Ein Mord führt Kommissarin Brasch in eine hitzige Debatte über Abtreibung. Der neue "Polizeiruf 110" aus Magdeburg zeigt, wie politisch ein Krimi sein kann. Nach einem tödlichen Fahrradunfall steht eine gynäkologische Praxis im Zentrum der Ermittlungen. Der "Polizeiruf 110: Your Body My Choice", den das Erste am Sonntag, dem 8. März 2026 zeigt, beginnt wie ein klassischer Krimi, entwickelt sich aber schnell zu mehr: zu einem Film über Selbst- und Fremdbestimmung. In Magdeburg stirbt eine junge Frau bei einem vermeintlichen Fahrradunfall. Schnell ist klar: Die Bremskabel ihres Rads wurden manipuliert. Hauptkommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelsen) ermittelt – und stößt auf ein Umfeld, das unter Druck steht. Die Tote arbeitete in der Praxis einer Frauenärztin, die auch Schwangerschaftsabbrüche vornimmt. Eine Praxis, die im Visier radikaler Abtreibungsgegner ist. Sie ließen eine Schwangere sterben: Gericht verurteilt Ärzte Kristina Hänel: "Sie wollen Schwangeren Angst machen" Schon zu Beginn des Films werden viele Fragen aufgeworfen. War der Anschlag auf die Arzthelferin eine politische Botschaft? Eine Drohung? Oder steckt ein ganz anderes Motiv dahinter? Der "Polizeiruf" nimmt sich Zeit, diese Fragen zu entfalten. Das Publikum lernt allmählich die Figuren kennen, ihre Lebensrealitäten und Konflikte. Drei Frauenfiguren Parallel zu Braschs Ermittlungen erzählt der Film von Dania (Nicola Magdalena Lüders), einer jungen Polin, die ungewollt schwanger ist und in Deutschland abtreiben möchte. Unterstützt wird sie von Lara Becker (Luna Jordan), einer Aktivistin, die Frauen ehrenamtlich als sogenannte "Abortion Buddy" begleitet. Eine weitere Perspektive bringt Dr. Schöller-Hahnfeld (Jenny Schily) ein. Ihr gehört die Praxis, die Ziel von Protesten und Drohungen radikaler Abtreibungsgegner ist. Der Film verknüpft die Geschichten dieser drei – allesamt stark gespielten – Frauenfiguren und zeigt, wie sehr ihre Lebensrealitäten trotz aller Unterschiede miteinander verbunden sind. "Wir nehmen beide Seiten ernst" Autorin Annika Tepelmann und Regisseurin Franziska Schlotterer wollen mit ihrem "Polizeiruf" zeigen, wie sich die Debatte über Schwangerschaftsabbrüche auf betroffene Frauen sowie Helferinnen auswirkt. Sie betonen: "Der Anspruch auf körperliche Selbstbestimmung trifft auf gesellschaftliche, politische und religiöse Kräfte, die genau diese Autonomie einschränken wollen, in Deutschland, aber auch weltweit. Patriarchale Strukturen legitimieren die Kontrolle über weibliche Körper und erhalten sie aufrecht." Auch die Gegenseite lassen die Macherinnen dabei zu Wort kommen. Schlotterer und Tepelmann sagen: "Wir nehmen beide Seiten ernst." Ein Film aus weiblicher Perspektive Dass der "Polizeiruf 110: Your Body My Choice" Frauenfiguren in den Mittelpunkt stellt, ist direkt klar. Der Film würde den sogenannten Bechdel-Test problemlos bestehen. Dieser nicht wissenschaftliche Test über weibliche Stereotype im Film prüft, ob mindestens zwei Frauen in einem Film miteinander sprechen – und zwar über etwas anderes als Männer. Hier ist das selbstverständlich: Die Figuren sprechen über Entscheidungen, Verantwortung, Arbeit, Angst, gesellschaftlichen Druck und Selbstbestimmung. Dass man dies überhaupt erwähnen muss, zeigt allerdings auch, wie selten solche Konstellationen im Fernsehen noch immer sind. Titel "bewusst provokant gewählt" Schlotterer und Tepelmann sagen über ihren Film: "Der Film kann definitiv als Statement zum Weltfrauentag verstanden werden." Der Titel "Your Body My Choice" sei dabei "bewusst provokant gewählt". Denn die Debatte um Schwangerschaftsabbrüche wird in Deutschland nach wie vor geführt. Wissen zum 8. März: Darum gibt es den Weltfrauentag Zwar wurde das Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche nach Paragraf 219a des Strafgesetzbuchs im Jahr 2022 abgeschafft. Ärztinnen und Ärzte dürfen seither sachlich über entsprechende Eingriffe informieren. Der grundlegende Paragraf 218 bleibt jedoch bestehen: Ein Schwangerschaftsabbruch ist in Deutschland rechtswidrig, bleibt aber unter bestimmten Voraussetzungen straffrei. Der Krimi überzeugt durch sein Thema, seine Darstellerinnen und seine ruhige, präzise Inszenierung. Auch stark: Die Kamera arbeitet mit kleinen Beobachtungen: der Blick auf Kinder, schwangere Frauen, einen Balkon, dann der Zoom heraus auf den ganzen Plattenbau. Scheinbar beiläufige Details erzählen viel über die Figuren und ihre Lebensrealitäten. Die Musik bleibt dabei zurückhaltend, unaufdringlich und doch fesselnd. Sie trägt zur Atmosphäre bei, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Kleine Schwächen Der "Polizeiruf 110: Your Body My Choice" bezieht seine Kraft aus der spannenden Darstellung der Ermittlungsarbeit und der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen. Doch er hat auch Schwächen. Auch wenn dadurch die entgegengesetzten Positionen betont werden, wirken einige Szenen plakativ. Etwa als Demonstrantinnen in BHs eine Versammlung von Abtreibungsgegnern stürmen. Die Auflösung des Films wirkt zudem abrupt. Nach dem sorgfältigen Aufbau hätte das Finale etwas mehr dramatische Wucht vertragen. Trotz dieser kleinen Schwächen bleibt ein starker Eindruck. Dieser Film über weibliche Solidarität, patriarchale Strukturen und Frauenhass überzeugt und regt zum Nachdenken an. Denn hinter jeder politischen Debatte stehen am Ende Menschen – und Entscheidungen, die von niemand anderem getroffen werden können. Nur eines wäre wünschenswert: solche Themen nicht bloß am Internationalen Frauentag so prominent zu präsentieren. Aufgrund der Landtagswahlen in Baden-Württemberg zeigt das Erste am 8. März 2026 eine fünf Minuten längere "Tagesschau". Der "Polizeiruf 110: Your Body My Choice" beginnt entsprechend erst um 20.20 Uhr. Teilen Sie Ihre Meinung mit Wie gefiel Ihnen dieser "Tatort"? Schreiben Sie eine E-Mail an Lesermeinung@stroeer.de . Bitte nutzen Sie den Betreff "Tatort" und begründen Sie.