Am kommenden Sonntag beginnt das Wahljahr 2026. Hagel gegen Özdemir, CDU oder Grüne. Interessantes Duell. Aber eine andere Frage ist wichtiger: die nach der AfD. Baden-Württemberg wird nach der Wahl schwarz-grün regiert. Oder grün-schwarz. Wetten, dass? Alles andere sind Außenseiterwetten. Zum Beispiel die Deutschlandkoalition aus CDU , SPD und FDP : sehr unwahrscheinlich. Auch wenn es zwischen Hagel und Özdemir im Endspurt noch einmal knapp wird, für die Parteispitzen in Berlin geht es im Südwesten "nur" ums Prestige, um Personen, um Ruhe oder Unruhe in der eigenen Partei. Nicht um eine Richtungsentscheidung: die oder wir. Es gab schon Wahlen, die bundespolitisch mehr Sprengkraft bargen. Jedenfalls auf den ersten Blick. Der zweite Blick lohnt sich. Schauen Sie bitte am Sonntag um 18 Uhr genau auf den blauen Balken, also auf die AfD . Monatelang deuteten die Umfragen darauf hin, dass er über 20 Prozent steigen könnte; 2021 kam die AfD auf 9,7 Prozent. 20 Prozent für die Rechten, das ist längst nicht mehr ungewöhnlich. Im Bundestag haben sie auch 20 Prozent. Aber: Da war doch was, da ist doch was in diesen Wochen, Sie lesen und hören es jeden Tag. Der eine AfD-Abgeordnete beschäftigt den Vater des anderen, dafür übernimmt der andere die Schwiegertochter des einen. Oder man schickt die Cousine ins Büro des Bundestagsabgeordneten. Die Verwandtschaft bekommt ihre Arbeitsverträge bei der Fraktion. In Sachsen-Anhalt ist das Standard, auch in Niedersachsen . Und im Bundestag . Die Lebensgefährtin kannst du in deinem eigenen Büro versorgen, die heißt doch anders, das merkt keiner. Für ihren Sohn hast du sicher auch noch ein Budget. Vetternwirtschaft: Um diese Geldtöpfe geht es Nordrhein-Westfalen: Jobwunder bei der AfD Privatwohnung mit Mitarbeiterin: AfD-Personalchef in Erklärungsnot Mal schnell zu den MAGA-Freunden Markus Frohnmaier, der "Spitzenkandidat" der AfD in Baden-Württemberg (in Anführungszeichen, weil er gar nicht für den Landtag kandidiert), hat seine Ehefrau im Bundestag untergebracht . Er findet das in Ordnung. Frohnmaier ist bekennender Trump-Fan, in dieser Woche ist er noch mal rübergeflogen zu seinen MAGA-Freunden. Das bringt mehr Aufmerksamkeit als Wahlkampf vor Ort. Frohnmaier hat das System Trump genau studiert. Was die Milliardärsclique um den US-Präsidenten sich erlaubt, das wird das Familienprekariat der AfD doch wohl auch noch dürfen! Die Partei blickt jetzt in einen Abgrund, dort zeichnen sich mafiöse Strukturen und organisierte Kleinkriminalität ab. Meine Kolumne heißt "Elder Statesman", weil ich ein wenig Erfahrung aus früheren Zeiten einbringen kann, auch aus früheren Skandalen. Sie zeigten immer Wirkung an der Wahlurne. Egal, ob es bei der CDU um illegale Parteispenden ging, bei der CSU um ein Amigo-Netzwerk, ob die SPD sich im Gewerkschaftsfilz verhedderte oder ob die Grünen Habecks Trauzeugen ins Ministerium beförderten. Eigentlich müsste die AfD am Sonntag den Denkzettel für ihre Vetternwirtschaft bekommen. Krise, aber kein Management Eigentlich, müsste, Konjunktiv. In der Politik gilt der Satz, dass die Krise nicht einmal das Schlimmste ist; noch schlimmer ist schlechtes Krisenmanagement. Ich erhöhe von Denkzettel auf Debakel. Es gibt in der AfD eine Krise, aber kein Management. Tino Chrupalla sagt im Fernsehen, nun ja, das habe alles ein "Gschmäckle". Dann kommt heraus, dass er selbst die Frau eines sächsischen AfD-Abgeordneten beschäftigt, das hatte er vergessen zu erwähnen. Alice Weidel sagt lange nichts. Dann schwadroniert sie über eine böswillige Medienkampagne. Man müsse jeden Fall einzeln betrachten. Bisher gebe es keine Beanstandungen. Sie fordert ihren Fraktionsvize Stefan Keuter auf, sich zu erklären, er soll seine Freundin beschäftigt haben. Er sagt, das ist nur eine Briefkastenfreundschaft. Der sonst so wortgewaltige Fraktionsmanager Bernd Baumann räumt ein, er habe keinen Überblick. Er sei auch nicht zuständig. Zuständige gibt es nicht. Am Sonntag wird die Frage beantwortet, ob für die AfD dieselben politischen Mechanismen gelten wie für