In der Hitze von Phoenix wird ein radikaler Missionar zum Märtyrer stilisiert. Die Gedenkfeier für Charlie Kirk offenbart, wie aus christlichem Fundamentalismus ein politischer Kreuzzug wird. Daran ändert auch die Vergebung für den Mörder nichts. Bastian Brauns berichtet aus Phoenix, Arizona Totenstill ist es für einen Moment an diesem glühend heißen Sonntag in dem großen Stadion am Rande von Phoenix. Auf der mit Klimaanlagen gekühlten Bühne steht Erika Kirk vor 70.000 Menschen und Millionen von Zuschauern und sagt: "Ich vergebe diesem jungen Mann." Sie vergebe dem Attentäter, der ihr vor elf Tagen den Mann und Vater ihrer Kinder genommen hat. "Weil es das war, was Christus getan hat, und weil es das ist, was Charlie tun würde", sagt sie und blickt nach oben. Sie tupft sich die Tränen ab. Langsam erheben sich die Menschen auf den Rängen von ihren Sitzen. Auch viele von ihnen haben bei diesen Worten Tränen in den Augen. Sie applaudieren Erika Kirk, der Witwe jenes christlichen Missionars und Trump-Unterstützers, der im Nachbarbundesstaat Utah von dem 22-jährigen Tyler R. auf dem Campus der Universität erschossen wurde. Auch wenn Erika Kirk ihm vergibt, erwartet den Täter nach dem Willen der dortigen Staatsanwaltschaft die Todesstrafe. Es seien verlorene junge Männer wie der Attentäter gewesen, denen ihr Mann Charlie Kirk mit seiner göttlichen Mission habe helfen wollen, sagt die trauernde Frau. Das sei der Grund, weshalb Amerika die von ihm einst gegründete Organisation "Turning Point" (Wendepunkt) so dringend benötigen würde. "Die USA brauchen eine Gruppe, die jungen Menschen den Weg aus dem Elend und der Sünde weist", so Erika Kirk. Darum sei sie stolz darauf, nun die neue Vorsitzende von "Turning Point" zu sein, um das unvollendete Werk ihres getöteten Mannes weiterzuführen. Eine göttliche Wahrheit für die Politik Wohin dieser religiös begründete Weg die Vereinigten Staaten aber führen soll, wird in diesen Tagen so deutlich wie wohl noch nie in der jüngeren Geschichte. Die mächtige evangelikale Strömung innerhalb der MAGA-Bewegung wirkt nach dem Mord an einem ihrer prominentesten Vertreter einflussreicher als je zuvor. Auf dieser Gedenkveranstaltung für Charlie Kirk in Arizona ist das Verschmelzen von christlicher und staatlicher Sphäre unter der Präsidentschaft von Donald Trump für jeden sichtbar. Nicht nur der Präsident spricht, auch sein Vize-Präsident JD Vance, Außenminister Marco Rubio, Verteidigungsminister Pete Hegseth , Gesundheitsminister Robert F. Kennedy, die mächtige Stabschefin des Weißen Hauses Susie Wiles, Trumps Sohn und die Geheimdienstkoordinatorin Tulsi Gabbard. Fast alle sprechen in ihren Reden von "truth", also einer nicht näher definierten, göttlichen Wahrheit. Diese Wahrheit habe Charlie Kirk gekannt und schließlich sei er für sie gestorben. Vom Kerzenlicht zum Krieg: Religiöse Mobilmachung nach Charlie Kirks Tod "Es ist besser, als junger Mann in dieser Welt zu sterben, als seine Seele für ein einfaches Leben ohne Ziel, ohne Risiko, ohne Liebe und ohne Wahrheit zu verkaufen", ruft etwa Amerikas Vize-Präsident JD Vance. Auch er beschwört eine heilige Logik der Wahrheit, für die es sich zu sterben lohne. Und die USA sollten nach dem Willen vieler hier Anwesender umgebaut werden. Davon zeugen auch die Liedtexte der vielen christlichen Musiker auf der Bühne. Mehrfach ist darin die Rede vom Widerstand gegen die "Ungläubigen" und der "Mission