Tänzer begeistern im Wieslocher Palatin: Russisches Staatsballett führte "Schwanensee" auf
Von Gertraude Zielbauer
Wiesloch. Im Palatin sind sie schon seit Jahrzehnten gern gesehene Gäste, die Tänzerinnen und Tänzer des Russischen Klassischen Staatsballetts aus der Republik Mari El mit ihrem Leiter Konstantin Iwanow. Sie treten regelmäßig Ende Dezember oder in den ersten Januartagen auf und haben eine große Anhängerschar. Nachdem mehrere Jahre hintereinander der "Nussknacker" gegeben wurde, stand nun am Dreikönigstag mit "Schwanensee" das andere große Ballettwerk Peter I. Tschaikowskys auf dem Programm.
Im Jahr 1877 uraufgeführt, fiel das Ballett beim Publikum zunächst einmal durch. Das lag freilich nicht an Tschaikowskys Musik mit ihren zahlreichen "Ohrwürmern", die bis heute auch als Konzertstücke erfolgreich sind, sondern an Libretto und Choreografie. Als beides geändert worden war, stand dem Welterfolg des "Schwanensees" nichts mehr im Wege.
Die Handlung folgt dem üblichen Muster des klassisch-romantischen Tanztheaters: Zwei Liebende treffen sich, überstehen Gefahren und sind am Schluss für immer vereint. Konkret heißt dies für den "Schwanensee": Prinz Siegfried feiert seinen 21. Geburtstag mit Freunden und dem Hofstaat. Mitten in der Nacht treffen sie am Schwanensee, dem Revier des bösen Zauberers Rotbart, die Schwanenkönigin Odette und ihre Freundinnen, die von ihm in weiße Schwäne verwandelt worden waren, und nur nachts ihre menschliche Gestalt wieder annehmen dürfen. Der Prinz und Odette verlieben sich, aber der Zauberer fährt dazwischen, denn durch eine wahre, echte Liebe würde seine Zauberkraft ihre Wirkung verlieren.
Am Hof von Siegfrieds Mutter, der Fürstin, findet am Tag darauf ein Ball zu Ehren des Prinzen statt. Hier soll er nach dem Wunsch der Mutter seine zukünftige Gattin wählen. Als Gast erscheint auch ein "Herzog Rotbart" – in Wirklichkeit der böse Zauberer – mit seiner Tochter Odilie, die als "Schwarzer Schwan" der Schwanenkönigin Odette zum Verwechseln ähnlichsieht ...
Der Besuch der Aufführung lohnt sich für Groß und Klein gleichermaßen und die tänzerische Qualität des Gezeigten ist gleichbleibend hoch. Die Solisten zeigten auch diesmal wieder ausgesprochene Spitzenleistungen, allen voran Ekaterina Baibaeva in der Doppelrolle als Odette und Odilie. Neben ihrer tänzerischen Perfektion gewinnt sie die Herzen des Publikums durch ihr darstellerisches Können. Man nimmt ihr das Schwanenmädchen mühelos ab, und die beiden gegensätzlichen Charaktere – hier der anmutige weiße Schwan Odette und dort der raffiniert-boshafte schwarze Schwan Odilie – kommen bei ihr zu schönster Geltung.
Artem Vedenkin als Prinz Siegfried ist ihr ein ebenbürtiger Partner und überzeugt durch ausgereifte Technik, kraftvolle Sprünge und geschmeidige Eleganz. Als böser Zauberer Rotbart bricht Sergej Schabrukov immer wieder, riesige schwarze Flügel schwenkend, in die Idylle ein und verbreitet Angst und Schrecken, bis am Ende seine Macht durch die wahre Liebe von Odette und Siegfried gebrochen wird. Die märchenhafte Szene aus Tüll, Glimmer und Pastellfarben ist für die Zuschauer ein wirksames Mittel, die graue Winterwelt draußen für kurze Zeit zu vergessen.
Choreograf Konstantin Iwanow gehört heute zu den bekanntesten Ballettkünstlern Russlands. Während seiner aktiven Zeit als Tänzer war er unter anderem führender Solist des Bolschoi-Balletts. In der "Schwanensee"-Produktion die nun schon zum wiederholten Mal im Staufersaal des Palatins gezeigt wurde, setzt er ganz auf die traditionellen Elemente des Handlungsballetts. Wer also von Inszenierung und Ausstattung Innovatives erwartet hatte, kam nur beschränkt auf seine Kosten.
Gerade zu Beginn, beim Geburtstagsempfang für den Prinzen, wurde zwar exzellent getanzt, aber etwas mehr inhaltliche Vielfalt hätte dieser Szene gutgetan. So vermisst man zum Beispiel den angekündigten "Hofnarren", in dessen Rolle Roman Starikov, der nur im Corps de Ballet mittanzte, sicher eine gute Figur gemacht hätte.
Die zahlreichen Zuschauer erlebten trotz dieser kleinen "Schönheitsfehler" einen gelungenen Ballettabend. Es gab immer wieder Zwischenapplaus und auch am Schluss sparten die zahlreichen Zuschauer nicht mit Beifallsrufen.
Erfreulicher Nebeneffekt: Immer wieder konnte man unter den Zuschauern kleine Mädchen ausmachen, die mit Eltern und Großeltern gekommen waren, um das einmal in Perfektion zu erleben, was sie in den Ballettschulen in Wiesloch und Umgebung lernen. Tüllröckchen hatten sie schon einmal angelegt und probierten in der Pause heimlich die eine oder andere Pirouette ...
