Wochen nach der WM gibt es neue Kritik an der Fifa, im Fokus steht dabei ein technisches Hilfsmittel. Ein Experte wird deutlich. Knapp einen Monat ist es mittlerweile schon her, dass sich Spanien im WM-Finale mit 1:0 nach Verlängerung gegen Argentinien durchgesetzt und damit den zweiten Stern gesichert hat. Um die Fifa, Organisator des interkontinentalen Wettbewerbs, wurde es nach dem Ende des XXL-Turniers aber keineswegs ruhig. Wegen des Wirbels um Fifa-Präsident Gianni Infantino steht der Weltverband weiterhin im Fokus. Nun erfährt die Fifa auch aufgrund der halbautomatischen Abseitserkennung, die sie zur WM eingesetzt hat, Kritik. Weltraumwissenschaftler Tobias Weber, der sich seit längerer Zeit mit Tücken der Technik zur Erkennung von Abseitspositionen beschäftigt, verwies im Gespräch mit der "Süddeutschen Zeitung" auf Ungenauigkeiten des Systems: "Dem Zuschauer werden hochpräzise, zentimetergenaue Visualisierungen präsentiert, obwohl diesen zwangsläufig Modellannahmen, Rekonstruktionen und Messunsicherheiten zugrunde liegen. Diese Unsicherheiten werden weder kommuniziert noch visualisiert." Jamal Musiala erkrankt: Die Hoffnung hat sich nicht bestätigt "Dann ist es nicht mehr mein Sport": Uli Hoeneß kritisiert Fifa-Boss Gianni Infantino Die schnelle Erkennung von Abseitspositionen mitsamt grafischer Aufarbeitung für TV-Zuschauer und Fans im Stadion hatte die Fifa vor dem Turnier als eine von mehreren "technologischen Innovationen" angepriesen. Dass diese aber keinesfalls fehlerfrei ist, wurde im Laufe der Weltmeisterschaft an mehreren Stellen sichtbar. Umstrittene Szene im WM-Finale Beim Gruppenspiel zwischen der Schweiz und Katar "verhinderte ein kurzer technischer Ausfall die Generierung der Onside-Animationsgrafik", wie die Fifa nach der Partie eingestand. Und das direkt vor einem Elfmeter für die "Eidgenossen". Auch das Endspiel lieferte eine umstrittene Szene: Ferran Torres, der kurz zuvor das 1:0 für die Spanier erzielt hatte, war nach einem Steckpass in der 113. Minute frei durch und schob zum vermeintlichen 2:0 ein. Dann aber ging die Fahne des Linienrichters hoch, der Videoassistent (VAR) bestätigte die Entscheidung. Die grafische Auflösung erfolgte aber erst knapp vier Minuten später. Und sie wirft Fragen auf. Der französische Datenanalyst Pierre Sallet, der mit seiner Firma Goodgame auf mögliche Manipulation oder sonstige Auffälligkeiten im Fußball spezialisiert ist, zweifelt an der Korrektheit der Entscheidung. "Das Problem rührt von einer vertikalen Verzerrung. Diese variiert je nach Position innerhalb des Bildes, ähnlich der horizontalen Verzerrung, die im Gegensatz dazu jedoch vollkommen berücksichtigt wird", erläuterte der Experte. Die von der Fifa präsentierte Abseitsanalyse erscheint ihm "aufgrund dieser vertikalen Verzerrung ungültig". Die Fifa habe in dem Fall eine vertikale Verzerrung angewandt, "die nicht der tatsächlichen Projektion entspricht – ganz zu schweigen von den Messfehlern, die mit dem daraus resultierenden Bild einhergehen". Laut Sallet ist daher "eine Neubewertung ihres gesamten Analyseprozesses einschließlich der Fehlertoleranzen erforderlich, so wie wir es in unseren forensischen Untersuchungen tun". Auch in der Bundesliga gab es schon technische Probleme Weber stimmte dem Experten in dem Fall von Ferran Torres zu. "Nach den Bildern, die mir vorliegen, ist das kein Abseits", erklärte er. Die Fifa wollte unterdessen auf Anfrage der "Süddeutschen Zeitung" keine weiteren Details zu der umstrittenen Szene herausgeben. Dass die technischen Hilfsmittel im Fußball anfällig für Fehler sind, zeigte sich unterdessen auch schon in der Bundesliga . Beim Duell zwischen dem FC St. Pauli und Borussia Mönchengladbach in der vergangenen Saison versagte die halbautomatische Abseitserkennung. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) teilte im Nachgang mit, dass die Technik "leider ein falsches Ergebnis geliefert hat, weil eine Abseitslinie am falschen Abwehrspieler gezogen wurde". Laut "Süddeutscher Zeitung" habe das System in mindestens drei Spielen nicht richtig funktioniert. Es liegt an den Verbänden, bei der Technik nachzuschärfen – oder im Sinne der eigenen Glaubwürdigkeit zumindest mit mehr Transparenz zu agieren.