Heidelberg: Rollstuhlfahrerin wurde von der Deutschen Bahn stehen gelassen
Von Philipp Neumayr
Heidelberg. Es ist ein früher Samstagmorgen Mitte Dezember. Anemona Delija will von einer Geburtstagsfeier in der Altstadt zurück nach Hause, nach Ludwigshafen. Die 23-Jährige hat eine sogenannte inkomplette Querschnittslähmung und sitzt im Rollstuhl. Sie macht sich auf den Weg zum S-Bahnhof am Karlstorbahnhof, um von dort aus die Regionalbahn zu nehmen. Um kurz nach Mitternacht rollt der Zug RB 38690 am Bahnhof ein. Wenige Minuten später verlässt er diesen – ohne Anemona Delija.
"Ich wurde einfach stehen gelassen", sagt Delija. Nachdem der Zug gehalten hatte, habe sie den Lokführer um Hilfe gebeten. Dieser habe gemeint, er könne ihr nicht helfen. Auch ein anderer Mitarbeiter wimmelt Delija ab: "Wir können Ihnen nicht reinhelfen. Sehen Sie doch, hier sind zwei Stufen, da müssen sie die nächste Bahn nehmen."
Delija wird wütend. "Ich meinte zu ihm, er könne mich doch nicht mitten in der Nacht am Bahnhof stehen lassen." Dies sei ein bestellter Ersatzzug, es gebe keine Rampe, man könne ihr also nicht helfen, so der Mitarbeiter. Der nächste Zug fahre doch sowieso in 30 Minuten. "Bevor ich weitersprechen konnte, stieg der Herr ein und sie fuhren los", erinnert sich Delija.
Die 23-Jährige wartet auf den nächsten Zug – doch der kommt nicht. Auch eine S-Bahn fährt um diese Zeit nicht mehr. "Ich schaute in meiner DB-App und stellte fest, dass ich mit dem Bus zum Betriebshof fahren musste, um von dort zum Heidelberger Hauptbahnhof zu kommen." Als Delija später in diesem Bus sitzt, merkt sie, dass er nicht zum Hauptbahnhof fährt, sondern eine andere Route nimmt.
"Ich bin mit dem Rollstuhl von der Weststadt zum Hauptbahnhof gefahren." Gegen 1.40 Uhr kommt sie dort an. Doch der nächste Zug nach Ludwigshafen fährt erst um 4.13 Uhr. "Mein Handyakku war leer. Es hat geregnet und es war kalt", erzählt Delija. Nach 20 Minuten des Wartens steigt sie in ein Taxi, das sie schließlich nach Hause bringt. Kosten: 55 Euro. "Ich war völlig erschöpft und am Ende mit meinen Nerven."
Delija postet den Vorfall auf der Facebook-Seite der Bahn. Dort schreibt sie: "Es ist eine Unverschämtheit, so eine Aktion abzuziehen!" Jeder habe das Recht frei zu leben und sein Leben zu gestalten – "und wenn ich verdammt nochmal um 1 Uhr nachts heimfahren möchte, dann muss es möglich sein!" Delija hat mit ihren Worten offensichtlich einen Nerv getroffen. Ihr Beitrag wird knapp 2000 Mal geteilt, bis heute rund 700 Mal kommentiert.
Die Deutsche Bahn reagiert vorerst nicht. Erst einige Tage später erhält Delija Antwort von einem Mitarbeiter der Abteilung Kundendialog. "Es tut mir wirklich sehr leid, was Ihnen in der Nacht von Freitag auf Samstag (13./14.12) auf unserem Bahnhof in Heidelberg-Altstadt widerfahren ist", heißt es darin.
Bei dem Zug habe es sich um einen Fußball-Sonderzug gehandelt, der mit alten Wagen bespannt gewesen sei. "Die Wagen hatten Treppenstufen und keine Überfahrrampe, deshalb konnten unsere Mitarbeiter, ein Lokführer und ein Zugbegleiter, Ihnen auch nicht beim Einstieg helfen. Undenkbar, wenn Ihnen beim wie auch immer geartete ,Hineinhieven’ etwas passiert wäre, man Sie verletzt hätte oder der Rollstuhl beschädigt worden wäre."
Für Christina Reiß, Behindertenbeauftragte der Stadt Heidelberg, ist es nicht das erste Mal, dass sie von solch einem Vorfall hört. Die Stadt könne hier aber wenig tun. "Ich sehe kaum Möglichkeit, als städtische Behindertenbeauftragte auf die Bahn Einfluss zu nehmen. Die Thematik müsste über Landes- und Bundesbehindertenbeauftragte*n an die Bahn herangetragen werden." Die Bahn empfiehlt Reisenden mit sogenannten Mobilitätseinschränkungen, sich generell vorab an die Mobilitätsservice-Zentrale zu wenden. "Die Mitarbeiter helfen bei der Planung und Buchung der Reise und organisieren notwendige Hilfen beim Ein-, Um- und Aussteigen."
Für Anemona Delija will die Deutsche Bahn nun zumindest die Taxikosten übernehmen. Doch mit der Rechtfertigung des Unternehmens ist die 23-Jährige alles andere als zufrieden. "Wenn ich mit einer Bahn fahren will, die nicht barrierefrei ist, muss ich mich 24 Stunden vorher anmelden. Spontan sein ist so nicht möglich."