Gottes". Der für seine Verschwörungsgeschichten bekannte Fernsehkommentator Tucker Carlson erklärt das mit der Wahrheit dann so: "Charlie Kirk wusste, dass Politik nicht die endgültige Antwort ist. Sie kann die tiefsten Fragen nicht beantworten." Denn die "einzige wirkliche Lösung" sei Jesus, sagt er. Politik würde "Menschen kritisieren, um sie zu verändern". Das Christentum hingegen sei ein Aufruf nach Buße und dazu, sich selbst zu verändern. "Das ist der einzige Weg nach vorn in diesem Land. Das ist die einzige Lösung", ruft Carlson. "Wir sind der Sturm" So versöhnlich die vergebenden Worte von Erika Kirk an diesem Trauertag wirken mögen – eingebettet sind sie in Reden von Politikern der Trump-Regierung. Die mit Abstand schärfste von ihnen hält der stellvertretende Stabschef Stephen Miller. "Wir sind der Sturm, und unsere Feinde können unsere Stärke nicht begreifen", ruft er mit wütendem Ton. Dann will Trumps radikaler Abschiebebeauftragter die großen historischen Linien ziehen, die seine nationalistische Agenda stützen sollen. "Unsere Entschlossenheit, unsere Leidenschaft, unsere Abstammung und unser Erbe reichen zurück bis nach Athen , Rom , Philadelphia und Monticello. Unsere Vorfahren bauten die Städte. Sie schufen Kunst und Architektur, sie bauten die Industrie auf", referiert Miller. Erika Kirk würde damit "auf den Schultern tausendjähriger Krieger stehen und auf Frauen, die Familien großzogen". Auf diese Weise seien Städte, Industrie und Zivilisationen gegründet worden, "um uns aus den Höhlen und der Dunkelheit ins Licht zu führen", so Miller. Man werde die Mächte des Bösen besiegen, ruft er mit wütendem Ton. Die Feinde könnten sich gar nicht vorstellen, was sie mit dem Mord an Kirk erweckt hätten. "Sie können sich nicht vorstellen, welche Armee sie in uns allen entfacht haben. Denn wir stehen für das Gute, das Tugendhafte und das Edle." "Sie sind nichts" Dann beschreibt er jene, die seiner Ideologie nicht entsprechen. Er nennt sie "jene, die Gewalt gegen uns schüren und versuchen, Hass gegen uns zu säen". Miller redet sich zunehmend in Rage: "Was habt ihr? Ihr habt nichts. Ihr seid nichts. Ihr seid Bosheit. Ihr seid Eifersucht, Neid und Hass. Ihr seid nichts. Ihr könnt nichts aufbauen. Ihr könnt nichts produzieren. Ihr könnt nichts erschaffen." Dann schwelgt er wieder in Selbstlob: "Wir sind diejenigen, die aufbauen. Wir sind diejenigen, die erschaffen. Wir sind diejenigen, die die Menschheit erheben." Kinder und Familie sollten wieder an erster Stelle stehen, fordert Miller. So betonen es auch andere Redner an diesem Abend immer wieder – und sie zitieren dabei Charlie Kirk. Das wahre Ziel im Leben, das für jeden gelten soll, sei die Heirat zwischen Frau und Mann und das Zeugen von Nachfahren. Erika Kirk weist in ihrer Rede den Männern dabei eine klare Rolle zu: "Ihr sollt gute spirituelle Anführer sein", sagt sie. Die Frauen seien dabei "die Unterstützer". Göttliche Wahrheit, Glauben und Familie – es sind die Werte, die Amerika bestimmen sollen. Eine Erbschaft der Auserwählten Stephen Millers Worte dazu klingen nach einer auserwählten Volksgruppe, die den eigenen Fortbestand gegen äußere und innere Feinde mit allen Mitteln sichern müsse. "Unsere Kinder sind stark und unsere Enkel werden stark sein, und die Kinder unserer Kindeskinder werden stark sein", sagt er. "Wir haben Schönheit, wir haben Licht, wir haben Güte, wir haben Entschlossenheit, wir haben