Wohin wird sich der Iran in Zukunft entwickeln? Der amerikanische Nahostexperte Michael Makovsky hält in dieser Frage nicht die iranische Bevölkerung für die entscheidende Gruppe. Das iranische Staatsoberhaupt Ajatollah Ali Chamenei ist tot, doch die Kämpfe im Iran gehen weiter. Seit den Angriffen vom Samstag durch Israel und die USA weitet sich der Krieg im Nahen Osten langsam aus. Nach zahlreichen iranischen Gegenschlägen in der Golfregion kam es am Sonntag auch zu Luftschlägen zwischen Israel und der Terrororganisation Hisbollah im Libanon . Michael Makovsky kennt die Region sehr gut: Der Chef des Jewish Institute for National Security in Washington beschäftigt sich mit dem Nahen Osten und dessen Verhältnis zu den USA. Im Interview mit t-online spricht Makovsky über die Ziele der USA, wohin sich der Iran in Zukunft entwickeln könnte und darüber, ob die Vereinigten Staaten in der Region auch Bodentruppen einsetzen könnten. t-online: Seit Samstag läuft ein Großangriff von den USA und Israel auf den Iran, der oberste Führer Ali Chamenei und Dutzende weitere hochrangige Militärs und Regierungsmitglieder wurden getötet. Wie bewerten Sie die aktuelle Lage? Michael Makovsky: Der Einsatz lief bislang besser als erwartet. Auch wenn die ersten amerikanischen Soldaten ums Leben gekommen sind, wurden große Erfolge erzielt. Ich denke aber, dass man das Ganze in einem größeren Zusammenhang sehen muss. Wie meinen Sie das? Die Tatsache, dass die USA und Israel überhaupt gemeinsam diesen Krieg führen, ist beeindruckend. Ich habe mich schon lange dafür eingesetzt. Beide Staaten kämpfen gegen ein Regime, das nicht nur diese beiden Länder, sondern den gesamten Westen bedroht. US-Präsident Donald Trump musste so handeln, spätestens, seit er der iranischen Bevölkerung versprochen hatte, dass Hilfe auf dem Weg ist. Viele Iraner haben auf die Meldung, dass Chamenei getötet wurde, mit Jubel reagiert. Aber hilft dieser Krieg langfristig den Menschen dort? Atomanlagen zu bombardieren, wie es die USA im vergangenen Jahr getan haben, ist die eine Sache: Entweder man trifft sie oder nicht. Ein Regimewechsel ist dagegen eine deutlich größere Herausforderung. Trump sagte am Freitag, dass ein solcher Wechsel am Ende Sache des iranischen Volkes ist. Das Regime kann diesen Krieg auch überleben. In jedem Fall ist das Land jetzt gezwungen, einen Nachfolger für Chamenei zu suchen. Ist das eher eine Chance oder auch eine Gefahr? Beides ist möglich. Chamenei war nicht der einzige Extremist in diesem Regime. Es gibt dort genug Leute, die kein Problem mit Massenhinrichtungen haben. Trotzdem gab es gute Gründe, Chamenei auszuschalten. Welche? Es führt zu Problemen in der Entscheidungsfindung, wenn es keine Führungsfigur mehr gibt. Wir haben das auch gesehen, als der Chef der Hisbollah, Hassan Nasrallah, 2024 bei einem israelischen Luftschlag getötet wurde. Damit sind aber natürlich nicht alle Probleme im Iran gelöst. Bislang läuft alles geordnet weiter: Aktuell wurde ein Trio als Übergangsführung installiert. Ist das System also weiter stabil? Das Regime ist geschwächt, daran gibt es keinen Zweifel. Aber die iranische Führung ist noch nicht am Ende. Der Machtapparat ist im Inneren stärker, als viele glauben. Das Regime ist nahezu im gesamten Land verhasst. Trotzdem hat es sich bislang an der Macht gehalten. Wir haben im Januar gesehen, wie brutal auf die Proteste in dem Land reagiert wurde. Ich glaube, dass es bei einem Sturz weniger auf Massenproteste der Bevölkerung, sondern auf die Revolutionsgarden ankommen wird. Warum? Die Revolutionsgarden sind im Vergleich zum Rest des Volkes in der Unterzahl, aber sie besitzen die Waffen. Sie müssen sich entscheiden: Wollen wir weiter unser eigenes Volk hinrichten oder nicht? Halten Sie es für möglich, dass die Revolutionsgarden auch künftig die politische Führung in dem Land übernehmen? Das ist denkbar. Der Einfluss der Revolutionsgarden ist ohnehin schon groß. Das Gesetz sieht zwar vor, dass das Land einen geistlichen Führer hat, aber