Die Angriffe Israels und der USA versetzen die Menschen im Iran in Angst und Schrecken. Gleichzeitig nähren sie die Hoffnung auf eine Befreiung vom Unrechtsregime der Mullahs. Im Iran, aber auch in der Diaspora. Die Szenen haben auf den ersten Blick etwas Surreales: Iranerinnen und Iraner feiern auf den Straßen den Tod des Ajatollah Ali Chamenei, quasi während um sie herum das Bombardement der Amerikaner und der Israelis einschlägt. Die Kölner Unternehmerin Emitis Pohl ist eine dieser Stimmen in Deutschland. Was sie in diesen Tagen fühlt, aber auch fürchtet, hat sie in einem Gastbeitrag für t-online formuliert. Als ich erfuhr, dass der Iran angegriffen wird, durchfuhr mich ein Gefühl, das ich kaum in Worte fassen kann: Erleichterung. Und gleichzeitig Angst. Erleichterung darüber, dass etwas ins Rollen gekommen war. Angst um meine Familie, um meine Freunde, um Millionen Menschen, die nun in noch größerer Unsicherheit lebten. Seit 47 Jahren leben die Menschen im Iran in permanenter Ungewissheit. 47 Jahre Revolution. 47 Jahre Repression. 47 Jahre Hinrichtungen. 47 Jahre Korruption, Vetternwirtschaft, verlorene Generationen. Wir im Westen sprechen gern über "Deeskalation", "diplomatische Kanäle", "Verhandlungen". Das ist das Privileg derer, die nachts ruhig schlafen können. Für viele im Iran bedeuteten Verhandlungen vor allem eines: Zeitgewinn für ein System, das sich selbst erhält. Zu oft wurde Hoffnung enttäuscht. Zu oft wurden Protestierende bestialisch niedergeschlagen und ermordet. Zu oft verschwanden Menschen in Gefängnissen. Viele hatten aufgehört, an eine entscheidende Wende zu glauben. Dann kam die Nachricht, die alles überstrahlte: Auch Ali Chamenei ist tot. Alle Exil-Iraner und Exil-Iranerinnen auf der ganzen Welt haben diesen historischen Tag gefeiert. Von Europa über Nordamerika bis nach Australien : Überall, wo Menschen seit Jahrzehnten fern ihrer Heimat leben, wurden Nachrichten geteilt, Tränen vergossen, Umarmungen ausgetauscht. Es war ein unglaubliches Gefühl – und zugleich fühlte es sich unecht an. Fast unrealistisch. Chamenei galt für viele als direkt verantwortlich für die gewaltsame Unterdrückung iranischer Bürger. Unter seiner Führung wurden Proteste brutal niedergeschlagen. Viele sehen in ihm den Architekten einer aggressiven Außenpolitik, die unter anderem auf Konfrontation mit Israel und den USA abzielte. Für unzählige Menschen klebte Blut an seinen Händen, im Iran und darüber hinaus. Und doch empfinde ich Ambivalenz. Ich hätte mir gewünscht, dass er vor einem internationalen Gericht zur Verantwortung gezogen worden wäre. Dass seine Taten dokumentiert, verhandelt, juristisch aufgearbeitet worden wären. Sein gewaltsamer Tod birgt die Gefahr, dass er für manche zum Märtyrer wird. Eine Mischung aus Erleichterung, Trotz und neuem Mut Aber die Bilder, die mich aus dem Iran erreichten, erzählten eine andere Geschichte. Schülerinnen und Schüler, die auf Schulhöfen jubeln. Menschen, die auf Straßen tanzen. Einige rufen Parolen in Richtung der USA oder bedanken sich bei Donald Trump . Manche tanzen sogar zu "YMCA", imitieren seinen Wahlkampftanz, verteilen Kuchen, umarmen Fremde. Eine Mischung aus Erleichterung, Trotz und neuem Mut. Wie verzweifelt muss ein Volk gewesen sein, um so zu reagieren? Ich weiß, was Krieg bedeutet. Ich habe als kleines Mädchen in den 80er-Jahren den Iran-Irak-Krieg erlebt. Ich habe Tote gesehen. Leichen. Blut auf den Straßen. Ich erinnere mich an Sirenen, an Angst – und daran, wie ich mit meinen Eltern um mein Leben rennen musste. Krieg bedeutete für mich nicht Politik, nicht Strategie, nicht Schlagzeilen. Krieg bedeutete nackte Todesangst. Damals war es Krieg. Zerstörung. Trauma. Bomben alleine bringen keinen Regimewechsel Ich weiß, dass Bomben alleine keine Demokratie bringen. Dass Gewalt Wunden hinterlässt. Aber ich weiß auch, wie es sich anfühlt, wenn ein System jede friedliche Veränderung im Keim erstickt. Wie soll ein Volk einen Regimewechsel herbeiführen, wenn jede Demonstration mit scharfer Munition beantwortet wird? Wenn Gefängnisse voller politischer Gefangener sind? Wenn Angst zum Alltag gehört? Ohne äußeren Druck, so sagen viele heute, hätte es keinen Bruch