"Ikarus Rhein-Neckar" in Heidelberg: Eine Alternative zur Arbeit in der Werkstatt
Von Marion Gottlob
Heidelberg. Mitten in ihrem Master-Studium haben André Trinks und eine Kollegin mit "Ikarus Rhein-Neckar" ihr eigenes Unternehmen gegründet. Trinks möchte damit dazu beitragen, dass psychisch kranke Menschen eine reale Chance am Arbeitsmarkt erhalten. Dazu nutzt er die Möglichkeiten des neuen Bundesteilhabegesetzes. "Ich bin ein Pionier in diesem Bereich", sagt er selbst. Denn bisher hatten Werkstätten für Menschen mit Behinderung quasi eine Monopolstellung bei der beruflichen Bildung und Wiedereingliederung von behinderten Menschen in den Arbeitsmarkt. Die Werkstätten - meist gemeinnützige Vereine - sind verpflichtet, jeden behinderten Menschen mit einem staatlich geprüften Anspruch auf Hilfe aufzunehmen. Eine Konkurrenz gab es bisher nicht.
Das ändert sich jetzt: Der Staat lässt nun auch "andere Leistungsanbieter", wie sie im Gesetz genannt werden, zu, die Menschen mit Hilfsanspruch beschäftigen können. Sie sind dabei keine "Arbeitgeber", sondern sollen eine vergleichbare berufliche Bildung oder Beschäftigung anbieten, wie es sie in einer Werkstatt gibt. Sie müssen immer noch ein strenges Zulassungsverfahren durchlaufen, aber es gibt Erleichterungen: Die alternativen Anbieter müssen im Gegensatz zu Werkstätten nicht mindestens 120 Plätze bereithalten, sie müssen nicht jeden Bewerber aufnehmen, und sie können sich auf bestimmte Bereiche spezialisieren.
Ikarus Rhein-Neckar macht genau das: Das Angebot des Unternehmens richtet sich an Menschen mit psychischen Störungen wie Psychose, Schizophrenie, Autismus, Depression oder Burn-out. Wer dorthin kommt, durchläuft zunächst eine ausführliche Diagnostik: Es wird ermittelt, über welche Fähigkeiten der Klient verfügt, etwa beim Schreiben, Lesen und Rechnen. Bei Klienten mit Ausbildung wird geprüft, ob sie trotz Erkrankung auf ihr Wissen zugreifen können. Dann besprechen Mitarbeiter mit dem Klienten Wünsche und suchen angesichts des realen Arbeitsmarkts nach Chancen, diese zu verwirklichen.
Daneben bietet Ikarus die Möglichkeit der "beruflichen Bildung": So können sich Klienten nach einer längeren Auszeit wieder auf den Arbeitsmarkt vorbereiten. Es geht um die Vermittlung von Fachwissen, vor allem aber um soziale Fähigkeiten: Wie gestaltet man den Umgang mit Vorgesetzten oder Kollegen? Wie geht man mit den eigenen Unsicherheiten um? Zur beruflichen Bildung gehören auch Praktika im regulären Arbeitsmarkt. Ikarus vermittelt und begleitet diese Praktika, hat sich dabei auf den kaufmännischen Bereich und den Bereich Logistik spezialisiert.
Voraussetzung zur Teilnahme ist die Anerkennung der Agentur für Arbeit, dass die Betroffenen einen Anspruch auf diese Leistungen haben. Dann werden die Kosten von der Agentur und der Rentenversicherung übernommen. "Unser großes Ziel ist es, dass die Betroffenen im ersten Arbeitsmarkt einen Arbeitsplatz finden, an dem Sie sich wertgeschätzt und gebraucht fühlen", lächelt Trinks. Denn regelmäßige Arbeit bedeutet Teilhabe an der großen Gemeinschaft, Struktur für den Tag und das Leben - und die Betroffenen erleben, dass sie nach einer schweren Krise ihre Fähigkeiten neu entfalten und sogar erweitern können.
Für sein Engagement schöpft Trinks Zuversicht aus dem eigenen Werdegang: Er hat ursprünglich den Beruf des Verpackungsmittelmechanikers erlernt. Doch ihm wurde klar: "Ich möchte mehr, der Beruf war nicht mehr sinnstiftend." Es folgte unter anderem eine Ausbildung zum Arbeitserzieher, zum Fachwirt im Sozial- und Gesundheitswesen und zum Qualitätsmanager im Sozial- und Gesundheitswesen. Erfahrungen hat er zudem in Werkstätten für behinderte Menschen gesammelt sowie in Einrichtungen der beruflichen Rehabilitation. Er sagt: "Der Mensch kann ein Leben lang lernen. Was ich heute nicht lernen kann, das lerne ich vielleicht morgen."
