Allgäuer Alpen: Wenn der Hochvogel zerbricht, stürzen 260.000 Kubikmeter Fels ins Tal
Den Hochvogel im Allgäu durchzieht ein tiefer Riss. Forscher sagen seit Jahren einen Absturz voraus. Nun gibt es neue Daten, die zeigen: Bald könnte es wirklich passieren.
Der Gipfel des Hochvogels im Allgäu bricht auseinander. Es gibt einen tiefen Riss, der schon seit 200 Jahren bekannt ist – und immer größer wird. Heute ist er bereits bis zu 6 Meter breit und rund 70 Meter tief.
Die Gefahr eines Felssturzes steigt mit jedem Jahr. Im schlimmsten Fall könnten 260.000 Kubikmeter Fels unkontrolliert ins Tal rasen und eine riesige Staubwolke verursachen. Um die Bewegungen zu dokumentieren und einen Sturz vorhersagen zu können, wird der Gipfel von München aus überwacht.
Im Juni stürzte ein Felsturm von 2000 Kubikmetern Gestein ins Tal. Experten glauben, dass der große Felsabbruch an dem 2592 Meter hohen Berg nun tatsächlich bevorsteht. Auch neue Daten, die Forscherteams zuletzt direkt vom Gipfel mitbrachten, deuten darauf hin.
Hochvogel ist einer der am besten überwachten Berge Deutschlands
Bereits im Frühjahr registrierten die Messgeräte Bewegungen von bis zu fünf Millimetern pro Woche. Aus geologischer Sicht ist das eine außergewöhnlich hohe Geschwindigkeit. Der Hochvogel ist einer der am besten überwachten Berge Deutschlands. Sein gesamter Gipfel wird präzise bis auf den Millimeter vermessen. Dafür kommen über 30 Sensoren und eine Drohne mit einem speziellen Laserscanner zum Einsatz. Die dabei gewonnenen Daten werden anschließend zu einem dreidimensionalen Modell des Berges zusammengefügt.
Es wird laut, staubig und gefährlich, wenn der Hochvogel auseinanderbricht, prophezeit der Geologe Michael Krautblatter von der TU München. Auch deshalb dokumentiert sein Team jede Bewegung des Berggipfels. Er hofft, die Menschen im Tal rechtzeitig vor einer möglichen Schlammlawine warnen zu können. Bergsteiger wären bei einem Felssturz in akuter Lebensgefahr.
Der Riss im Gipfel des Hochvogels entsteht durch natürliche Verwitterungs- und Erosionsprozesse, die sich durch den Klimawandel verschärfen. Der Berg besteht aus sprödem Hauptdolomit, der von Natur aus stark zerklüftet und nicht massiv ist. Tau- und Regenwasser kann so in feinste Haarrisse im Gestein eindringen. Wenn es bei niedrigen Temperaturen gefriert, dehnt es sich aus und sprengt das Gestein Stück für Stück auseinander.
Hochvogel kein Einzelphänomen
In den gesamten Alpen gibt es derzeit eine deutliche Zunahme an instabilen Gipfeln, Felsspalten und massiven Bergstürzen. Hauptursache dafür ist neben der natürlichen Geologie vor allem der Klimawandel: Durch steigende Temperaturen taut der Permafrost, der wie ein „unsichtbarer Kleber“ das Gestein in Höhenlagen ab etwa 2500 Metern zusammenhält. Schmilzt dieses Eis im Berginneren, geraten ganze Bergflanken in Bewegung.
Die Zugspitze, Deutschlands höchster Berg, bröckelt ebenfalls massiv. Erst im September 2026 donnerte ein gewaltiger Felssturz mit rund 2800 Kubikmetern Gestein an der Tiroler Nordwand in die Tiefe. Geologen messen auch hier ein rasant fortschreitendes Auftauen des Permafrosts. Um sensible Bereiche wie die Partnachklamm zu schützen, überwachen Forscher die Felsbewegungen dort inzwischen ebenfalls mit automatischen Detektoren.
