In diesem Jahr sind mehr afrikanische Nationen als je zuvor bei einer WM dabei. Hans Sarpei traut einem der Teams sogar den Titel zu. Bei der WM 2026 zählen afrikanische Mannschaften zu den größten Überraschungen. Kap Verde, das ein 0:0 gegen Europameister Spanien geholt hat, und die Demokratische Republik Kongo, die gegen Portugal 1:1 gespielt hat. Auch der 1:0-Sieg der Elfenbeinküste gegen Ecuador in der deutschen Gruppe kam für einige Experten überraschend. Mit Sensationen kennt sich auch Hans Sarpei aus, 2010 scheiterte er mit Ghana nur knapp am Halbfinaleinzug. Heute gibt der langjährige Bundesliga-Profi auf TikTok regelmäßig seine Einschätzung zum aktuellen Fußballgeschehen ab. Im Gespräch mit t-online bewertet Sarpei nun die Chancen der afrikanischen Nationen, analysiert den Deutschland-Gegner Elfenbeinküste und findet klare Worte zu den deutschen TV-Experten bei der WM . t-online: Herr Sarpei, 2026 sind erstmals zehn afrikanische Mannschaften bei der WM dabei, fünf mehr noch als vor vier Jahren. Wie ist Ihr Eindruck nach den ersten Spielen des Turniers? Hans Sarpei: Wir haben von allem etwas: Tunesien hat enttäuscht, andere haben gegen Topteams positiv überrascht. Nun geht es darum, dass möglichst viele afrikanische Teams in die K.-o.-Phase kommen. In der öffentlichen Wahrnehmung gelten Marokko und Senegal als die stärksten Teams. Marokko ist nach dem vierten Platz 2022 nicht schwächer geworden, sie haben sich weiterentwickelt. Beide Mannschaften können ins Halbfinale kommen. Dafür braucht es aber auch ein wenig Spielglück. Ist sogar ein WM-Titel möglich? Wenn man es realistisch betrachtet: Marokko kann Weltmeister werden. Wieso auch nicht? Sie haben vor vier Jahren gezeigt, dass sie die Qualität haben. Viele Nationen werden sich dem aber in den Weg stellen. Neben Marokko und dem Senegal habe ich auch die Elfenbeinküste auf dem Zettel. Sie haben sehr schnelle, körperlich starke Spieler – das werden wir gegen Deutschland sehen. Wie gefährlich wird die Elfenbeinküste für Deutschland? Die Elfenbeinküste kann Deutschland schlagen. Die Offensive bringt die Qualität für die Weltspitze mit. Sie haben ein enormes Tempo in allen Mannschaftsteilen, sind entsprechend gut im Umschaltspiel. Defensiv stehen sie kompakt. Podolski überrascht mit Geheimfavorit: "Das ist eine geile Mannschaft" Verwirrende WM-Grafik: Das steckt hinter dem "Match Momentum" Das klingt nach einem unangenehmen Gegner. Wenn sie sicher stehen, wird es schwer. Wenn sie aber in einer Umschaltsituation den Ball verlieren, entstehen Räume, über die man sie knacken kann. Deutschland wird ein gutes Gegenpressing brauchen. Yan Diomande ragt heraus. Wird sein Tempo ein Problem für Joshua Kimmich ? Wenn man nur aufs Tempo schaut, wird es ein Problem für Kimmich. Aber Fußball hat noch mehr Facetten: Geschwindigkeit im Kopf, Unterstützung durch Mitspieler. Kimmich ist schlau genug, um Diomande zu bespielen. Er wird kaum in Laufduelle gehen, sondern versuchen, Diomande auszubremsen. Außerdem muss Diomande am Ende auch Kimmich verteidigen. Ghana hat sich knapp zwei Monate vor Turnierbeginn von Trainer Otto Addo getrennt. Wie bewerten Sie die Entscheidung mit etwas Abstand? Nach mehreren Niederlagen in Folge war der Verband nicht mehr zufrieden, wollte etwas anderes machen. Es stellt sich vor allem die Frage, ob ein Wechsel so kurz vor dem Turnier sein muss. Der neue Coach hat wenig Zeit, das macht es schwer für ihn. Trotzdem stehen jetzt alle hinter dem Team und dem Trainer. Als Nachfolger kam Carlos Queiroz, ein erfahrener Trainer. Ist er die richtige Wahl? Da so wenig Zeit bis zum Turnier blieb, brauchte man einen erfahrenen Trainer. Einer, der nicht allzu viel neuen Input reinbringt, aber klare Vorstellungen hat. Da passt Queiroz sehr gut. Im Gespräch war nach der Trennung