Visionen, wir haben Stärke. Wir haben die Welt, in der wir heute leben, Generation für Generation aufgebaut, und wir werden diese Welt verteidigen." Dann richtet er sich erneut an Feinde, die diesem Kampf entgegenstünden: "Ihr könnt uns nicht bedrohen. Denn wir stehen auf der Seite des Guten. Wir stehen auf der Seite Gottes." Es klingt nach einem Kreuzzug im 21. Jahrhundert. Kolonialfantasien aus der Vergangenheit Ein paar Meilen von der großen Sportarena entfernt, steht Matthew in der sengenden Sonne vor dem Hauptquartier von "Turning Point". Es ist jene christlich-missionarische Organisation, die Charlie Kirk einst gründete. "Wir sollten jetzt zu unseren jahrhundertealten Wurzeln zurückkehren", sagt er. Der junge Mann, der bei "Turning Point" früher ehrenamtlich mitgeholfen hat, trägt ein T-Shirt, das mit dem Gesicht des Ermordeten bedruckt ist. Matthew kannte ihn und seine Frau Erika – und auch er teilt ihre Weltsicht. "Kapitalismus, Christentum, Kolonialismus – für all diese Dinge werden die Länder der Ersten Welt angeprangert", sagt Matthew. Aber die Wahrheit und Vision, für die man kämpfe, sei nicht revisionistisch, behauptet er. "Wir kehren jetzt zu dem zurück, was unsere westlichen Länder einst groß gemacht hat." Genau genommen würde dieses Vorhaben auch nicht an einer bestimmten Religion hängen. Die christlichen Grundlagen seien schon rein "logisch, rational und intuitiv aus der Menschheitsgeschichte ableitbar", schlicht die beste Option. Für Charlie Kirks missionarischen Kämpfer von "Turning Point" geht es nicht darum, eine Entwicklung von Jahrzehnten, sondern von Jahrhunderten zurückzudrehen. "Es ist eine romantisierte Vorstellung, dass die Länder der Dritten Welt uns irgendwie moralisch überlegen seien", findet Matthew. Was er dann sagt, soll demütig klingen. Aber schließlich seien die Länder der Ersten Welt einst aus dem gleichen Umfeld gekommen. "Auch wir hatten den gleichen Mangel an Moral, Struktur, Recht und Ordnung." Im Stadion wird der verstorbene Charlie Kirk währenddessen dafür gelobt, dass er sich so für Grönland interessiert habe, weil das im Interesse der Sicherheit Amerikas liege. Darum sei Kirk im Januar dieses Jahres gemeinsam mit dem Sohn des Präsidenten, Donald Trump Jr. , auf die zu Dänemark gehörende Insel im Nordatlantik geflogen. Zum modernen Missionieren gehört im 21. Jahrhundert im Verständnis der Kirk-Trauerredner auch ein modernes Kolonisieren. "Ich hasse meine Gegner" Als an diesem Sonntag schließlich Donald Trump als Höhepunkt der Trauerfeier zu den Zehntausenden Gläubigen spricht, durchbricht der Präsident die bisweilen sanft daherkommende Heiligkeit abrupt. In einem Punkt hätte er mit Charlie Kirk bei aller Freundschaft nicht übereingestimmt. "Er hasste seine Gegner nicht. Er wollte das Beste für sie", sagt Trump. "Ich aber hasse meine Gegner und will nicht das Beste für sie. Es tut mir leid." Der Präsident grinst. Auf den Rängen wird über diesen Satz gelacht. Im Lager der Evangelikalen hat man sich an die Rhetorik von Trump inzwischen seit vielen Jahren gewöhnt. Dem eigenen Vorhaben, Gottes Wahrheit in die Welt zu tragen, schadet sie aber offenkundig nicht. Noch nie hatten sie politisch so viel Einfluss wie unter diesem amerikanischen Präsidenten. Mit Verweis auf den Willen von Charlie Kirk werden Trump und seine Regierung in den kommenden Monaten wohl noch viele Maßnahmen ergreifen. Auch das wird klar an diesem Sonntag.