Kann der Buckelwal vor der Ostseeküste noch gerettet werden? Sein Schicksal spaltet das Land und wird für die kleine Insel Poel zunehmend zur Zerreißprobe. Patrick Diekmann berichtet von der Ostseeinsel Poel. Sie blickt gebannt durch die Lücken eines Bauzaunes in die Ferne, in der sie hinter Weidewiesen im Meer nur kleine schwarze Punkte erahnen kann. Kathrin aus Rostock ist eigentlich krankgeschrieben, sie möchte ihren richtigen Namen nicht nennen. Trotzdem will sie an diesem Freitag noch einmal bei ihm sein, dem Buckelwal, der Anfang April vor der Ostseeinsel Poel strandete. Timmy nennt sie ihn, so wie viele andere im Land. An diesem Tag soll er endlich befreit werden. Nun steht Kathrin mit etwa hundert anderen Menschen, die sich für die Rettung des Wals einsetzen, vor einer Absperrung, die die Polizei etwa 400 Meter vor dem Wal errichtet hat. Sie begutachtet die Tätowierungen ihres linken Arms. Sie kann sich vorstellen, den Buckelwal darauf tätowieren zu lassen. Aber noch habe sie kein passendes Motiv gefunden, scherzt sie. Täglich verfolgt Kathirn die Entwicklungen um den Wal im Livestream: "Der Wal zeigt uns, dass wir Menschen wieder mehr zusammenstehen müssen", sagt sie. "Zum Glück haben jetzt die wahren Experten das Sagen." Mit den "wahren Experten" meint Kathrin den Mediamarkt-Mitgründer Walter Gunz und die Unternehmerin Karin Walter-Mommert. Die wollen das in dem flachen Wasser der Bucht liegende Tier mithilfe von Luftkissen und Schwimmpontons anheben und bis in die Nordsee oder in den Atlantik schleppen lassen. Die Behörden dulden diese Rettungsaktion. Ob sie gelingt, ist fraglich. Wissenschaftler und Tierschützer bezweifeln das. Sie sind überzeugt, dass der Wal sterben wird und plädieren dafür, ihm das in Ruhe zu ermöglichen. Die vom Land Mecklenburg-Vorpommern und der Landesregierung konsultierten Experten haben sich daher zurückgezogen. Kathrin gibt nicht viel auf deren Bewertungen. Sie habe gejubelt, als die Initiative ihre Aktion starten durfte. "Mir liefen die Tränen." Zwischen Wut, Verzweiflung und Hoffnung schwanken seit Wochen die Menschen, die wie Kathrin regelmäßig zu Timmy nach Poel reisen. Stellvertretend für all jene im Land, die das Drama um den Buckelwal aus der Ferne in den Medien verfolgen, während andere die Aufregung um das Tier nicht nachvollziehen können, ja zunehmend genervt davon sind. So wie viele Bewohner der Insel. Sie haben den Eindruck, dass es um mehr als um das Schicksal eines Buckelwals geht, dessen Überleben weiterhin unwahrscheinlich ist: um große Emotionen, um Drama und längst nicht mehr um Vernunft. "Rettung ja, Rettung nein": AfD wirft Minister Wahlkampf auf Rücken des Wals vor Waldrama um Timmy: Alle Informationen im Newsblog "Es hat alles viel zu lange gedauert" Der Tag beginnt am Freitagmorgen mit Jubel. Plötzlich dreht sich der Wal gegen 9 Uhr um neunzig Grad im Wasser, schlägt mehrfach mit der Schwanzflosse. Viele Aktivisten am Zaun klatschen, einige liegen sich in den Armen, andere weinen vor Freude. Der Wal wolle leben und zeige mit seinen Bewegungen, dass er es kann, davon sind sie überzeugt. "Seine Aktivität macht mich hoffnungsvoll", sagt Eo Ebert. Sie ist schon mehrere Wochen auf Poel. Dem Rettungsteam habe sie ihre Hilfe angeboten, sagt sie, denn sie habe Erfahrung mit Buckelwalen, sei schon auf Hawaii mit