Heidelberg: Wieder Wildschweinalarm in Ziegelhausen
Von Micha Hörnle
Heidelberg. Das gab es noch nie: Wildschweine verhinderten die Zustellung der RNZ in Ziegelhausen. Anfang Dezember begegnete dem Zusteller im Schleifengrundweg, einer Seitenstraße der Hirtenaue nicht weit vom Waldrand, eine ganze Rotte. Verständlicherweise bekam er Angst und bat die Hubers um Verständnis: Er könne die Zeitung nicht bis zu ihrem Haus austragen, für einige Tage legte er die RNZ ein paar Hausnummern vorher ab; mittlerweile läuft die Zustellung wieder problemlos.
Für Heiko Huber war das nur ein Symptom: "Ich verstehe den Mann und seine Ängste, weil wir fast täglich Wildschweine vor unserer Haustür haben." Huber ist aufgefallen, dass die Tiere mittlerweile "nahezu komplett die Scheu vor Menschen verloren" hätten. Außerdem nähmen gerade in den letzten Wochen die Wildschweinschäden zu – und sie verwüsteten nicht nur die Gärten, sondern auch bewohnte Grundstücke. Auch Zäune hielten die Waldtiere nicht mehr ab, erst unlängst sah Huber "eine Wildschweinfamilie am helllichten Tag auf einer eingezäunten Wiese".
Das erste Mal sah er vor gut einem Jahr, dass die Tiere seinem Haus immer mehr auf die Pelle rückten, da lagen Erdklumpen auf der Straße, "und das wurde immer häufiger". Der Familienvater fürchtet nun um die Sicherheit seines dreijährigen Kindes, das selbst Angst vor den großen Tieren hat. Zumal die Straße ein wichtiger Verbindungsweg der oberen Hanglagen zur Steinbachschule ist. Nun ist Huber kein Städter, den ein paar Wildschweine verängstigen würden: "Ich wohne ein Leben lang am Waldrand. Aber nun ist ein Punkt erreicht, an dem etwas unternommen werden muss – damit nicht erst etwas Schlimmes passiert."
Bei der Stadtverwaltung war Hubers Klage nichts Neues, zumal "Heidelberg keine Ausnahme ist", wie eine Rathaussprecherin der RNZ sagte: "Ja, die Tiere haben die Scheu vor Menschen weitgehend verloren und finden außerdem in der Nähe der Menschen fast immer einen gedeckten Tisch. Komposthaufen, gut bewässerte Gärten, gelockerte Beete, Fallobst, Zierteiche, privater Gemüseanbau und vieles mehr ziehen die Tiere, die nahezu ständig auf Futtersuche sind, magnetisch an. Verwilderte Gärten bieten darüber hinaus außerhalb des Waldes sicheren Unterschlupf. Von dort aus sind die Tiere, meist in der Dunkelheit, unterwegs." Das einzige Mittel gegen die Tiere ist die Jagd, da – bis auf den Wolf – natürliche Feinde fehlten. Im Wald würden die Wildschweine sehr wohl "auf einem anhaltend hohen Niveau" bejagt, aber das Schießen auf bebauten Grundstücken sei nicht möglich.
Tatsächlich gehören Wildschweine laut einer Statistik des Landes zu den am stärksten bejagten Tierarten: Wurden im Schnitt der Jagdjahre 1962 bis 1966.2118 Stück erlegt, waren es 50 Jahre später 56.181 – ein Zuwachs um mehr als das 25-fache. Nur Füchse (58.000 erlegte Tiere) und Rehe (164.000) werden stärker bejagt. Dass es gerade so viele Tiere gibt, liegt, so die Sprecherin, daran, dass fast alle letzten Winter durchgängig warm waren und zu viele Tiere, insbesondere die Jungen, überlebten: "Zwei oder drei Jahre mit auffällig reduzierter Sterblichkeit haben unmittelbare Auswirkung auf die Reproduktion."
Auch das baden-württembergische Landwirtschaftsministerium ist der Meinung, dass gerade die Wildschweine, aber auch die Füchse von den Entwicklungen der letzten Jahre – der intensiveren Landwirtschaft, der Zersiedelung, vor allem aber dem Klimawandel – profitierten: Sie seien eben "anpassungsfähige Generalisten", die keine großen Ansprüche an ihren Lebensraum stellten und diesen außerdem in bewohnte Gebiete ausdehnten. Laut dem Landwirtschaftsministerium zählt ganz Nordbaden mit seinen großen Buchen- und Eichenbeständen zu den Gebieten mit der dichtesten Wildschweinpopulation – und ausgerechnet hier nehmen die Bestände auch noch besonders stark zu.
Und was ist mit den Alpakas, die nur ein paar Häuser weiter von Hubers Anwesen gezüchtet werden? Indem die Flächen am Waldrand – sofern sie die Besitzer zur Verfügung stellen – unter anderem von den knuddeligen Andenkamelen beweidet werden, sollen die Wildschweine ferngehalten werden. Die Stadtsprecherin sagt: "Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass in den beweideten Flächen die Aktivität der Wildschweine stark abgenommen hat." Huber kann allerdings bisher keinen Effekt der Alpakas erkennen – im Gegenteil.
Und was ist mit der Gefahr, die eventuell von den Wildschweinen für die Menschen ausgeht? Die Stadtsprecherin meint: "Die Sorgen sind verständlich, tatsächliche Attacken oder Unfälle mit Beteiligung von Wildschweinen sind der Stadt aber bislang nicht bekannt."