andere Parteien. Bisher haben ihr unappetitliche Affären nicht geschadet, interne Machtkämpfe und gegenseitige Verleumdungen auch nicht. Da haben wir uns alle geirrt Die meisten politischen Kommentatoren, mich eingeschlossen, haben das darauf zurückgeführt, dass es den AfD-Wählern um etwas anderes, Größeres gehe. Um das eine große Thema, die Migration. Als Merkel die Grenzen öffnete und dann lapidar erklärte, jetzt könne man sie auch nicht mehr schließen, wurde aus der rechten Minderheit eine Massenbewegung. Als Corona kam, blieben die Flüchtlinge in ihrer Heimat. Die AfD fand umgehend ein neues Thema: Corona. Der Lockdown, die Impfung. Friedrich Merz hatte schon 2018 eine Idee: Merz wählen. Er traute sich zu, die AfD zu halbieren. Da lag sie bei 15 Prozent. Nach einem Jahr Merz-Regierung kommt sie bundesweit auf 24 Prozent. Seine persönliche Fehleinschätzung. Die Annahme, die AfD sei eine fest betonierte Ein-Themen-Partei, hat sich als Trugschluss erwiesen. Die AfD ist anpassungsfähig an neue Trends, neue Probleme. Sie ist das Chamäleon unter den Parteien. Mal setzt sie auf den Feldzug gegen Brüssel , mal auf den Kulturkampf gegen alles Grüne. Als Soundtrack im Hintergrund das ewige Opfer-Lamento, dieses wird mir verboten, jenes darf ich nicht sagen. Ihre Grundhaltung ist Protest. Aber welches Thema wann zur Kampagne taugt, welche Empörung gerade die beste Resonanz auf Social Media verspricht, das spürt sie sehr sensibel. Der Zeitgeist ist ihr Verbündeter. Sie wird wieder ein Thema finden Gerade schafft die AfD es, der Union in der Wahrnehmung der Wähler die Wirtschaftskompetenz streitig zu machen. Auf keinem politischen Feld ist die Rechtspartei so inkompetent wie in der Wirtschaftspolitik. Aber drei Jahre Rezession und großspurige Kanzler-Worte haben ihre Wirkung hinterlassen. Merz und Klingbeil setzen darauf, dass das Wachstum endlich wieder in Gang kommt, die Schuldenoffensive muss doch Wirkung zeigen. Dann fehlt der AfD ein Thema. Sie wird ein anderes finden. Irgendwas ist immer. Zehn Jahre lang haben SPD und Grüne den Kampf gegen rechts propagiert: Antifaschismus, historisch und moralisch aufgeladen. Die Strategie ist komplett gescheitert. Sie setzten den Verfassungsschutz auf die AfD an, zielten auf ihr Verbot ab. Ein Gericht in Köln hat gerade gegen den Geheimdienst entschieden, für die AfD. Weitere Instanzen werden folgen, aber hinter dieses Urteil führt kein Weg zurück. Nancy Faeser , Innenministerin der Ampel, ist zur Symbolfigur eines Irrglaubens geworden: Das Verfassungsgericht sei die Instanz, die über die AfD entscheidet. Nein, der Wähler ist die Instanz. Meine Argumente gegen die AfD habe ich hier schon mehrfach angeführt. Sie strahlt Verachtung gegenüber dem eigenen Land aus. Sie spekuliert politisch auf den Niedergang. Sie trägt die Sprechzettel Putins vor. Sie lebt in der Welt des 20. Jahrhunderts, sehnt sich nach D-Mark und DDR-Gefühl. Sie hat ein Faible für autoritäre Führung. Sie toleriert Nazis in ihren Reihen. Ihre Sprache ist menschenverachtend. Was wird uns der blaue Balken sagen? Trotzdem haben zuletzt 20 Prozent die AfD gewählt. Man nennt es Demokratie, es gab keinen Putsch. Ich muss akzeptieren, dass jeder Fünfte meiner Mitbürgerinnen und Mitbürger über all das hinweggesehen hat. Aber Leute, wollt ihr auch darüber hinwegsehen, dass die AfD aus ganz Deutschland ein Familienunternehmen macht? Dieser Skandal hat nicht nur ein "Gschmäckle", der stinkt zum Himmel. Wir sind doch keine Bananenrepublik. Sorry, Ecuador , das geht nicht gegen euch. Sonntag, 18 Uhr. Was sagt uns der blaue Balken? Wenn er trotz allem über 20 Prozent steigt: Die AfD ist immun gegen den Skandal. Für sie gelten andere Regeln als für andere Parteien. Björn Höcke , den ich ungern zitiere, hat gesagt, die AfD könne nur an sich selbst scheitern. Vielleicht nicht einmal das. In Baden-Württemberg wird sie Opposition sein, regieren werden Hagel oder Özdemir, wahrscheinlich beide. Aber im Herbst wird in Sachsen-Anhalt gewählt. Da ist der blaue Durchmarsch dann nicht mehr nur eine Fiktion.