von Addo auch Joachim Löw . Das war eine große Ente. Er hat noch nie in Afrika gearbeitet, hätte nur wenig Zeit gehabt. Das hätte sich Löw nicht angetan. Der Auftakt hat einen späten 1:0-Erfolg über Panama gebracht ... Die erste Halbzeit war eine Katastrophe, in der zweiten Halbzeit ist es etwas besser geworden. Am Ende hatten wir das Quäntchen Glück. Die drei Punkte zählen, in der Gruppe sind sie extrem wichtig. Mit England und Kroatien folgen zwei Brecher. Wie stehen die Chancen auf ein Weiterkommen? Ich traue es der Mannschaft auf jeden Fall zu. Dem Duell mit England fiebern alle entgegen. Das ist eine Rivalität, weil Ghana früher eine englische Kolonie war. In solchen Spielen passieren immer besondere Dinge. Und wie weit kann es danach gehen? Wenn man ehrlich ist, wird es nach den Eindrücken aus dem ersten Spiel schwierig. In der K.-o.-Phase kommen ganz andere Kaliber. Da muss man ein anderes Gesicht zeigen, ansonsten fliegt man raus. Unruhe rund um Ghanas Nationalmannschaft gibt es auch wegen Thomas Partey. Gegen ihn gibt es Vorwürfe der Vergewaltigung in fünf Fällen und der sexuellen Nötigung. Das ist eine Katastrophe und natürlich muss man den Frauen erstmal glauben. Es liegt an ihm, das klarzustellen. Der Verband hat sicherlich auch mit Partey selbst gesprochen. Im Land und in der Mannschaft ist das aber nicht das große Thema, es löst keine Unruhe aus. MagentaTV und die Öffentlich-Rechtlichen warten bei diesem Turnier mit großen Expertenteams auf. Wie gefällt Ihnen das? Es braucht viele Experten, weil die WM größer ist und es mehr Themen zu besprechen gibt. Eine Sache aber sehe ich kritisch. Welche? Wenn etwa über afrikanische Mannschaften gesprochen wird, sitzen da sechs Experten, aber keiner hat Ahnung vom afrikanischen Fußball. Sie hauen Floskeln von 1950 raus: 'Die Afrikaner sind stark und athletisch. Wir wissen, wie die Afrikaner spielen.' Nein! Der Kongo spielt einen anderen Fußball als Ghana, Ghana spielt einen anderen Fußball als Marokko und Marokko spielt einen anderen Fußball als die Elfenbeinküste. Wenn ihr keine Ahnung davon habt, solltet ihr nicht darüber reden. Es fehlt also an Diversität? Es wurden so viele Experten geholt, aber sie sind alle nur Experten für Deutschland. Mehr nicht. Dabei kommentieren sie auch andere Spiele. Die Weltmeisterschaft ist bunt, die Besetzung nicht. Wurden Sie als Experte angefragt? Glauben Sie, die hätten irgendjemanden angefragt, der Ahnung vom afrikanischen Fußball hat? Dann wäre die Besetzung eine andere. Würden Sie eine solche Rolle bekleiden, wenn eine Anfrage käme? Grundsätzlich ja. Aber es war die Intention von Magenta, ein solches Team zusammenzustellen. Es geht ihnen darum, die größten verfügbaren Deutschen zu holen, um möglichst viel Aufmerksamkeit zu generieren. Gerade Müller und Klopp versuchen es mit einem lockeren, humorvollen Ansatz. Es ist ein wenig mit dem Stil von US-Sender CBS vergleichbar, wo die Ex-Profis Thierry Henry , Jamie Carragher und Micah Richards gemeinsam mit Moderatorin Kate Scott durch Champions-League-Abende führen. Wie gefällt Ihnen das? Da gibt es ein Problem: Müller und Klopp sind nicht so lustig wie die. Wer fehlt da? CBS hat eine bunte Mischung, jeder bringt etwas rein, sie machen alle ihre Späße. Das zeichnet das Format aus. Bei Magenta klappt das nicht, da geht es nur um Namen – nach Möglichkeit deutsche. Die deutsche Öffentlichkeit sehnt sich seit Jahren nach lockerer Berichterstattung. Klopps "Noch"-Spruch hat zuletzt aber hohe Wellen geschlagen. Gehören solche Kommentare dazu, wenn es lockerer zugehen soll? Der lockere Ansatz ist gut, aber es wirkt zu gewollt. Es muss authentisch sein. Wenn die Experten alle der gleichen Meinung sind, entsteht nicht die Art von Humor, die wir haben wollen. Das ist der Fehler, den sie gemacht haben.