Die Proteste erschüttern nicht nur Frankreichs Straßen, sondern auch seine Finanzmärkte. Das Land steckt tief in der Schuldenfalle. Das können die Folgen sein. Es ist paradox: Gemessen an seiner Wirtschaftsleistung ist Frankreich niedriger verschuldet als Italien . Trotzdem müssen französische Staatsanleihen höhere Zinsen bieten als italienische – und deutlich höhere als deutsche. Das macht sie für Anleger attraktiv. Da juckt es viele, zu investieren – doch die höheren Zinsen sind auch ein Warnsignal: Sie zeigen, dass Anleger Frankreich für riskanter halten. Die Frage ist: Bewältigt Frankreich dieses Mal seine Krise, und zu welchem Preis? Und was passiert, wenn es scheitert? Die Proteste gegen hohe Lebenshaltungskosten und ein marodes Bildungssystem haben in Frankreich viele Trittbrettfahrer auf die Straßen gerufen, die teilweise große Zerstörungen angerichtet haben. Das verunsichert nicht nur Land und Leute, sondern auch Investoren. Und so steigen die Renditen am Anleihenmarkt weiter. Ist Frankreich damit eine Gefahr für Europa? Auf dem Prognosemarkt Kalshi – einer Plattform, auf der Nutzer mit Geld auf mögliche Ereignisse setzen – ist abzulesen, wie die Stimmung der Menschen in Frankreich ist: Mit einer Wahrscheinlichkeit von 54 Prozent führt Marine Le Pen als Fraktionsvorsitzende der rechtspopulistischen Partei Rassemblement National die Prognosen auf dieser Plattform für die Präsidentschaftswahl im nächsten Frühjahr. Die Konkurrenz ist mit 15 und 11 Prozent weit abgeschlagen. Das sind lediglich Prognosen, keine Umfragewerte, doch diese Tendenz zeigt: Frankreich ist frustriert. Investoren sind es auch. Und sie vergleichen. Investoren fordern Disziplin Italien ist mit 136 Prozent seiner Wirtschaftsleistung verschuldet, Frankreich "nur" mit 116. Doch italienische Staatsanleihen sind 0,5 Prozentpunkte günstiger als französische. Denn Investoren verlangen in den aktuell schwierigen Zeiten besonders viel Haushaltsdisziplin. Und da zeigt sich: Italien hält sein Defizit nah an der Marke von drei Prozent, die die EU über den Maastricht-Vertrag vorgibt. Frankreich erwartet für dieses Jahr mehr als fünf Prozent Staatsdefizit. Das heißt in Zahlen: Im kommenden Jahr muss das hoch verschuldete Frankreich rund zehn Milliarden Euro mehr für Zinsausgaben aufbringen als dieses Jahr mit schätzungsweise 60 Milliarden Euro. Die Zinskosten steigen schrittweise, dennoch ist es Geld, das für Bildung, Gesundheitswesen etc. fehlen wird. Die Zinsen von Frankreich für zehnjährige Staatsanleihen liegen seit Wochen bei rund fünf Prozent, vergangene Woche erstmals über diesem Wert. Das gab es in Frankreich in mehr als 20 Jahren nicht. Zum Vergleich: Deutschland muss für Anleihen gleicher Laufzeit 3,4 Prozent Zinsen bezahlen. Auch das ist viel – aber am Anleihenmarkt liegen da Welten dazwischen. Fairerweise muss man auch sagen: Die Renditen von Staatsanleihen sind in diesem Jahr weltweit gestiegen, vor allem seit dem Krieg der USA gegen den Iran . Hohe Energiepreise entfachen die Inflation neu – die Zentralbanken halten mit Zinserhöhungen dagegen, und das, obwohl viele Länder der Welt mit stark gestiegenen Schuldenbergen zu kämpfen haben. Frankreich ist ja keine Ausnahme. Allerdings wurden die Kreditkosten dort höher als bei vielen anderen Ländern. Nicht auf die EZB verlassen Die Europäische Zentralbank (EZB) hat Mittel, um einzugreifen. Sie könnte zeitweise eine höhere Inflation tolerieren, aber das löst das Problem nicht, denn das belastet die Bürgerinnen und Bürger dann noch mehr. Und die protestieren schon jetzt. Das neue Anleihenkaufprogramm TPI der EZB sieht vor, dass die Bank dann eingreift, wenn die Marktbewegungen ungerechtfertigt sind. Das sind sie im Fall von Frankreich nicht. Außerdem wäre eine Voraussetzung für ein Eingreifen der EZB, dass es eine tragfähige Haushaltspolitik gibt. Und die gibt es in Frankreich ebenfalls nicht. Die aktuelle