Zu wenige Top-Talente trotz bester Voraussetzungen? Philipp Lahm knöpft sich den deutschen Fußball vor und erinnert daran, was ihn einst erfolgreich gemacht hat. Weltmeister-Kapitän hat in seiner Kolumne für die "New York Times" die Nachwuchsarbeit im deutschen Fußball kritisiert. Dabei nimmt der 42-Jährige vor allem die Klubs und die Nachwuchsleistungszentren ins Visier: "Die Klubs investieren Millionen in ihre Akademien und trainieren sieben Tage die Woche, aber viele Talente bekommen kaum Spielzeit. Der Weg nach oben wird nicht professionell begleitet. Es fehlt an einem klaren Ansatz. So bleibt viel Potenzial ungenutzt", bemängelt der langjährige Bayern-Star. Als Positivbeispiel nennt er einen Teenager seines ehemaligen Klubs: "Lennart Karl ist ein Super-Talent", sagt Lahm. "In der ersten Saisonhälfte, als Jamal Musiala verletzt war, hat er seine Chance bekommen, sich zu beweisen. Er hat von einer klar definierten Rolle profitiert, vom Männerfußball und davon, mit seinen Mitspielern Abläufe entwickeln zu dürfen." Dass Karl in jungen Jahren bei einem Spitzenklub wichtig werde, könne ihn langfristig prägen. "Es gibt eine echte Perspektive, dass er etwas ganz Besonderes werden kann", so Lahm. Nick Woltemade: Heftige Kritik von Shearer – Nagelsmann reagiert Dass Karl nur die Ausnahme statt der Regel ist, bemängelt der frühere Rechtsverteidiger: "Warum passiert das im deutschen Fußball nicht viel häufiger, obwohl wir all diese Vorteile haben?" Er führt auf: "Wir haben eine beneidenswerte Infrastruktur, Klubs in jeder Region, viele Trainer, zahlreiche Jugendligen und gut ausgestattete Trainingszentren. Der DFB hat rund acht Millionen Mitglieder, die Bundesliga ist wirtschaftlich eine der stärksten Ligen der Welt, und die Stadien sind bis in die Regionalliga hinein voll. Dank unserer Bevölkerungszahl gibt es in jedem Jahrgang talentierte Spieler." Für nachhaltigen Erfolg brauche es ein durchgängiges System. "Erfolg entsteht, wenn junge Spieler über viele Jahre in einem System ausgebildet werden." Von der U14 bis zur U19 müsse es eine einheitliche Linie geben, klare Regeln und abgestimmte Trainingsmethoden. Lahm fordert: "Die Klubs müssen ihre Jugendspieler nicht nur sportlich fördern, sondern auch pädagogisch begleiten." Das fordert Lahm von den deutschen Profiklubs Dazu brauche es Fachleute, die "pro Jahrgang zwei oder drei besondere Spieler identifizieren". Trainer müssten erkennen, wann sie eingreifen, technische Details erklären und Räume aufzeigen – "aber sie müssen auch Fehler zulassen". Und: "Die Jungs müssen spielen. Talent entwickelt sich im Wettbewerb." Seine Idealvorstellung: "Ich würde mir wünschen, dass jeder Bundesligist konkrete Ziele für die Einsatzzeiten eigener Nachwuchsspieler festlegt." Ein Profikader solle "nicht größer als 23 Spieler sein", mindestens drei Plätze müssten für Eigengewächse reserviert werden. "So entsteht für alle das Gefühl, gebraucht zu werden." Lahm verweist dabei auf eigene Erfahrungen. "Ich bin im Nachwuchs des FC Bayern unter klaren Prinzipien unseres Ausbildungsleiters Bjorn Andersson groß geworden." Formation, Spielstil, Positionen und Mitspieler hätten Kontinuität geschaffen. "Das hatte enormen Wert für unsere Entwicklung und die Chemie im Team."