Mehrere Fehler im "heute journal" beschädigten in dieser Woche das Vertrauen in das ZDF. Der Sender hat auf Krisenmodus umgeschaltet – und dabei eine beschämende Konsequenz gezogen. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Tagelang herrscht Aufregung um einen journalistisch auf allen Ebenen missratenen Nachrichtenbeitrag und den desaströsen Umgang damit – und was macht das ZDF ? Lädt die gesamte Schuld und Verantwortung bei der Korrespondentin ab. Seit 17 Jahren arbeitet Nicola Albrecht in unterschiedlichen Rollen beim öffentlich-rechtlichen Sender, seit einem Jahr leitet sie das ZDF-Büro in New York – und verliert jetzt im Zuge des größten Senderskandals der jüngsten Vergangenheit als einzige Mitarbeiterin ihren Posten. Das ist feige und eine Reaktion, die ein schlechtes Licht auf die ZDF-Leitung wirft. Denn Albrecht wird hier zum Bauernopfer gemacht. Es ist richtig, wenn das ZDF nach dieser Blamage und dem Bärendienst, den es damit seriösem Journalismus im Land erwiesen hat, seine Fehler wie angekündigt konsequent aufarbeitet. Vermutlich ist es sogar angemessen, die zuständige Korrespondentin, die die Verfehlungen in dem Beitrag über ICE-Abschiebemethoden im "heute journal" zu verantworten hat, von ihren Aufgaben in den USA zu entbinden. Schließlich ist spätestens seit dem BBC-Skandal um eine verfälschte Rede Donald Trumps bekannt, wie schnell ein journalistischer Fehler im Ausland eskalieren kann. Es gibt klare Abnahmeprozesse im Sender und strenge Regeln, nach denen Beiträge vor der Ausstrahlung geprüft werden müssen. Wenn der Sender also jetzt so tut, als seien die peinlichen Fehler im "heute journal" lediglich auf eine Verfehlung der Korrespondentin zurückzuführen, will er seine Zuschauer für dumm verkaufen. Die ZDF-Führung muss Verantwortung übernehmen Wo ist die Verantwortung, die die Schlussredaktion der Sendung übernimmt? Diese hätte mindestens das auffällige Wasserzeichen auf dem KI-Video bei der Überprüfung des Materials erkennen müssen. Wann erfährt das Publikum, welche Redaktionsleitung für den Beitrag am 15. Februar verantwortlich war? Sie muss sich vorwerfen lassen, weder die KI-generierten Szenen erkannt zu haben noch das vier Jahre alte Material, das mitnichten eine Abschiebepraktik im aktuellen Kontext zeigte, sondern die Festnahme eines Teenagers in Florida nach einer Amokdrohung. Werfen sich Stefan Leifert, der "heute journal"-Chef, und seine Stellvertreterin, Anne Gellinek, jetzt ernsthaft in den Deckungsschatten ihrer geschassten Korrespondentin? Mit keiner Silbe werden in der am Freitag per Pressemitteilung verkündeten "Aufarbeitung" des Skandals ihre Namen erwähnt. Allerdings tragen sie als Führungspersonal die Verantwortung dafür, was gesendet wird. Zumal es sich bei dem Beitrag noch nicht einmal um eine zeitkritische, tagesaktuelle und dementsprechend hektisch zusammengeschnittene Nachricht handelte. Im Gegenteil: Ein fast identischer Beitrag wurde bereits zwei Tage zuvor im "Mittagsmagazin" des ZDF gesendet – ohne die fehlerhaften Szenen. Das "heute journal" bestellte offenbar anschließend bei seiner New-York-Korrespondentin eine ähnliche Fassung, und Nicola Albrecht, so stellt es der Sender nun dar, fügte dem Material die zwei zu beanstandenden Videos hinzu. Ein Fehler: eindeutig. Aber dem "heute journal" müsste der "Mittagsmagazin"-Beitrag bekannt gewesen sein – also wäre es umso leichter gewesen, die neu hinzugefügten Szenen zu prüfen. "Exzellent": Klamroth lässt mit Aussagen über ZDF-Affäre aufhorchen ZDF-Skandal: Dieser Fall muss Konsequenzen haben Dunja Hayali: ZDF nimmt Moderatorin in Schutz "Der Schaden, der durch die Missachtung journalistischer Regeln entstanden ist, ist groß. Es geht im Kern um die Glaubwürdigkeit unserer Berichterstattung", lässt ZDF-Chefredakteurin Bettina Schausten am Freitag im Zuge der neuesten Personalverkündung mitteilen. Es ist das erste Mal, dass die oberste journalistische Führungsfigur etwas zu der "heute journal"-Affäre sagt. Besser spät als nie. Und sie hat ja recht: Bei diesen Fehlern geht es um weit mehr als den Ruf der Sendung oder das Prestige des ZDF. Das Vertrauen in ein System wurde erschüttert – und das ist nicht wiedergutzumachen, indem eine einzige Person geopfert wird. Im Gegenteil: Es zeigt, wie wenig die Führungsebene des ZDF die Tragweite dieser Affäre einzuordnen weiß. Der Umgang mit Künstlicher Intelligenz stellt jede Redaktion vor gigantische Herausforderungen. In den nächsten Monaten und Jahren wird KI immer realistischer und die Aufgabe, sie zu identifizieren, immer schwerer. All das hätten die Zuschauer dem ZDF zugestanden. Umso unentschuldbarer ist, wie in diesem Fall mit dem offensichtlichen Versagen umgegangen wird. Es fing an mit fadenscheinigen Ausreden und einer mehr als fragwürdigen Krisenkommunikation und setzt sich jetzt damit fort, die eigene Korrespondentin namentlich ins Kreuzfeuer zu stellen. Bettina Schausten und ihre "heute journal"-Führungskräfte sollten sich schämen.