Tatort: Wenn man nur einen retten könnte: Die Wohngemeinschaft des Grauens
Moormann (Jasna Fritzi Bauer) und Selb (Luise Wolfram) ermitteln im Bremer Studentenmilieu. Im "Tatort: Wenn man nur einen retten könnte" müssen sie den Mord an einer WG-Mitbewohnerin aufklären. Deren Co-Mieter verhalten sich wie eine Endzeit-Gemeinschaft der Unmenschlichkeit.
Dieser "Tatort" gibt am Anfang mächtig Gas. Nicht etwa mit einer Actionszene, sondern mit dem in zwei Minuten ultrakompakt gezeichneten Leidensweg der Studentin Annalena Höpken (Annika Gräslund). Die junge Frau hat existenzielle Geldsorgen, noch nicht mal fürs Essen reicht die Kohle. Zu einem traurigen HipHop-Song sieht man sie in den ersten Szenen von "Tatort: Wenn man nur einen retten könnte" an verschiedener Menschen Türen klopfen. Helfen kann oder will ihr jedoch niemand. Wenige Minuten später liegt Annalena tot am Fuße der Hinterhoftreppe eines Nachtclubs ...
Weil sie wohl jemand gestoßen hat, ermitteln Liv Moormann (Jasna Fritzi Bauer) und Linda Selb (Luise Wolfram). Selb übernimmt die Verfolgung eines verdächtigen Obdachlosen – und wird dabei selbst verletzt. Weil sie danach das Krankenhausbett hüten muss, bekommt Liv Moormann in dieser Folge die Unterstützung des coolen KDD-Kollegen Patrice Schipper (Tijan Njie).
Die beiden finden heraus, dass es sich bei dem Opfer um die Tochter einer ehemals wohlhabenden Familie handelt, die jedoch alles verloren hat. Mutter Gabriele Höpken (Catrin Striebeck) und Betty (Mathilda Smidt), die 15-jährige Schwester, sind geschockt von der Todesnachricht. In der WG des Opfers hält sich das Mitgefühl hingegen in Grenzen. Dort leben ausschließlich Studierende, die sich neutral bis abfällig über die Verstorbene äußern.
Hauptmieter Hannes Butenbeker (Michael Schweisser), Söhnchen aus reichem Haus, hatte sogar mal eine Beziehung zu Annalena. Zuletzt war er jedoch genervt von ihr, weil sie gegen seinen Willen "immer wieder ankam". Auch Mitbewohnerin und Vorzeige-Studentin Karima Al-Sharquawi (Shirin Eissa), wie Annalena an der juristischen Fakultät eingeschrieben, war von der Schwäche und Verzweiflung des Opfers angewidert. Allein der wunderliche und gerne in Reimen sprechende Colin Trenkner (Mitja Over), ein Poetry Slammer, mochte Annalena und hatte Mitgefühl mit ihr.
Der Co-Ermittler sorgt für Comic Relief
Ob die bekannte Kriminalschriftstellerin Elisabeth Herrmann, verantwortlich unter anderem für die mit Jan Josef Liefers verfilmte Joachim Vernau-Reihe, mal in einer Wohngemeinschaft lebte und wie sie diese erinnert, ist öffentlich nicht bekannt. Ihr gemeinsam mit Dr. Christine Otto erschaffenes Drehbuch zum Bremer "Tatort" kreiert allerdings eine WG des Grauens, die mehr an die Hölle selbst als an deren Vorhof erinnert. Die Wohnungsnot unter Bremer Studierenden muss gigantisch groß sein, sollte man sich – in echt – um einen Einzug hier bemühen: Mitbewohner werfen sich fiese Kommentare zu, sehen sich gegenseitig sämtlich als Konkurrenten und werden schon mal handgreiflich in der WG-Küche. Dort also, wo man sich im echten Leben im schlimmsten Fall über nicht erledigten Abwasch aufregt. Auch wenn klar wird, dass der Krimi (Regie: Ziska Riemann) Leistungsdruck sowie fehlendes Mitgefühl und Solidarität mit gestrauchelten Menschen anprangert: Leider ist das hier gemalte Szenario in fast keinem Moment glaubwürdig.
Selbst charakterschwache und böse Menschen würden es kaum aushalten, so schlecht miteinander umzugehen wie diese WG-Bewohner. Was jedoch noch schlimmer ist: Kaum einer Figur dieses Krimis nimmt man ihren Charakter ab. Alle Studierenden fühlen sich behauptet an, weshalb man kein echtes Mitgefühl entwickeln kann. Schon gar nicht mit den Ellenbogen-Studis der WG, aber auch nicht so recht mit dem Personal des etwas besser erzählten Nebenplots der hinterbliebenen Mutter und Schwester der Toten.
Bleibt noch der Auftritt des Gastermittlers Patrice Schipper, der seinen Job als (eventueller) Gigolo-Kommissar mit Comic Relief-Faktor recht ordentlich erledigt. Linda Selb-Fans müssen in dieser Folge mit sehr wenig Screentime der Ermittlerin auskommen, denn sie erleidet gleich zu Beginn eine Kopfverletzung und muss das Bett hüten. Immerhin ist sie für den besten Gag der insgesamt lauen Bremer Folge zuständig: Während eines Krankenbesuches durch Freundin und Kollegin Liv warnt sie diese vor ihrem neuen Co-Ermittler: "Der Typ hat zwei Kinder von drei Frauen." Und nach kurzem Nachdenken mit dem Brummschädel verbessert sie sich selbst: "Oder war es andersherum?"
Tatort: Wenn man nur einen retten könnte – So. 25.01. – ARD: 20.15 Uhr
