Über den überhohen Krankenstand in Deutschland gibt es ein paar falsche Annahmen, ein bisschen Populismus – und viele Wahrheiten. In der Welt von Bundeskanzlern sind manche Sachen einfach: Wenn die Wirtschaft lahmt und die Stimmung schlecht ist, muss man nur den vielen Blaumachern Beine machen. Leider ist das nur der kleinste Teil der Wahrheit. Denn für den hohen Krankenstand sind vor allem die alternde Erwerbsbevölkerung, die Statistik und schlechte Chefs verantwortlich. Das ändert man nicht, indem man die Beschäftigten ausschimpft. Als Helmut Kohl 1982 Kanzler wurde, steckte (West-)Deutschland in einer tiefen Flaute, die mindestens so anstrengend war wie das heutige Wirtschaftsdesaster. Kohl rief die "geistig-moralische Krise" aus, der nur mit mehr Fleiß, Ehrgeiz und Leistung beizukommen sei. Der Krankenstand sank in den Folgejahren tatsächlich, der Aufschwung kam und half dem Land aus der Krise. Allerdings nicht wegen der Blaumacher-Symbolpolitik Helmut Kohls, sondern wegen echter Wirtschaftsreformen. Heute kritisiert Friedrich Merz den Krankenstand mit ähnlichen Worten. Wieder ist das Symbolpolitik. Denn der Kanzler unterschlägt, dass der Krankenstand in jüngster Zeit vor allem von einem statistischen Effekt getrieben wird. Debatte: Merz legt im Kranken-Streit nach Analyse: So ließen sich Krankentage verringern Heute wird im Gegensatz zu früher jeder Fehltag gezählt, weil Krankmeldungen digital erfasst werden. Früher mussten die Versicherten die Zettel zu ihrer Krankenkasse schicken und vergaßen es gerne mal. Es könnte also sein, dass heute gar nicht mehr Leute im Bett liegen als vor zwei Jahren. Jetzt werden sie nur von der Statistik erwischt. Für das deutsche Siechtum gibt es zudem mehrere Gründe, die sich nicht ändern, wenn man die Leute nur auffordert, nicht mehr krank zu werden. Die Erwerbsbevölkerung wird älter. Ältere Beschäftigte melden sich zwar seltener krank als jüngere. Dafür aber sind sie viel länger arbeitsunfähig. Je mehr Ältere tatsächlich bis zum gesetzlichen Renteneintrittsalter arbeiten, desto höher wird das Risiko für längere oder chronische Auszeiten wegen Diabetes, Gelenkersatz oder Herzbeschwerden. Man könnte also sagen: Was gut für die finanzielle Lage der Rentenversicherung ist, schadet den Finanzen der Krankenkassen und den Unternehmen. Debatte über Kanzler-Vorstoß: DAK legt Zahlen zu Krankmeldung vor Das ändert nichts daran, dass die Beschäftigten insgesamt zu wenig arbeiten: Deutsche haben durchschnittlich 30 Tage Urlaub, dazu kommen im Schnitt sieben gesetzliche Feiertage. Mehr bezahlte Freizeit gibt es in Europa nur in Malta und in Dänemark . Zählt man die Krankentage dazu, ist man schon bei zweieinhalb Monaten Auszeit. Würden die Beschäftigten mehr arbeiten, ginge es auch der Wirtschaft besser. Da hat der Kanzler recht. Einen Feier- oder Urlaubstag zu opfern, wäre allerdings mutiger, als an den Bettdecken der Kranken zu zupfen. Hier ist der größte Hebel zur Heilung des Problems Noch besser wäre es, die Bundesregierung kümmerte sich energisch darum, dass die Arbeit besser wird. Hier ist der größte Hebel zur Heilung des Problems. Denn diejenigen, die gute Arbeit und gute Chefs haben, sind seltener krank. Das gilt sogar – und vor allem – für die Beamten. Beispiel Bundesverfassungsgericht : Hier arbeiten viele ambitionierte Beamte. Sie haben anspruchsvolle Aufgaben, sie wissen, dass ihre Arbeit sinnvoll und geachtet ist. Das Verfassungsgericht gilt als eine der wenigen Institutionen im Land, die allgemein respektiert und bewundert werden. Da macht der Job Freude. Das Gericht hat den niedrigsten Krankenstand aller Bundesbehörden. Umgekehrt geht es im Amt des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien zu. Das ist die wohl am wenigsten einflussreiche Abteilung im Bundeskanzleramt. Die Amtsinhaber dürfen sich zwar Kulturstaatsminister nennen, doch politischen Einfluss und tiefen Sinn messen der Arbeit nur die wenigsten zu. Das gilt offenbar auch für die Mitarbeiter. Unter der Vorgängerin des heutigen Amtsinhabers Wolfgang Weimer wurden im Jahr 2023 durchschnittlich 27 Krankheitstage gezählt – doppelt so viele wie in den Nachbarbüros im Kanzleramt selbst. Erst mal die Probleme vor der eigenen Haustür lösen Das Gefühl, mit der eigenen Arbeit nicht viel zu bewirken, schlägt vielen auf den Magen, fährt ihnen in den Rücken oder belastet die Psyche. Ähnlich sind die Auswirkungen mieser Vorgesetzter: Wer einen schlechten Chef hat, ist öfter und länger krank. Das Marktforschungsinstitut Gallup vergleicht einmal im Jahr die Qualität der Arbeitsplätze in vielen Ländern der Welt. Nur zwölf Prozent der Befragten in Deutschland bezeichneten sich hier im Jahr 2025 als "engagiert", weniger als die Hälfte hat das Gefühl, im Beruf gefördert zu werden. Die meisten anderen Länder schneiden besser ab. Ganz oben ist Deutschland eigentlich nur in einer Kategorie: In kaum einem anderen Land wären so viele Leute lieber heute als morgen in einem anderen Job. Kanzler, Manager und Unternehmer wären gut beraten, erst einmal die Probleme vor der eigenen Haustür zu lösen. Wenn sie die geisttötenden Bürokratiejobs abgeschafft und miese Vorgesetzte abgelöst haben, können sie den Bummlern zu Recht zurufen: "Wer krank ist, ist krank. Und die anderen kommen jetzt bitte sofort in die Arbeit."