Trendsportart "Mermaiding": Tempo zählt mehr als Anmut
Von Heike Warlich-Zink
Mannheim. Leonora Lautenbach hat es schriftlich: Sie ist eine der besten Meerjungfrauenschwimmerinnen Deutschlands. Die Mannheimerin belegte Ende September bei den nationalen Meisterschaften in Suhl den dritten Platz in ihrer Altersklasse über 100 Meter Freistil. Wer jetzt an hübsch zurechtgemachte Mädchen denkt, die zu ihrem Vergnügen anmutig und verträumt im Wasser planschen, der liegt daneben.
Hübsch ist die 14-Jährige ohne Zweifel, doch mit Glitzer und Glamour hat die Trendsportart Mermaiding nichts zu tun. Vielmehr geht es darum, in einem der Schwanzflosse einer Meerjungfrau nachempfundenen Kostüm kraftvoll durch die Fluten zu gleiten. "Es ist ein faszinierendes Gefühl von Freiheit, wenn ich mit der Flosse im Wasser eine Geschwindigkeit von bis zu drei Meter pro Sekunde erreiche", sagt Leonora.
Dabei war Schwimmen vorher gar nicht so "ihr Ding". Rein zufällig stieß Leonora vor zwei Jahren im Internet auf Finswimming. Dabei handelt es sich um kraftvolles Flossenschwimmen, wobei beide Füße in einer Flosse stecken. Doch richtig fasziniert war sie von der Unterdisziplin Mermaiding. Einziger Unterschied zum Flossenschwimmen: Geschwommen wird nicht mit der Monoflosse, sondern im entsprechenden, bis zur Körpermitte reichenden Kostüm, dem Tail.
"Von der Bewegung her ähnelt Mermaiding dem Delfin-Schwimmen", erzählt die Neuntklässlerin, die im Vorfeld der deutschen Meisterschaft bis zu fünf Mal die Woche trainierte. Entsprechend fit und vorbereitet trat sie dann auch in Suhl an. Allein die Qualifikation für das Finale war eine Überraschung. Der dritte Platz als eine der jüngsten Teilnehmerinnen in ihrer Altersklasse setzte dem Ganzen die Krone auf.
Damit hat der Volkstümliche Wassersportverein Mannheim (VWM) eine amtierende Bronzemedaillengewinnerin im Meerjungfrauenschwimmen in seinen Reihen. Und das, obwohl es die Mermaiding-Gruppe erst seit 2017 gibt. "Ich war anfangs allein mit meiner Flosse in Schwimmbädern unterwegs, habe aber schnell gemerkt, dass man dort mit Rücksicht auf die anderen Badegäste nicht einfach mal als Meerjungfrau durchs Becken gleiten kann", berichtet Leonora.
"Papa, können wir nicht einen Verein gründen?" fragte sie ihren Vater Dietmar Lautenbach. Das war ihm zwar eine Nummer zu groß, doch auf Drängen seiner Tochter fragte er beim VWM nach. Dort zeigte man sich sofort aufgeschlossen und interessiert. Mittlerweile gehört Mermaiding zum Vereinsangebot. Die Gruppe ist auf 25 Teilnehmerinnen zwischen sieben und 35 Jahre gewachsen.
"Wir trainieren einmal die Woche im Herschelbad", erzählt Lautenbach. Er ist der Trainer, doch mit ihm sind noch einige weitere Trainerassistenten im Wasser, um den Meerjungfrauen je nach Kraft, Kondition und Können und der jeweiligen Tagesform entsprechend einen passenden Entwicklungsrahmen bieten zu können. Wer von den Vereinsmitgliedern Lust hat, kann außerhalb des Trainings bei gelegentlich organisierten Treffen Meerjungfrauen-Schmuck gestalten, die Flosse verzieren, oder sich schminken wie eine magische Nixe und sich dann bei einem Fotoshooting ablichten lassen.
Im Wettkampf spielt die Optik allerdings keine Rolle. "Da zählt nur die Zeit", sagt Leonora, die sich freuen würde, wenn es noch mehr Leistungswettbewerbe in dieser Sportart gäbe. Wächst die Schar der Meerjungfrauen und Meermänner, steigen sicherlich auch die Chancen für weitere Wettbewerbe. "Wer Interesse hat, kann sich per Mail zu einem einmaligen Schnuppertraining anmelden", sagt der Trainer.
Das Alter spielt ebenso wenig eine Rolle wie Körpergröße und Figur. Einzige Voraussetzung ist es, sich sicher und gut im Wasser bewegen zu können. "Die stabile und starke Bauch-, Rücken-, Bein- und Rumpfmuskulatur bekommt man automatisch bei den angebotenen Disziplinen, dem Figurenschwimmen und dem Schnellschwimmen", versichert Lautenbach.
Info: Das Mermaiding-Training findet montags von 15.30 und 17 Uhr im Herschelbad statt. Ansprechpartner ist Dietmar Lautenbach, Telefon 0621/799-25-82, E-Mail: lautenbach@illu-grafik.de.