gegeben. Die Verzweiflung hinter dieser Aussage ist real. Sobald ich die Möglichkeit hatte, mit Freunden im Iran zu sprechen – in den kurzen Momenten, in denen das Internet funktionierte – habe ich nachgefragt: Was passiert wirklich? Was fühlen die Menschen vor Ort? Was ist Wunsch, was ist Realität? Eine Bekannte aus dem Iran, ihr Name ist zu ihrem Schutz geändert – nennen wir sie Niku, 36 Jahre alt –, berichtete mir: "Ja, viele warten auf einen Regimewechsel, weil sie glauben, dass sich die Puzzleteile nun zusammenfügen: tiefe innere Unzufriedenheit und Unterstützung von außen." "Wir sind nicht für einen bewaffneten Bürgerkrieg" Für viele, so sagte sie, habe der Tod von Ali Chamenei als Symbolfigur der Islamischen Republik enorme Bedeutung. "Er steht für das System. Wenn er fällt, wirkt das wie ein Zeichen, dass das System schneller bröckelt, als man dachte." Doch ebenso klar formulierte sie eine Grenze: "Wir sind nicht für einen bewaffneten Bürgerkrieg. Die Menschen im Iran verstehen sich kulturell nicht als gewaltorientiert." Dieser Satz hat mich besonders bewegt. Denn von außen wird oft das Bild eines Landes gezeichnet, das kurz vor dem inneren Zusammenbruch steht – als sei Chaos die logische Folge. "Die Hoffnung vieler liegt eher auf einem inneren Wandel", erklärte sie weiter. "Auf einem Abbröckeln der Loyalität innerhalb staatlicher Strukturen. Besonders innerhalb der Armee. Dass die Soldaten sich im entscheidenden Moment auf die Seite des Volkes stellen." Diese Perspektive zeigt, wie komplex die Situation ist. Ja, es gibt Erleichterung. Ja, es gibt Hoffnung. Aber es gibt auch ein tiefes Bedürfnis nach Stabilität, nach einem Übergang ohne blutigen Bürgerkrieg. Jeder von uns erlebt derzeit Begegnungen wie die, von der mir Danial Ilkhanipour erzählt hat, Jurist aus Hamburg und SPD-Abgeordneter in der Hamburger Bürgerschaft: Eine Frau aus seiner Community, deren Sohn bei den letzten Protesten getötet wurde, umarmte ihn. Weinte – vor Freude und vor Trauer zugleich. "Es ist der erste Schritt zur Freiheit" "Endlich habe ich Genugtuung", sagte sie. "Für das, was sie meinem Kind angetan haben. Es ist der erste Schritt zur Freiheit." Und allen ist klar: Das hier ist kein geopolitischer Machtkampf. Es ist persönlich. Es ist biografisch. Es ist existenziell. Gleichzeitig wird die Frage nach einer politischen Zukunft immer konkreter. Zwei Szenarien stehen nun im Raum. Das eine: Teile des bestehenden Machtapparates versuchen, sich neu zu organisieren, und nennen es dann Reform. Viele Iraner misstrauen diesem Weg zutiefst. Das andere Szenario: ein demokratischer Übergang – unter Einbindung des Schah-Sohns Reza Pahlavi, der einen 100-Tage-Plan für eine Übergangsphase vorgestellt hat. Sein Name wird von Millionen Iranern gerufen, und für viele steht er sinnbildlich für Demokratie. Er steht dabei nicht ausdrücklich für eine Monarchie, sondern für eine geordnete, demokratische Alternative. Für viele ist der Sohn des Schah die einzige Alternative Für viele ist er derzeit die sichtbarste und einzige realistische demokratische Alternative – unterstützt wird er aus unterschiedlichen Motiven. Einige hoffen auf eine konstitutionelle Monarchie wie in Dänemark oder Schweden , andere sehen ihn als Übergangsfigur bis zu einem Referendum, in dem das Volk selbst über die zukünftige Staatsform entscheiden könnte. Ob er tatsächlich diese Rolle einnehmen wird, ist offen. Was die Menschen wollen, ist eigentlich schlicht: Menschenrechte. Rechtsstaatlichkeit. Wirtschaftliche Perspektiven. Die Möglichkeit, Brot kaufen zu können, ohne Angst vor Armut. Ein Leben ohne ideologische Bevormundung. Ein freies Iran. Kein Land, in dem eine kleine Elite sich bereichert, während breite Teile der Bevölkerung ums Überleben kämpfen. Kein Land, in dem Menschen aus der Unterschicht sterben, weil sie sich nicht einmal Grundnahrungsmittel leisten können. Das hier ist keine geopolitische Episode. Keine abstrakte Debatte über Strategien und Interessen. Für Millionen Iranerinnen und Iraner geht es um eine historische Wende. Um Zukunft. Um Würde. Um ein Leben ohne Angst. Und zum ersten Mal seit 47 Jahren fühlt sich Veränderung nicht wie ein ferner Traum an.