Schönbrunn-Allemühl: Wie scharfe Schönheiten entstehen
Von Wanda Irob
Schönbrunn-Allemühl. Wenn Ulrich Seisler anfängt, über die Messerherstellung zu berichten, wird ganz schnell klar: Dieser Mann liebt sein Hobby. Seine Augen leuchten und beim Erzählen vermittelt er detailliert, worauf es bei der Fertigung ankommt. "Zu Anfang", so erzählt er, "weiß ich nicht, wie am Ende das Messer in seiner Ganzheit aussehen wird." Nach jedem Arbeitsgang wählt er aufgrund des zuvor entstandenen Stückes aus, welches Material er als Nächstes verwenden wird. "Eindruck und Empfinden, was passt, sind ausschlaggebend. Auf diese Art erschaffe ich lauter Einzelstücke, individuell im Aussehen und der Verwendungsmöglichkeit, mit Schärfe und lebenslangem Haltbarkeitswert."
Seisler betrachtet ein Stück Flachstahl und malt eine Klinge darauf. Dabei fällt die erste Entscheidung. Entsteht hieraus ein Küchenmesser, ein Jagd- oder ein Outdoormesser? Er positioniert sich in seiner kleinen Werkstatt, in der nur wenig Bewegungsfreiheit vorhanden ist. Jeder Platz ist belegt mit Gerätschaften, Hilfsmitteln und fertigen Exemplaren. Bei Eintritt schaut man rechts gleich auf den Arbeitsbereich mit dem Schraubstock. In diesem hat er den Stahl eingeklemmt, sägt mit einer Metallsäge die Klinge per Hand grob aus. Danach geht er an die Schleifmaschine, mit der er dem Rohling den ersten Feinschliff verpasst. Laut wird es bei dieser Vorführung, die Funken fliegen und es verbreitet sich ein Geruch aus Feuer und Metall.
"Diese Vorgehensweise stellt eine Ausnahme dar", sagt Seisler. In der umliegenden Region kennt er keinen, der solch eine Verfahrensweise anwendet. "Die meisten, die die Messerherstellung als Hobby betreiben, stanzen die Klinge komplett aus, um dann nur noch einen Griff anzubringen." Zum Härten seiner Stahlklinge wird diese erst mal in die Härterei nach Eppingen geschickt. Für diesen Vorgang wird eine Schmiede benötigt, die er nicht besitzt. Das Metall muss auf circa 1000 Grad erhitzt und danach in einem Wasser-Öl-Gemisch wieder abgeschreckt werden. Nach etwa einer halben bis ganzen Stunde wird es zum Entspannen nochmals auf circa 150 bis 300 Grad erwärmt: abhängig von der Stahlqualität. Je höher der beinhaltende Kohlenstoffgehalt gegenüber dem Eisengehalt, umso härter wird der Stahl. Kommt die Klinge zurück, erhält sie nochmals einen Feinschliff und wird poliert - fertig?
"Von wegen", meint Seisler, läuft kreuz und quer durch den kleinen Raum und sammelt Gegenstände. "Ich betreibe dieses Hobby seit 46 Jahren und es zeigt sich immer wieder, dass die Materialauswahl für den Griff den größten Zeitfaktor darstellt. Manchmal brauche ich eine ganze Stunde, um mich zu entscheiden."
Zum Einsatz kommen heimische Hölzer wie Kirsche, Nussbaum, Robinie, Eiche, Buche oder Zwetschge - aber auch Stücke, gefunden in der Natur oder während seiner Kanadareisen, von Freunden mitgebracht oder Hirschhörner. Seisler präsentiert Einzelstücke, bei denen beim genaueren Hinsehen erkennbar wird, dass der jeweilige Griff aus altem Jeansstoff, Sackleinen bzw. aus Lederresten entstand. Durch Schichtung, Pressung und Verklebung mit Epoxydharz zu einem harten Block geformt, wird dieser, so wie die anderen Rohlinge, bearbeitet und geschliffen. Nieten verbinden und halten letztendlich alles zusammen, die Klinge gelagert zwischen zwei Griffteilen. Bei diesen Arbeitsschritten ist es sogar möglich, den Griff in seiner Form einer Person anzupassen, als Handschmeichler sozusagen - fertig?
"Von wegen", meint Seisler und holt eine Rolle unbearbeitetes Blankleder (Rinderhals) aus einem Eck. "Jedes Messer benötigt eine Hülle" sagt er. Zwei Arten gibt es: Die eine umschließt nur die Messerklinge und besitzt deshalb eine Sicherung gegen ungewolltes Herausrutschen. Die andere ist die Köcherscheide, in der auch der Griff verschwindet. Nach dem Zuschnitt nimmt Seisler eine Schwertahle zur Hand - ein winziges Miniaturschwert mit kurzer, scharfer Schneide.
Mit dieser stanzt er kleine, längliche Löcher in das Leder. Hierdurch legt sich der hoch reißfeste, gewachste Leinenfaden besser ans Leder, mit dem die Hülle mit zwei Nadeln zusammengenäht wird - fertig?
Seisler betrachtet seinen Köcher von allen Seiten: "Zur Verschönerung kann natürlich noch ein Muster mit Punsen (Metallplatten) in das Leder eingeschlagen werden." Passend zur Herbstzeit nimmt er eine winzige Punse, deren Erhebungen eine Baumblattform zeigt. Er schlägt mit dieser und einem Lederhammer ein Muster entlang der Außenseite des Köchers. "Das Leder muss beim Bearbeiten immer mit Wasser feucht gehalten werden, damit die Prägung des Musters in diesem sichtbar bleibt. Ist es aber zu nass, reißt es und es entstehen Löcher." Seisler lächelt, fügt das Messerunikat in seinen eigens angepassten Köcher und - fertig! Seisler findet es faszinierend, mit verschiedenen Materialien zu arbeiten, um am Ende aus diesen durch Zusammenfügen ein Gesamtwerk entstehen zu lassen. "Oft werde ich gefragt, ob ich diese Kunstwerke hergeben kann oder zu sehr an ihnen hänge. Mir macht es nichts aus, denn das nächste wird das schönste sein!"
Info: Seisler und seine Frau organisieren ehrenamtlich die Hobbyausstellung in Schönbrunn. Diese findet im Bürgersaal am Sonntag, 4. November, von 11 bis 17 Uhr statt. "20 Aussteller haben sich bisher angemeldet, womit die Kapazität schon fast erreicht ist", so Seisler.