Regierung, eine Minderheitsregierung, bekommt für das nächste Jahr keinen Haushalt zustande. Geplante Einsparungen von 54 Milliarden Euro bekam die Regierung unter Premierminister Sébastien Lecornu bislang nicht durch. Und so steigt die Skepsis am Anleihenmarkt. Die hohen Renditen sind verlockend, aber sie heißen nicht umsonst Risikoprämie. Am Anleihenmarkt ist nämlich nicht allein entscheidend, wie hoch die Schulden sind, sondern wie verlässlich der Schuldner, also ein Land oder ein Unternehmen, ist. In der jüngeren Vergangenheit war Frankreich immer verlässlich und pünktlich, historisch war das nicht immer so. Nach Meinung von Ökonomen ist ein Zahlungsausfall derzeit unwahrscheinlich. Achtung, Schuldenfalle! Doch das Land ist in einer regelrechten Schuldenfalle: Es braucht Reformen und Sparmaßnahmen. Ohne die verschärft sich die Schuldenproblematik weiter. Aber die Regierung scheitert an der Opposition und den eigenen Leuten: In Frankreich wird immer sofort laut protestiert, wenn gespart werden soll. Das war schon so bei der Anhebung der Spritsteuer und bei der Anhebung des Rentenalters (schrittweise von 62 auf 64 Jahre, davon ist Deutschland weit weg!). Jetzt ist die Dimension aber eine andere, weil das Land international in den Blickpunkt gerückt ist: Politische Glaubwürdigkeit und Finanzierungskosten hängen eng zusammen. Will Frankreich da Boden gutmachen, braucht es Reform- und Sparpläne, die wirtschaftlich sinnvoll und tragfähig sind sowie eine Regierung, die dazu willens und auch in der Lage ist. Der aktuellen Regierung trauen das die Menschen nicht (mehr) zu. Und natürlich braucht es Wirtschaftswachstum. 0,9 Prozent sollen es dieses Jahr werden, so die Prognosen. Das ist wenig. Und wenig Wachstum erschwert es einem Staat, seine Schuldenquote zu stabilisieren, vor allem, wenn die Zinskosten hoch bleiben und das Haushaltsdefizit nicht sinkt. Wirtschaft schon jetzt belastet Doch je länger die Proteste anhalten, je größer die Schäden, desto größer die Belastung für die Wirtschaft. Die Supermarktkette Carrefour senkte bereits ihre Jahresprognose und begründete das mit den Protesten im Land. Sie würden die Kosten erhöhen und das Verbrauchervertrauen belasten. Nun dürfte das nicht der einzige Grund sein, sondern vielleicht auch ein willkommener Anlass, um andere Gründe für ein schwieriges Geschäftsjahr zu verschleiern. Dennoch: Wenn das Beispiel um sich greift und sich die Wirtschaft Frankreichs noch schwächer entwickelt als bisher, ächzt das Land noch stärker unter den Schulden. Wenn dann Investoren unsicherer werden, wie tragfähig die Schulden Frankreichs sind, kann das auf andere europäische Anleihenmärkte überschwappen. Dann rücken vor allem die Volkswirtschaften in den Blick, die bezüglich Schulden und Wachstum ohnehin höhere Renditen zahlen. Noch ist es nicht so weit. Für Anleger in Deutschland ist das – bei aller Tristesse – auch eine gute Nachricht. Deutschland solider aufgestellt Deutschland ist kein Musterschüler, darum geht es aber auch nicht. Deutschland muss aber keine so hohen Risikoaufschläge auf seine Staatsanleihen zahlen, weil das Vertrauen in die größte Volkswirtschaft des Euroraums groß ist. Weil die Verschuldung mit 63,5 Prozent der Wirtschaftsleistung von 2025 vergleichsweise niedrig ist, und weil internationale Investoren hoffen, dass die Sondervermögen und geplanten Investitionen das Wirtschaftswachstum verstärken. Beim Investitionsgipfel vergangene Woche kündigte Amazon 16 Milliarden Euro Investitionen an, weil Deutschland "einer der attraktivsten Investitionsstandorte in Europa" sei. Fazit: Frankreich ist derzeit kein Brandherd für Europa. Aber es gibt keine Garantien dafür, dass es keine weiteren Marktverwerfungen gibt. Viele Investoren akzeptieren kein "Weiter so". Ansonsten drohen tatsächlich Ansteckungseffekte. Noch ist Zeit zum Gegensteuern. Ich wünsche Ihnen allzeit kluge Investments.