sie könnten dort auch eine Marionette installieren. Sollte es so kommen, wäre das eine große Gefahr für die Region. Bislang waren die Revolutionsgarden immer treu an der Seite des Regimes. Im schlimmsten Fall könnten sie sich an der Spitze des Landes noch weiter radikalisieren. Letztendlich ist die Situation aber schwer einzuschätzen. Vielleicht würden sie dann auch einen moderateren Kurs wählen. Donald Trump hat mittlerweile Gespräche mit der iranischen Interimsführung angekündigt. Verfolgt Trump doch keinen Regimewechsel? Solche Dinge können sich bei Trump ja schnell ändern. Ich habe ihn in seiner Rede nach dem Angriff so verstanden, dass er das Regime schwächen wollte. Deshalb hat er auch nicht direkt davon gesprochen, dass die USA die Führung stürzen wollen, sondern dass eine solche Bewegung vom Volk ausgehen muss. Für manche Iraner mag das unbefriedigend klingen, weil das Regime diesen Krieg auch überleben kann. Aber es ist aus meiner Sicht zumindest ein realistisches Ziel. Trump sprach davon, dass der Iran nie im Besitz von Atomwaffen sein dürfe. Wird dieser Krieg tatsächlich das Atomprogramm des Iran schwächen oder die nächste Führung in ihren Plänen noch weiter bestärken? Wenn das Regime an der Macht bleibt, könnten sie versuchen, ihre Pläne für Atomwaffen zu beschleunigen. Ich glaube allerdings nicht, dass Trump das zulassen wird. Eine Sache kann ich aber mit Sicherheit sagen: Wenn man gar nichts unternimmt, wird der Iran eines Tages im Besitz von Nuklearwaffen sein. Die US-Regierung wird für den Einsatz auch kritisiert: Halten Sie diesen Angriff für völkerrechtswidrig? Ich bin kein Völkerrechtler. Deshalb kann ich dazu wenig sagen. Für mich ist diese Frage auch nebensächlich. Mir geht es darum: Der Iran darf keine Nuklearwaffen besitzen und man sollte alles tun, um das Land daran zu hindern. Trump wird auch vorgeworfen, er hätte sich den Einsatz vom Kongress genehmigen lassen müssen. Die Kritik an Trumps Vorgehen ist berechtigt. Aber ein solches Votum hätte auch den Einsatz verzögern können. Trump ist zudem nicht der einzige Präsident, der sich in den vergangenen Jahren nicht die Zustimmung des Kongresses eingeholt hat. Am Ende ist der US-Präsident der Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Ich glaube aber, er hätte sich mehr um den Rückhalt in der amerikanischen Bevölkerung bemühen müssen. Zumal Trump auch seinen Wählern versprochen hat, dass die USA unter ihm nicht in den Krieg ziehen, sondern Kriege beenden wollen. Viele Menschen in den USA lehnen das iranische Regime ab. Trump hätte die Amerikaner überzeugen müssen, dass seine Entscheidungen richtig waren. Aber warum er etwas tut, erläutert er selten. Ich glaube allerdings nicht, dass sich die aktuelle Situation in einen zweiten Irak- oder Afghanistankrieg entwickeln wird. Warum nicht? Das würde den Einsatz von Bodentruppen voraussetzen. Das kann weder Trump noch andere Mitglieder seiner Partei wollen, weil das die gesamte amerikanische Bevölkerung strikt ablehnt. Ich sehe darin auch militärisch aktuell keinen Vorteil. Dadurch würden nur mehr US-Soldaten sterben. Dieser Krieg wird also schnell wieder enden? Unser Militär hat aktuell überhaupt nicht die Kapazitäten für einen längeren Einsatz. Auch die Truppen in Israel sind durch die Kämpfe der letzten Jahre nicht mehr im Vollbesitz ihrer Kräfte. Ich glaube, der Einsatz wird enden, wenn die iranische Marine, die Raketenbasen und die Atomanlagen zerstört wurden. Für alle drei Ziele sind aus meiner Sicht keine Bodentruppen notwendig. Wie wird dann die Zukunft des Iran aussehen? Ich denke, dass die iranische Bevölkerung jetzt auf der Seite Israels und der USA steht. Ich weiß nicht, ob der Iran eine Demokratie werden kann. Aber ich bin auf lange Sicht durchaus optimistisch, dass sich das Land zum Positiven entwickelt. Auch wirtschaftlich hat das Land mit seinen Vorkommen von Öl und Gas viel Potenzial. Das Einzige, was all dem im Wege steht, ist dieses brutale Regime. Herr Makovsky, vielen Dank für das Gespräch!