Zwei Brüder, zwei Stimmen – eine bewegende Geschichte. Uli und Jogi Hebel gehören zu den besten Kommentatoren Deutschlands. Ihr Weg dorthin war alles andere als einfach. " Im TV: Brüder schreiben Fußballgeschichte " – das titelte t-online im Dezember 2021. Verantwortlich für die Premiere im deutschen Sportfernsehen waren damals Jogi und Uli Hebel. Nie zuvor wurde ein Fußballspiel von zwei Brüdern kommentiert. Und genau das taten die beiden bei dem Premier-League-Duell zwischen dem FC Everton und dem FC Arsenal erstmals für den Bezahlsender Sky, für den sie neben dem Streamingdienst DAZN auch heute noch beide arbeiten. In der Branche hatten sich die Hebel-Brüder schon zuvor einen Namen gemacht, spätestens seitdem sind sie aber auch der breiten Öffentlichkeit bekannt. Für Uli Hebel gilt das noch mal mehr, seitdem er im Juni 2023 das Champions-League-Finale zwischen Manchester City und Inter Mailand für DAZN kommentieren durfte. Es ist ein Ritterschlag für ihn, mit dem er endgültig im Olymp der Kommentatoren-Elite angekommen ist. Gleichzeitig ist es für ihn und auch seinen Bruder ein vor allem auf der persönlichen und emotionalen Ebene extrem bedeutender Moment. Warum das so ist, erzählen die beiden in ihrem Buch, das am 4. März erschienen ist. Es trägt den Titel: "Hoffentlich haben die TV im Himmel – Unser unwahrscheinlicher Aufstieg in die Liga der besten Fußballkommentatoren." Jogi und Uli Hebel erzählen darin ihre bewegende Geschichte. Und verraten ein großes Geheimnis, bei dem sie sich geschworen hatten, es für sich zu bewahren. Es ist ein äußerst trauriges, von dem bislang nur ihre engsten Vertrauten und Wegbegleiter wussten: Der 37-jährige Uli Hebel und der 39-jährige Jogi Hebel sind seit ihrer frühen Jugend Vollwaise. Innerhalb von nur knapp zwei Jahren verloren sie beide Eltern. Zuerst ihren Vater Andreas, der 62 Jahre alt wurde, und nur 879 Tage später dann auch noch ihre Mutter Gotelind mit nur 49 Jahren. Beide starben an Krebs. Uli und Jogi Hebel waren damals erst 13 und 15 Jahre alt. Und wuchsen dann gemeinsam mit ihrer älteren Schwester Andrea unter finanziell schwierigen Verhältnissen im bayerischen Burghausen auf – teilweise am Existenzminimum. Erst der Verkauf ihres Elternhauses ermöglichte es ihnen überhaupt, ihren beruflichen Traum zu verfolgen. Konkret hieß das für sie: In München an der Macromedia-Hochschule Sportjournalismus zu studieren und die teuren Studiengebühren dafür zahlen zu können. "Geld zu brauchen, aber keines zu haben, das war schlimm." "Als beide wieder einmal richtig knapp bei Kasse sind und Uli in München bemerkt, dass Jogi noch mehr als gewöhnlich beim Einkauf von Lebensmitteln zurücksteht, macht er etwas, für das er sich bis heute schämt", heißt es in dem Buch im Rückblick: "Er sieht eine unbewachte Kiste in einem Transporter, der einen Discounter beliefert, greift hinein, klaut so viel Brot, wie er nur tragen kann und rennt damit davon, Richtung Wohnheim seines Bruders." Der sagt wenige Zeilen später: "Geld zu brauchen, aber keines zu haben, das war schlimm." Dieser eigentlich fast unmögliche Spagat zwischen Traum und harter Realität gelang ihnen trotzdem. Und die Brüder verfolgten weiter ihre große Leidenschaft, die schon ihre Eltern immer gefördert hatten: Ihr unerschöpfliches Interesse an Sport und speziell an Fußball. Ihr Vater tat das unter anderem mit Ergebniszetteln, die er seinen Söhnen nach den für sie zu späten Fußballspielen noch nachts vor ihren Kinderzimmern aufhing. So erfuhren sie direkt nach dem Aufwachen das, was sie unbedingt als Erstes wissen wollten. "Der Sport war unsere Ablenkung von der Traurigkeit. Er hat uns Freude und Halt gegeben. Uns begeistert und gefesselt. Wir wollten immer alles wissen und alles verstehen", sagt Jogi Hebel über die schwierige Zeit nach dem Tod der Eltern. "Egal was, egal wo. Wir haben uns in totale Freaks verwandelt. Das wenige Geld, das wir hatten, haben wir genutzt, um Spiele zu sehen." "Ihr habt besondere Talente. Nutzt das Potenzial, das in euch steckt" Die letzten Worte, die ihnen ihre Mutter am Sterbebett mitgab, haben sich bei beiden förmlich ins Gedächtnis eingebrannt. Sie lauteten folgendermaßen: "Ihr seid stark. Ihr habt besondere Talente. Geht nicht schludrig mit eurem Leben um. Nutzt das Potenzial, das in euch steckt." Uli und Jogi Hebel machten sich genau das zu ihrer Lebensaufgabe und entwickelten sich dank ihres besonderen