Mit nur 25 Jahren übernimmt Mayra Vriesema das Bundestagsmandat von Robert Habeck. Doch der Start als Abgeordnete hat so seine Tücken. Über dem Stuhl hängt noch das Jackett von Robert Habeck . Auf dem Schreibtisch liegt eine seiner Lesebrillen. Ansonsten wirkt das Büro von Mayra Vriesema leer und unpersönlich. In den Regalen stehen keine Bücher, an den Wänden hängen keine Bilder. Die 25-Jährige ist erst vor wenigen Tagen hier eingezogen. Die Grünen-Politikerin übernimmt das Bundestagsmandat von Habeck, der sich aus der aktuellen Politik zurückzieht. Vriesema übernimmt vorerst auch Habecks bisheriges Büro im Bundestag. Ob es dabei bleibt, wird sich zeigen. Denn es ist eines der besseren Büros, das kann man so sagen. Die Decken sind hoch, das Zimmer geräumiger als andere Abgeordnetenbüros und durch das Fenster blickt man direkt auf das Reichstagsgebäude. Auf dem Fußboden liegt schwerer blauer Teppich, in der Ecke hinter dem Schreibtisch steht eine kleine Pflanze, die in dem großen Raum fast verloren wirkt. Nachrückerin Vriesema freut sich zwar über den großen Raum und die neue Aufgabe, doch aktuell beschäftigen sie die banalen Dinge des Ankommens. Die Laptops sind noch nicht da, die E-Mail-Adresse funktioniert nicht, auch beim Telefon hapert es noch. An ein Namensschild an der Tür hat auch noch niemand gedacht. "Seid ihr schon das neue Büro?" Eine Mitarbeiterin der internen Organisation der Fraktion platzt plötzlich ins Büro. Sie hat nicht damit gerechnet, dass Vriesema schon da ist. "Ach Entschuldigung, ihr seid schon das neue Büro?", fragt sie etwas irritiert Vriesema und ihre Mitarbeiterin. "Herzlich Willkommen!" Sie könne sich jederzeit melden, wenn sie etwas brauche. Der Bundestag ist für Mayra Vriesema kein unbekannter Ort. Hier arbeitete sie schon als studentische Mitarbeiterin für eine Grünen-Abgeordnete. Und auch sonst hat die junge Frau aus Husum in Nordfriesland schon einiges an politischer Erfahrung gesammelt. Sie war Mitglied im Landesvorstand der Grünen Jugend Schleswig-Holstein. Und sie war stellvertretende Landesvorsitzende ihrer Partei in Schleswig-Holstein. Bei der Bundestagswahl im Februar kandidierte die Studentin für ein Mandat auf Platz 5 der Landesliste. Damit verfehlte sie damals den Einzug in den Bundestag, stand aber ganz vorn auf der Nachrückerliste. Habeck kündigte Ende August in einem Interview mit der "taz" an, dass er sein Mandat niederlegen werde. Er wolle nicht wie ein Gespenst über die Flure laufen, begründete der ehemalige Vizekanzler den Schritt. Künftig ziehe es ihn zum Forschen und Lernen unter anderem an die US-Eliteuniversität Berkeley. Mit Habeck verlässt eines der prominentesten Gesichter der Grünen die politische Bühne. Mit Mayra Vriesema betritt sie ein bundesweit bisher eher unbekanntes. Geht es nach der jungen Grünen, soll das nicht lange so bleiben. Nach Habeck-Rückzug: Das ist die neue Strategie der Grünen Das ist schlechter Stil: Habecks Rückzug "Es wurde ja geschrieben, Robert würde eine Lücke hinterlassen. Ich sehe das eher so, als würde er Platz machen für eine neue Person", sagt sie. Die beiden kennen sich gut. Sie habe schon seit einigen Wochen von seiner Entscheidung gewusst, erzählt Vriesema. "Damit hatte ich natürlich auch eine gute Vorlaufzeit. Ich hätte mir vielleicht gewünscht, dass er einen Monat früher ausgeschieden wäre", fügt sie hinzu. Dann hätten sie und ihr Team in der Sommerpause im August Zeit gehabt, in Ruhe anzukommen, sich einzuarbeiten. Nun stehen direkt die ersten Sitzungswochen im Bundestag an. Eine der Jüngsten im Bundestag Damit geht es für Vriesema Schlag auf Schlag. Doch die 25-Jährige wirkt ganz und gar nicht ängstlich, sondern frohen Mutes. Sie lacht viel, gibt sich offen und zugänglich, legt nicht jedes Wort auf die Goldwaage wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen. Das Erste, was Habeck gesagt habe, als sie ihn vor ein paar Tagen im Bundestagsbüro traf, sei "Freiheit" gewesen, erzählt sie freimütig. "Das nehme ich ihm so auch ab." Sie will nicht in seine Fußstapfen treten und ist froh, dass die Debatte über seine Nachfolge auch nicht so geführt werde: "Er wurde ja vor allen Dingen als Minister wahrgenommen, nicht unbedingt als Bundestagsabgeordneter." Schon deshalb sei das voneinander losgekoppelt zu betrachten. "Damit fühle ich mich auch wohler.