ihnen geschwommen. Die ersten Nächte schlief sie im Auto. "Aber nach über einer Woche habe ich mir eine Unterkunft genommen, weil ich mal duschen musste." Für Eo Ebert hat alles viel zu lange gedauert. Sie war sauer, dass der Wal bereits für tot erklärt wurde und das Konzept für die Bergung des toten Walkörpers schon stand. Die Wut auf die Landesregierung in Mecklenburg-Vorpommern und auf Landwirtschaftsminister Till Backhaus schweißt viele der Menschen am Zaun zusammen. Da auf dem Wasser wenig passiert, Taucher den Wal lediglich am Vormittag erneut mit nassen Handtüchern bedecken, stehen sie in Grüppchen zusammen, unterhalten sich, einige kennen sich schon, andere, neu Hinzugekommene lernen sich erst kennen. Auf die Frage, warum sie hier ist, antwortet die Rentnerin Martina Hartrampf aus Hamburg mit zwei Wörtern: "Die Lügen." Sie glaubt den Gutachten nicht, die den Wal als krank und kaum überlebensfähig beschreiben; "Wir werden hier mit Lügen konfrontiert und das ärgert mich unheimlich." Sie ist überzeugt: Landesregierung und Behörden wollten Timmy tot sehen. Laut Hartrampf dürfe Landwirtschaftsminister Backhaus an keiner Rettungsaktion mehr teilnehmen. "Er hätte schon seit Wochen Rettungsversuche machen können und kam zu spät." Gegen Mittag wird es am Zaun unruhig. Im Meer passiert etwas. Ein schwimmender Bagger fährt langsam in Richtung des Wals. Schnell macht sich Hoffnung unter den Menschen breit. Für sie ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis Timmy wieder im Atlantik schwimmt. Kathrin zündet sich eine Zigarette an, als sie den Bagger sieht. Ihr Mann schaut durch ein Fernglas. Zu diesem Zeitpunkt ist noch unklar, dass die Rettungsaktion später auf das Wochenende verschoben werden wird. Die Initiative hatte am Morgen zu viel Zeit verloren. Doch jetzt klammern sie sich erst einmal an diese neuen Aktivitäten. Jeder Strohhalm ist hier willkommen. In den vergangenen Wochen, als der Wal allmählich aufgegeben wurde, hatten Aktivisten versucht, die Polizeiabsperrungen zu durchbrechen, um zu ihm zu kommen. Eine Frau sprang sogar von einer Fähre ins Wasser. "Das kann ich verstehen", meint Kathrin. Schließlich brauche Timmy Gesellschaft, fühle sich alleine. Ausnahmesituation auf Poel Es sind nicht nur Retter und Aktivisten, die auf die Insel Poel gekommen sind. Auch Journalisten, Fernsehteams reisen an und viele Polizisten wurden aus Schwerin und Wismar herbeordert, um den Wal zu schützen und Wege zum Tier abzusperren. Die Bewohner der Insel sind das nicht gewohnt. Die 1.800 Menschen leben hier. In normalen Zeiten gibt es nur eine Polizistin. Die Aufregung um den Wal erlebt die kleine Insel wie eine Invasion. Der Hauptort Kirchdorf ist nicht einmal zehn Minuten Fahrzeit mit dem Auto vom Buckelwal entfernt. Hier ist der Hafen, in dem am Freitagnachmittag ein Lastwagen die großen Schwimmkästen auflädt, mit denen der Wal in den kommenden Tagen befreit werden soll. Die Straßen und Gassen des Dorfes sind so schmal, dass kaum zwei Autos sie gleichzeitig passieren können. Viele Häuser sind klein, haben so niedrige Eingänge, dass sich ducken muss, wer sie betritt. Am Nachmittag scheint die Sonne. Einige Bewohner sitzen in ihren Vorgärten, diskutieren, trinken Bier. Andere lehnen sich über ihren Gartenzaun, unterhalten sich mit Nachbarn. Man kennt sich, man schätzt