US-Präsident Trump droht offen mit einer Annexion Grönlands. Deutsche Außenpolitiker sind alarmiert – und sehen die Europäer in der Pflicht. Zeitweise sah es so aus, als hätte der US-Präsident das Interesse an Grönland verloren. Nach seinem Amtsantritt vor knapp einem Jahr hatte Donald Trump zunächst Anspruch auf die zu Dänemark gehörende Insel erhoben, wandte sich dann aber anderen Themen zu. Doch nach der Gefangennahme von Venezuelas Machthaber Nicolás Maduro scheint Grönland wieder ganz oben auf Trumps Prioritätenliste zu stehen. Seine jüngsten Annexionsdrohungen alarmieren auch deutsche Politiker. Denn: Eine gewaltsame Übernahme von Grönland durch die USA hätte weitreichende Folgen – auch für Deutschland und die Nato . Kommentar : Trump hat völlig recht mit Grönland – doch ihm ist nicht zu trauen US-Machtpolitik : "Trump hat den großen Knüppel ausgepackt" Roderich Kiesewetter, der Außen- und Sicherheitsexperte der Unionsfraktion, fordert eine stärkere Präsenz Europas im Nordatlantik. "Empörung über Donald Trumps Drohungen gegen Grönland ersetzt keine Strategie", sagte Kiesewetter t-online. "Die Realität ist: Grönland ist heute schon längst zum Spielball zwischen den USA und China geworden. Während Washington die Insel militärisch beansprucht, um den Nordatlantik zu kontrollieren, greift China still und leise ökonomisch nach der Insel", so Kiesewetter, der sich auch schon selbst vor Ort ein Bild von der Lage gemacht hat. "Diesen Einfluss muss Europa entschieden zurückdrängen" "Ich war selbst auf Grönland und habe gesehen, dass China dort schon jetzt sehr aktiv ist. Peking nimmt bereits heute 50 Prozent der grönländischen Fischexporte ab", erklärte Kiesewetter. "Diesen Einfluss muss Europa entschieden zurückdrängen. Wenn wir hier nicht wirtschaftlich gegenhalten, treiben wir Grönland in eine Abhängigkeit, die China politisch ausnutzen wird." Die Europäer müssten jetzt Geld in die Hand nehmen, "um Häfen und Flughäfen auf Grönland massiv zu modernisieren." "Diese sollten wir konsequent als 'Dual-Use'-Infrastruktur auslegen: zivil für den Handel und die Versorgung, militärisch nutzbar für die Nato", riet Kiesewetter. "So können wir Russland und China in der Arktis wirkungsvoll zurückdrängen." Gleichzeitig müsse Grönland durch den Ausbau eines bestehenden Assoziierungsabkommens enger an Europa gebunden werden, fordert er. "Solidaritätsbekundungen allein reichen nicht" Mit Blick auf Grönland wirft Kiesewetter den Europäern mangelndes Interesse vor. "Grönland muss spüren, dass es wirtschaftlich und politisch an der Seite Europas eine bessere und eigenständigere Zukunft hat, denn als 51. Bundesstaat der USA", sagte er. Man müsse Grönland als "europäisches Territorium" begreifen, welches gestaltet und geschützt werden müsse. "Dänemark baut dort bereits seine militärische Präsenz aus. Wo Europa investiert, entsteht kein Vakuum, in das andere stoßen können." Auch der SPD-Politiker und frühere Außenminister Sigmar Gabriel sieht jetzt Europa in der Pflicht. "Wir Europäer sollten uns überlegen, was wir bereit sind zu tun, um eine Lösung des Konflikts durch Verhandlungen zu erreichen", sagte Gabriel t-online. "Wenn es wirklich um die Verbesserung der Sicherheitslage rund um Grönland und in der Arktis geht, dann ist eine verstärkte Präsenz der USA dort sogar in unserem Interesse. Denn es stimmt ja, dass China und Russland dort verstärkt Präsenz zeigen." Gabriel blickt deshalb optimistisch auf eine mögliche Einigung mit Washington im Grönland-Streit. Streit um Grönland: Sigmar Gabriel zuversichtlich "Natürlich sollen wir Europäer die Drohung des US-Präsidenten sehr ernst nehmen", warnte der ehemalige Vizekanzler zugleich. "Aber wir müssen nicht in Panik verfallen." Gabriel erkennt ein klares Muster in den "zunächst schockierenden Forderungen" des US-Präsidenten in den vergangenen Monaten: "Trump versucht seine 'Verhandlungspartner' zunächst durch völlig absurde Forderungen einzuschüchtern, um dann in echten Verhandlungen doch wieder von seinen Maximalforderungen herunterzugehen", so Gabriel. "Ich vermute, so wird es auch im Fall Grönlands sein." Er sei zuversichtlich, "dass es im US-Kongress viele Abgeordnete beider Parteien gibt, die sich über gemeinsame Verhandlungsergebnisse weit mehr freuen, als über die Zerstörung der Nato", so Gabriel weiter. "Denn eine gewaltsame Einverleibung von dänischem Territorium durch die USA würde die Nato zerstören. Sehr zur Freude der Herren Putin und Xi." Dieses Szenario wollen zumindest die Europäer unbedingt verhindern. Aber um jeden Preis? Gabriel ist auch in dieser Frage eher zuversichtlich. "Es wäre das Ende der NATO und ein Riesenerfolg für Russland und China. Deshalb wird es auch nicht so weit kommen", erklärte er. "Es gibt im US-Kongress auch heute noch genug Persönlichkeiten, die denken, dass eine Zerstörung der Nato nicht im Interesse der USA sein kann." Trump: "Wir werden immer für die Nato da sein" Nach Angaben aus Berlin und Paris stimmen sich die europäischen Nato-Länder derzeit über das weitere Vorgehen im Streit um Grönland ab. "Die Bundesregierung ist auch mit ihren Partnern im Austausch, welche weiteren Schritte nun zu unternehmen sind", sagte Regierungssprecher Stefan Kornelius am Mittwoch in Berlin. In Paris sagte Außenminister Jean-Noël Barrot, das Thema solle noch im Laufe des Tages beim Treffen mit seinen Kollegen aus Deutschland und Polen zur Sprache kommen. Erst am Dienstag hatte das US-Präsidialamt mitgeteilt, dass Trump "Optionen für den Erwerb Grönlands" erörtere. Dazu gehöre auch der mögliche Einsatz des US-Militärs, hieß es aus Washington. Doch am Mittwoch versuchte Trump offenbar auf seine Weise, die Wogen zu glätten. "Wir werden immer für die Nato da sein, auch wenn sie nicht für uns da ist", schrieb Trump auf seiner Plattform Truth Social . Russland und China würden das Bündnis nur so lange fürchten, wie die USA Mitglied seien. Es mag keine Liebeserklärung an die Nato sein, nach weiterer Eskalation in der westlichen Militärallianz klingt das Statement des US-Präsidenten aber zumindest nicht.