Irans Machthaber Chamenei ist tot. Ein Dreiergremium übernimmt kurzfristig die Führung des Iran. Die Suche nach einem Nachfolger beginnt. Nachdem Irans Oberster Führer Ajatollah Ali Chamenei am Samstag bei Luftschlägen Israels und der USA getötet worden ist, entsteht an der Spitze des Iran ein Machtvakuum. Vorübergehend soll ein Dreiergremium die Führung des Landes übernehmen. Die iranische Verfassung sieht jedoch vor, dass möglichst rasch ein neues geistliches Oberhaupt – also Chameneis Nachfolger – bestimmt wird. Bis dahin soll die Verantwortung bei dem Trio aus Präsident Massud Peseschkian, Justizchef Gholam-Hussein Mohseni-Edschehi sowie einem Mitglied des Wächterrats liegen. Der Wächterrat ist ein Kontrollgremium in der iranischen Staatsstruktur: Er soll sicherstellen, dass staatliche Entscheidungen mit der schiitischen Auslegung der Scharia vereinbar sind. Newsblog: Alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg im Nahen Osten Videokommentar aus New York : Krieg in Nahost – davor warnen Experten t-online gibt einen Überblick über mögliche Nachfolger Chameneis und über jene Personen, die maßgeblich entscheiden könnten, in welche Richtung sich der Iran in den kommenden Tagen unter dem Druck der Angriffe der USA und Israels bewegt. Massud Peseschkian: Der aktuelle Präsident Peseschkian gilt als vergleichsweise moderat und wird häufig dem reformorientierten Lager innerhalb des Systems zugerechnet. 2024 setzte sich der ehemalige Arzt in einer Stichwahl gegen seinen Konkurrenten durch. Zuvor hatte er bereits 2013 und 2021 kandidiert: Einmal zog er seine Bewerbung zurück, ein anderes Mal wurde sie vom Wächterrat nicht zugelassen. Zuletzt zeigte sich der Präsident im Zuge der Gewalt gegen Demonstrierende zwar betroffen, verurteilte jedoch nicht den staatlichen Gewalteinsatz, sondern forderte einen anderen Umgang mit Kritik. Die Tötung Chameneis bezeichnete er als "schweres Verbrechen", das nicht unbeantwortet bleiben werde. Gholam-Hussein Mohseni-Edschehi: Der Hardliner Der Justizchef Mohseni-Edschehi gilt als Hardliner. In seiner Funktion als oberster Richter sind zahlreiche – teils international stark kritisierte – Todesurteile unter seiner Verantwortung ausgesprochen worden. Der Ultrakonservative blickt auf eine lange Karriere in der Justiz und im Sicherheitsapparat zurück und steht für eine harte Linie, nicht für Liberalisierung. Seit Jahren steht er auf der Sanktionsliste der Europäischen Union. Nach den Luftangriffen und dem Tod Chameneis hat er sich öffentlich noch nicht geäußert. Dass ein Berater des getöteten Chamenei ihn jedoch als Mitglied des Übergangstrios benannte, deutet darauf hin, dass er am Leben ist – auch wenn er als hochrangiger Funktionär zu den besonders gefährdeten Personen in diesen Stunden zählen dürfte. Drittes Mitglied im Übergangstrio – und mögliche Nachfolger Welches Mitglied des Wächterrats in das Dreiergremium berufen wurde, ist bislang nicht bekannt. Allein die Funktion des Wächterrats und die Art seiner Besetzung lassen jedoch vermuten, dass es sich auch bei der dritten Person um einen regimetreuen Geistlichen handelt. Als direkte Nachfolgekandidaten Chameneis kursieren derweil zwei Namen mit enger Verbindung zum Verstorbenen: zum einen sein Sohn Modschtaba Chamenei, der meist im Hintergrund agiert, aber über enge Kontakte zu Revolutionsgarden und Basidsch-Miliz verfügen soll. Ein weiterer möglicher Kandidat ist Hassan Chomeini, ein Enkel des Revolutionsführers Ajatollah Ruhollah Chomeini. Abgesehen von ihren Namen und familiären Beziehungen wird beiden allerdings nachgesagt, bislang kein ausreichendes eigenes Profil für das Amt aufgebaut zu haben. Ob beide noch am Leben sind, ist derzeit zudem unklar. Zu den einflussreichsten Geistlichen des Landes zählen Sadegh Laridschani, ein Bruder des Chamenei-Beraters Ali Laridschani, ein Mitgleid des Expertenrates, Mohsen Araki, und der Teheraner Prediger Ahmad Chatami. Exil-Opposition: Reza Pahlavi bringt sich in Stellung Währenddessen bringt sich Reza Pahlavi, der im Exil lebende Sohn des 1979 gestürzten Schahs von Persien, erneut als Übergangsfigur ins Spiel. Er bezeichnet sich als "neutralen" Vermittler, der keinen eigenen Machtanspruch erhebe, sondern den Übergang zu Freiheit und Demokratie organisieren wolle. Zugleich spricht er davon, den Iran "zu befreien" und nach einem Sturz der Islamischen Republik in das Land zurückkehren zu wollen. Seine Rolle ist umstritten: Kritiker innerhalb der Opposition werfen ihm vor, am Ende doch eine Rückkehr zur Monarchie seines Vaters anzustreben und weit entfernt von der Lebensrealität vieler Menschen im Iran zu sein. Andere sehen in ihm eine Symbolfigur, die den Iran aus der internationalen Isolation führen, das Land einen und die Herrschaft der Mullahs beenden könne. Wie groß sein Rückhalt im Iran tatsächlich ist, bleibt unklar.