Mit Thomas Müller und Timo Werner mischen zwei Deutsche die nordamerikanische MLS auf. Für die DFB-Elf sind sie aber keine Kandidaten mehr, sagt Florian Jungwirth. Seit dem vergangenen Sommer spielt Thomas Müller in der nordamerikanischen MLS, läuft für die Vancouver Whitecaps auf. Im Winter wechselte mit Timo Werner ein weiterer ehemaliger Nationalspieler in die Liga, er stürmt für die San José Earthquakes. Ein Deutscher, der beide Vereine bestens kennt, ist Florian Jungwirth. Der frühere Bundesliga-Profi und heutige Nachwuchstrainer des VfL Bochum spielte von 2017 bis 2021 für San José, ließ seine Karriere anschließend in Vancouver ausklingen. Die MLS hat er weiterhin im Blick – vor allem Müller, mit dem er einst im DFB-Nachwuchs zusammengespielt und den er vor dessen Kanada-Wechsel beratschlagt hatte. Im Gespräch mit t-online blickt Jungwirth nun auf die Leistungen der Deutschen in der MLS und spricht über mögliche Comeback-Chancen in der Nationalmannschaft. t-online: Herr Jungwirth, hat sich Thomas Müller bei Ihnen schon für die Vancouver-Empfehlung bedankt? Florian Jungwirth: Wir haben nach der Saison kurz gesprochen: Thomas hat mir gesagt, dass alles so eingetroffen ist, wie ich es vorhergesagt habe. Er ist dort sehr glücklich. Hat er Sie bei der Gelegenheit direkt in Ihre alte Heimat eingeladen? Bisher nicht – ich habe also noch einen gut bei ihm. In Vancouver gibt es ein paar schöne Dinge, die wir unternehmen könnten. Was macht die Stadt für ihn so besonders? Thomas hat in Vancouver trotz seines Status als Weltstar viel Privatsphäre, die er in München nicht hat. Nach all den Jahren im Fokus kann er jetzt auch mal entspannt und inkognito einen Kaffee in der Stadt genießen. Dabei hilft ihm auch ein veränderter Look. Der Holzfäller-Look steht ihm gut, mir gefällt das. Und es passt zu Kanada. Die Whitecaps haben die Canadian Championship gewonnen, beinahe auch den MLS Cup. Welchen Anteil hatte Müller? Er hatte einen großen Anteil. Die Mannschaft war vorher schon in guter Form, Thomas hat ihr aber noch einen richtigen Schub gegeben. Er steht für Titel, er steht fürs Gewinnen. Es verwundert mich nicht, dass das Team ins Finale eingezogen ist. Das Endspiel haben sie verloren. Klappt es dieses Jahr? Es muss der Anspruch sein, auch in dieser Saison um den Titel zu spielen. Die Mannschaft ist fast komplett zusammengeblieben. Paul Stalteri hat Thomas Müller kürzlich für ein DFB-Comeback ins Gespräch gebracht. Wann sehen wir ihn wieder in der Nationalelf? Thomas werden wir nicht mehr im DFB-Dress sehen. Wenn man aus der Nationalmannschaft zurücktritt, hat das seine Gründe. Hat Timo Werner bessere Chancen? Nein. Auf seiner Position hat der DFB andere Ferraris. Die MLS ist ein schönes Abenteuer, aber sportlich befördert das die Spieler nicht zurück ins Blickfeld der Nationalmannschaft. Können sich Deutsche in der MLS überhaupt ins DFB-Team spielen? Ausnahmen gibt es immer, aber es ist schwer bis unmöglich. Spieler aus der 2. Bundesliga sehen wir auch nur ganz selten in der Nationalmannschaft – die Chancen für einen MLS-Spieler stehen ähnlich. Jonas Hector hat es als Linksverteidiger einst geschafft. Hätte Julian Gressel, ebenfalls Außenverteidiger, vor einigen Jahren dann nicht auch ein Kandidat sein können? Julian ist ein toller Spieler, aber die Qualität muss man schon richtig einschätzen – da fehlt doch einiges. Um in die deutsche Nationalmannschaft zu kommen, muss man Topleistungen in der Bundesliga oder einer anderen europäischen Topliga zeigen. Am Wochenende hat Werner im direkten Duell gegen Müller gewonnen. Wie bewerten Sie seinen MLS-Start? San José hatte in den letzten Jahren Probleme, den guten Saisonstart hat so sicherlich niemand erwartet. Timo Werner hatte darauf unter anderem mit einer sehr schönen Vorlage einen positiven Einfluss. Trainer Bruce Arena schwärmt von Werner. Wurden die Qualitäten, die er noch hat, in Leipzig verkannt? Der Unterschied zwischen den Ligen ist riesig. Wenn Timo Werner körperlich bereit und mental voll bei der Sache ist, muss er in der MLS ein Topspieler sein. Wie gut kann man sich in San José auf den Fußball konzentrieren? An Ablenkungen mangelt es nicht. Es gibt sehr viele schöne Dinge, auf die man sich abseits der Arbeit freuen kann. Und trotzdem kann man sich gut auf den Fußball konzentrieren – jeden Tag in der Sonne zu spielen, macht richtig Bock. Timo Werner hat sich einen schönen Ort ausgesucht. Besteht die Gefahr, in dem Ambiente zu sehr zu entspannen? In einem Ort zu spielen, in dem ich mich vollends wohlfühle, hat mir immer Höchstleistungen ermöglicht. Letztlich hat es jeder Spieler mit seiner Einstellung zum Beruf selbst in der Hand. Du kannst auch in Bochum oder Aue an Spannung verlieren. Wenn ich den ganzen Tag Playstation spiele und abends fünf Bier trinke, bin ich am nächsten Tag nicht in Topform. Im Sommer findet unter anderem in den USA die WM statt. Ist das Land ob der aktuellen Lage ein geeigneter Austragungsort? Eigentlich sollte ein solches Turnier Vorfreude auslösen, momentan dominieren rund um die USA leider viele Sorgen und Fragezeichen. Wenn ich aber durch meine kanadische Brille schaue, erkenne ich sehr wohl Vorfreude. Es wird für alle ein unfassbares Erlebnis.