die Ruhe hier. Besucher kommen normalerweise vor allem in den Sommermonaten auf die Insel, aber die Bewohner sehen ihr Zuhause als Geheimtipp. Geht es nach ihnen, soll das auch so bleiben. Streit über Fisch Das Schicksal des Wals dominiert daher auch unter ihnen die Gespräche. Viele sind wütend, möchten sich aber nicht laut beschweren, nicht den Eindruck erwecken, sie seien Tierquäler oder empathielos. Zu viele erhielten schon Drohungen, Wissenschaftler, Behördenmitarbeiter und auch der Landwirtschaftsminister. Medien gegenüber sind sie daher skeptisch. Sie fürchten auch schlechte Presse für ihre Insel und wollen am liebsten gar nicht öffentlich über den Wal reden. Doch nach einer Weile sprudelt der ganze Ärger über die Situation aus ihnen heraus. Viola, Mike und Netti sitzen am Abend auf einer Holzbank vor dem Imbiss "Poeler Magnet" direkt am Hafen. Sie leben auf der Insel, Viola und Mike sind ein Paar, haben zwei Kinder. "Man muss dem Tier helfen, aber der Trubel muss endlich aufhören. Das muss enden", meint Viola. Als "respektlos" nehmen sie einige der selbst ernannten Walretter wahr. Viola und Mike erzählen, dass einige Fischbudenbetreiber in Poel von Mitgliedern der aktuellen Rettungsorganisation bedroht wurden: Sie sollten keine Fischbrötchen mehr verkaufen. Der Hafen ist das Herz von Kirchdorf und Fischfang gehört zur Identität des Ortes. Fischer verkaufen ihre Ware teilweise direkt vom Schiff aus. "Wenn sie vegan leben möchten, ist das okay. Dann können sie die Wiese essen oder wir können ihnen ein paar Tomaten und Gurken geben", schimpft Viola. "Wir haben schon darüber nachgedacht, ob wir ein Schild machen, auf dem 'Wa(h)lfischbrötchen' steht." Die Bewohner von Poel erleben einige Walretter und Aktivisten als moralisch abgehoben. Sie fühlen sich von ihnen bevormundet und übergangen. Zwar würden einige Ferienwohnungen mehr vermietet, aber ansonsten hätte die Insel von all den Besuchern nur Nachteile, sagen Viola, Mike und Netti. Kein Tourismus-Boom für die Insel Das sieht auch eine Mitarbeiterin eines größeren Fischrestaurants am Hafen so: "Touristen, die auf Poel eigentlich ihre Ruhe haben möchten, bleiben nun weg." Gleichzeitig sperre die Polizei regelmäßig Straßen, sagt sie. "Wir mussten schon mehrfach wegen Demonstrationen schließen." Eine Bäckerin aus Kirchdorf bestätigt: "Wir haben von den Besuchern kaum einen Mehrwert." Ein Großteil der Menschen komme nicht in die Bäckerei, sondern versorge sich bei einem großen Supermarkt. Als die Sonne verschwindet, wird es am Abend schnell kalt auf Poel. Trotzdem harren am Zaun vor der Sandbank noch einige Menschen aus. Man solle nicht so laut reden, sie wolle den Wal "brummen" hören, ruft eine Frau. Einige Momente später ertönt laute Musik aus einem Garten des angrenzenden Hauses. Einige Menschen blicken sich am Zaun verärgert an, Timmy ist aber ohnehin nicht zu hören. Die Situation zwischen Wal-Aktivisten und Bewohnern spitzt sich zu, die Konflikte werden mit der Zeit offener ausgetragen. Nur auf eines können sich beide Seiten einigen. Viola hatte am Abend noch gesagt, sie fürchte, der Buckelwal könne fünf weitere Monate überleben und vor der Insel liegen. Auch sie, wie viele andere auf Poel, hofft daher, dass die Situation schnellstmöglich endet. Damit die Insel wieder zur Ruhe kommt – und auch der Buckelwal.