Talents zu zwei der besten TV-Kommentatoren Deutschlands. Das gelang ihnen aber nicht ohne Umwege und auch nicht, ohne hart dafür arbeiten und auch kämpfen zu müssen. Kommentatoren-Ikone Fritz von Thurn und Taxis wurde dabei speziell für Uli Hebel zum großen Förderer. Gemeinsam mit dem 75-Jährigen kommentierte er das Eröffnungsspiel der Bundesligasaison 2019/20 zwischen dem FC Bayern und Hertha BSC . Mentor und Protegé Seite an Seite, Mikrofon an Mikrofon. Dem damals neu gegründeten Streamingdienst DAZN gelang damit gleich bei seiner allerersten Liveübertragung überhaupt ein echter Coup. "Erst danke ich dem lieben Gott – und als Nächstes dir" Als Hebel knapp vier Jahre später am Höhepunkt seiner Karriere angekommen ist, schreibt er von Thurn und Taxis unmittelbar vor dem Anpfiff des Champions-League-Endspiels eine Nachricht: "Erst danke ich dem lieben Gott. Und als Nächstes dir. Ohne dich hätte ich nicht mal ein Mikrofon anschauen dürfen." Uli Hebels Streben nach Glück wurde und wird aber immer auch von Ängsten begleitet – nach dem Krebsleiden und dem Tod seiner Eltern auch der eigenen Angst vor dem Krebs. "Ich weiß, dass meine Zeit auf diesem Planeten sehr wahrscheinlich kürzer ist als bei vielen anderen Menschen. Und deshalb muss ich schneller sein als der Rest", wird Uli Hebel in dem Buch zitiert. "Das macht mich permanent rastlos. Ich will keine Sekunde meines Lebens ungenutzt verstreichen lassen. Diesen inneren Antrieb kann ich nicht abstellen. Nicht unterdrücken. Selbst wenn ich es wollte." Die Geburt von Tochter Sophia verändert alles Als er 2018 erfuhr, dass seine Partnerin Selam schwanger ist, verstärkten sich Hebels Ängste und das beklemmende Gefühl der Erinnerung an den Tod seiner Eltern. Die Neugier seiner heranwachsenden Tochter Sophia daran ist einer der Gründe, warum er sich gemeinsam mit seinem Bruder Jogi dazu entschied, ihre Geschichte in einem Buch zu erzählen. Und ihr großes gemeinsames Geheimnis darin zu verraten. Ein emotionaler Besuch des Grabs der Eltern mit Sophia war wohl der endgültige Auslöser dafür. "Beide haben ihre Erinnerungen und Emotionen tief in sich verbuddelt, gut in einer Schublade in der hinterletzten Ecke ihrer Gehirne versteckt", heißt es weiter im Buch. "Aber nun ist es, als habe jemand so stark an Ulis Kopf gerüttelt, dass die Kiste mit all den gut verpackten Erinnerungen ganz nach vorne gerutscht und aufgesprungen sei." "Ich hoffe, die haben TV im Himmel" Es ist aber nicht das erste Mal, dass Uli und Jogi Hebel über ihr großes Geheimnis sprechen oder genauer gesagt schreiben. Am 10. Juni 2023, dem Tag des Champions-League-Endspiels, das Uli Hebel kommentieren darf, veröffentlicht sein Bruder wenige Stunden vor dem Anpfiff bei Instagram eine Nachricht. Darin schreibt er unter anderem Folgendes: "Heute ist es so weit – dein Traum wird wahr. Nur wir beide wissen, wie lange der Weg dahin war." Er blickt emotional auf Momente der gemeinsamen Kindheit zurück. Zum Beispiel den, als die beiden die Champions-League-Hymne mit dem Kassettenrekorder aufgenommen haben – und dann dazu auf dem Bolzplatz eingelaufen sind. Abschließend schreibt er auch diesen Satz, der nun den Titel ihrer Geschichte trägt: "Ich hoffe, die haben TV im Himmel." Er stammt nahezu identisch aus dem Song "Cabriolet" von Jogis Lieblingsrapper Shindy, heißt es in dem Buch, "und ist seine Botschaft an die verstorbenen Eltern". "Ich wünsche mir, ihr seid dabei" Uli Hebel veröffentlicht vor dem Spiel ebenfalls einen Post in dem sozialen Netzwerk. Und auch er richtet sich dabei zwischen den Zeilen mit einer Andeutung an seine Eltern. "Seitdem ich entschied, Journalist werden zu wollen, habe ich auf diese Nacht hingearbeitet", schreibt er: "Ich wünsche mir, ihr seid dabei." In diesem Moment verstehen nur er und sein Bruder, was und wen genau er damit meint. Damals war es nur ihr ganz besonderer gemeinsamer Moment. Mit der Veröffentlichung ihres Buches haben sie sich nun dazu entschieden, ihn und damit ihr großes Geheimnis mit der Welt zu teilen. Nur wer es liest, kann nachvollziehen, was das wirklich für sie bedeutet. In ihrem Schlusswort richten sich Uli und Jogi Hebel noch einmal in persönlichen Briefen direkt an ihre verstorbenen Eltern, an ihre Mami und ihren Papi. Um noch einmal einen einzigen gemeinsamen Moment mit ihnen erleben zu können, schreibt Uli am Ende: "Ich würde sofort das Champions-League-Finale eintauschen!"