betrug die Flugzeit zwischen Chișinău und Moskau 1 Stunde 45 Minuten. Diese Zahl stand an Häusern am Beginn des Moskowski-Prospekts in Chișinău. Der Prospekt heißt noch so, aber die Zahlen sind längst verschwunden. Heutzutage ist es schwer, schnell von Moskau nach Chișinău zu gelangen. Und es kostet viel Geld. Ich konnte mich nicht von meinem Vater verabschieden.
An jenem Tag gingen wir auf dem Hauptplatz spazieren. Dort schienen zwei verschiedene Welten aufeinanderzutreffen: eine Bühne, übrig geblieben von einem Konzert russischer Popstars, und daneben Güterwaggons. Darin wurde ein Museum des Hungers und der sowjetischen Repressionen gegen Moldauer unmittelbar nach dem Krieg eingerichtet. Ich kannte es: Meine Großmutter hatte mir als Kind erzählt, wie schwer es für sie, damals ganz jung, in den Hungerjahren 1946–1947 gewesen war.
Später gingen meine Kinder und ich in ein Spielwarengeschäft. Dort kamen wir mit der Verkäuferin über das neue kostenlose Museum auf dem Hauptplatz ins Gespräch. „Was wollen die Behörden damit sagen?“, fragte sie mich. „Damals haben alle gehungert, niemand wurde je nach Nationalitäten geteilt. Nicht so wie heute, wenn man Russisch spricht. Ihnen ist es erspart geblieben, das zu bemerken, wenn Sie es nicht gemerkt haben.“
Im vergangenen Jahr brodelte in der Republik alles – im Vorfeld der Parlamentswahlen. Doch ihren Ausgang zu beeinflussen – angesichts der riesigen moldauischen Diaspora in Europa – gelang den Moldauern im Land nicht.
Nun scheint Moldau nicht mehr vom Kurs der europäischen Integration abzuweichen. Wenn früher ein Bruch mit Russland undenkbar erschien, so wird er heute zur alltäglichen Tatsache. Wir fliegen einfach nicht mehr zueinander, wir verstehen einander nicht mehr. Und als die Behörden im Januar 2026 offiziell den Austritt aus der GUS erklärten, war dies für viele nur die juristische Bestätigung dessen, was in den Köpfen viel früher geschehen war.
Olga Silantjewa
Запись Moldawiens Identitätssuche: Zwischen Ost und West впервые появилась Moskauer Deutsche Zeitung.