“ Vriesema ist in der Fraktion ihrer Partei derzeit die jüngste Abgeordnete, sogar im gesamten Parlament zählt sie zu den Jüngsten. Das Durchschnittsalter aller Abgeordneten liegt aktuell bei rund 47 Jahren. "Vom Kreißsaal, in den Hörsaal, in den Plenarsaal" - solche Kommentare bekommt sie öfter zu hören. "Das prallt an mir ab." Sie weist lieber auf ihre Erfahrung hin. Tatsächlich hat Vriesema in Schleswig-Holstein den Koalitionsvertrag zwischen CDU und Grünen mit ausverhandelt. So etwas können nicht viele in ihrem Alter vorweisen. Eine Grüne vom Land Schon als Teenagerin fing Vriesema an, sich politisch zu engagieren. Sie überlegte damals, ob sie zu den Grünen oder den Linken gehen solle. Aber bei den Linken nur mit alten Männern am Stammtisch sitzen? Das sei nicht ihr Ding gewesen, sagt sie. Groß geworden ist sie auf dem Land, das soll auch ihre Politik in Berlin prägen. "Für Nordfriesland kann man ganz plakativ sagen, dass die Leute sich tatsächlich einfach abgehängt fühlen." Für sie will sie Politik machen. Pragmatisch will sie daher an Probleme herangehen. So sei sie etwa kein Fan von neuen Autobahnen. "Aber wenn man nicht mehr von A nach B kommt, fühlt man sich veräppelt, wenn jemand sagt: Wir müssen nur den öffentlichen Nahverkehr ausbauen und dann wird alles gut." Das sei einfach nicht die Realität im ländlichen Raum. Passenderweise soll die Politikstudentin nun auch im Ausschuss für Wohnen, Stadtentwicklung, Bauwesen und Kommunen sitzen. Dort will sie sich auch für eine gerechtere Mietenpolitik einsetzen, das sei ihr ein "Herzensanliegen", sagt sie. Mit Vriesema kommt jemand vom linken Flügel der Partei in die Bundestagsfraktion. Habeck gehörte zu den sogenannten Realos und prägte in den vergangenen Jahren den Kurs der Mitte bei den Grünen. Die Partei ist nach ihrer Regierungsbeteiligung in der Ampelkoalition indessen wieder in der Opposition. Die Umfragen stagnieren bei etwa 11 Prozent. Damit ist das Kanzleramt, von dem die Partei noch unter den früheren Parteivorsitzenden Habeck und Annalena Baerbock träumte, in weite Ferne gerückt. Bloß nicht ins Hotel ziehen Stattdessen suchen die Grünen aktuell noch nach ihrer Rolle in der Opposition – und damit auch nach einem Ausgang aus dem Umfragetief. In der Bundestagsfraktion ist der linke Flügel der Grünen derzeit stärker vertreten, einen krawalligen oder populistischen Kurs wollen Fraktions- und Parteiführung allerdings nicht fahren. Auch Vriesema wirkt nicht wie eine linke Hardlinerin. Das Provokativste scheint da schon ein Sticker mit der Aufschrift "Tax the Rich" zu sein (deutsch: Besteuer die Reichen), der auf ihrem Laptop klebt. Vom oft abgehobenen Berliner Politikstrudel möchte sich Vriesema nicht mitreißen lassen. "Ich hab' mir fest vorgenommen, bodenständig zu bleiben", sagt sie. Erst mal kommt sie nun in Berlin bei einer Kollegin unter, dann beginnt die Wohnungssuche. Im Hotel – wie einige andere Angeordnete – will sie in der Hauptstadt aber nicht leben. Sie wolle in Berlin richtig "ankommen" und gleichzeitig nicht den Kontakt zu den Menschen in ihrem Wahlkreis verlieren, sagt sie. Das nehmen sich viele neue Bundesabgeordnete vor, doch der Sog des Berliner Politikbetriebs kann stark sein. Vriesema ist sich dessen bewusst und hat "Respekt vor dem, was jetzt kommt", wie sie sagt. Aber "angstgetrieben" könne man keine Politik machen. Aktuell sind es ohnehin noch die kleinen und großen Hürden des Neuankommens, die die Husumerin beschäftigen: Wie funktioniert das als Abgeordnete an den Bundestagseingängen? Und wie wird man das Faxgerät los, das man automatisch bekommt? Vor allem aber hofft sie, dass kommende Woche vor der ersten Fraktionssitzung wenigstens die Technik funktionieren werde.