Mein Moskau von Frank Ebbecke – 18
Frühlingserwachen?! Schön wär’s ja. Das belebende Gefühl des alljährlich neuen Aufblühens nach eisiger Winterzeit will sich tief in meinem Inneren noch nicht so recht Bahn brechen. Zu dicke Gewitterwolken bedrohlicher Konflikte, zu viele Ungereimtheiten und Ungewissheiten, wie sich die Welt endlich wieder etwas menschengerechter zusammenraufen kann, schwächen die Vorstellungskraft auf ein lebens- und liebenswertes Morgen in mehr Frieden und Freude. Stattdessen wird weiter überall gezündelt, da werden aus allen und in alle Himmelsrichtungen fest verknotete Leinen gekappt, gemein- und mühsam aufgebaute Brücken eingerissen, trennende Gräben ausgehoben und es wird sich hinter hochgezogenen Mauern eingeigelt. Nein, so geht das doch nicht: Über Aberjahrtausende haben wir die Einzigartigkeit dieses Planeten gemeinsam geschaffen und er gehört allen. Nationale Grenzen sind menschengemacht, wurden und werden in der Geschichte gern aggressiv und willkürlich verschoben. Da funkt immer wieder die Natur des Menschen mit seinem Individualitätsstreben, seiner Herrschsucht, der Unberechenbarkeit seiner Verhaltensweisen gehörig dazwischen – das war so, ist so, wird so bleiben. Lernen tun Menschen selten etwas dazu.
Langsam machen mich bange Fragen und mitleidige Bemerkungen meist aus westlicheren Sphären kirre, ob es eigentlich noch genug zu essen gäbe und das Nötigste für einen angenehmen Alltag zu kaufen, wir seien ja schließlich in einer Kriegssituation. Bitteschön? Jedenfalls in Moskau und anderen Urbanisationen gibt es so gut wie alles von allem und von überall her – trotz all der fantasiereichen Sanktionen. Vielleicht nicht gerade überall in den endlosen Weiten des territorial größten Staatsgebiets der Welt, aber das ist in provinzieller Umgebung anderer hoch entwickelter Länder wohl nicht völlig anders. Russen mit ihren über Jahrhunderte quasi zwangsweise gewachsenen Charaktereigenschaften wie Durchhaltevermögen, Widerstandskraft und ausgeprägtem gegenseitigem Hilfsbewusstsein nehmen ihren Alltagskampf gern selbst in die Hand.
Nein, sie lassen nicht alles hilf- und sprachlos über sich ergehen, was um sie herum und mit ihnen passiert, auch wenn sie vieles lieber zum Gegenstand der berühmten „Küchengespräche“ unter Vertrauten machen. Da bin ich ganz froh, schon ewig nicht nur auch gute russische Freunde zu haben, sondern sogar eine Art „Wahlverwandter“ in einer hiesigen Familie geworden zu sein, das verleiht ein heimeliges Gefühl der Sicherheit. Ich war in zahllosen Zentren rundherum auf unserem Erdball unterwegs und habe noch keine andere Stadt mit zum Beispiel mehr Blumenläden und Schönheitspflegesalons gesehen. Wir leben. Gut so.
Ein ehemaliger Botschafter von meinem ursprünglichen Zuhause hat dieser Tage auf einer Social-Media-Plattform geäußert: „Russland profitiert kurzfristig vom Iran-Krieg: politisch und militärisch, wirtschaftlich und finanziell. Doch Russland bleibt eine stark angeschlagene Volkswirtschaft und eine Großmacht auf tönernen Füßen.“ Warum ausgerechnet aus dem ebenso als „angeschlagen“ zu kritisierenden Deutschland, dem postulierten Herzland der EU, sogar mit der traurigen Zusatzbemerkung, dass dort auch noch eine wachsweiche, unentschlossene Regierung ohne klare, überzeugende Stimme im Welttheater herumwerkelt!?
Und nicht zu vergessen die einzigartig engen, kooperativen Beziehungen zwischen Russland und Deutschland über viele Jahrhunderte und Generationen, wenn auch im regelmäßigen Wechsel von „Liebe und Hass“, in „Freud’ und Leid“ – politisch und wirtschaftlich, militärisch, wissenschaftlich, kulturell. Ich wünschte so dringlich wie herzlich, dass mehr Menschen, besonders die in öffentlichen, privatwirtschaftlichen und meinungsbildenden Führungsverantwortungen für ihre Mitbürger, nicht mehr Rücken an Rücken gegeneinanderstehen, sondern Angesicht zu Angesicht. Es gilt, erneut Brücken zu schlagen, gegenseitiges Vertrauen zu schaffen, das alles wieder überlebensfähig aufzubauen, was an so vielen Orten und Stellen physisch wie psychisch zerstört ist, und eine sich schon längst abzeichnende Weltordnung anzunehmen und dafür zukunftsträchtigere Allianzen zu schmieden.
Diese persönlichen Gedanken, Erlebnisse und Forderungen in gesetzte Worte zu fassen, das war ein harter Brocken, aber ehrlich aus der Seele gesprochen, das musste ich mir einfach antun; denn in den letzten Jahren ist so einiges schon zu lange in allen Ecken und an allen Enden schiefgelaufen. Aber als unverbesserlicher Optimist mit einem guten Schuss Realitätsbewusstsein halte ich mich an meinen von Russen abgehörten, so gut wie täglich mehrfach lautlos gemurmelten Aufbauspruch: „Wsjo budet charoscho.“ Wird schon wieder.
Frank Ebbecke
Запись Mein Moskau von Frank Ebbecke – 18 впервые появилась Moskauer Deutsche Zeitung.
