In den USA gerät Bewegung in einen Kriminalfall, bei dem eine Aufklärung seit 27 Jahren als aussichtslos erschien. Ein Tatverdächtiger im Tupac-Mord ist in Haft."Only God Can Judge Me" rappte Tupac Shakur im Jahr seines Todes 1996. Jahrzehntelang sah es so aus, als gelte das auch für seinen Mörder: Nur Gott könne noch über ihn richten, denn auch 27 Jahre nach den Schüssen auf offener Straße gab es keine Festnahme, kein Urteil, nicht mal mehr eine heiße Spur. Eigentlich hatten auch die größten Fans der Raplegende längst aufgegeben. Verschwörungsmythen gab es zuhauf, aber eine Aufklärung des Mordfalls von 1996 rückte Jahr für Jahr immer weiter in die Ferne.Bis jetzt. Denn 27 Jahre und 11 Tage nach den Schüssen auf Tupac ereignete sich am Freitag Erstaunliches in Las Vegas. Kevin McMahill, Sheriff des Las Vegas Metropolitan Police Departments (LVMPD), teilte in einer Pressekonferenz mit, was manch einer nun als Durchbruch im Todesfall Tupacs bewertet. Demnach hat die Polizei einen der mutmaßlichen Tatbeteiligten festgenommen. Außerdem habe die zuständige Bezirksstaatsanwaltschaft bereits Anklage wegen Mordes erhoben.Festgenommen wurde der inzwischen 60-jährige Duane Keith Davis. Weder für Tupac-Fans noch für True-Crime-Interessierte ein unbekannter Name. Denn als Mitglied der Gang South Side Compton Crips wurde er unter dem Spitznamen Keefe D bekannt – und galt schon immer als mindestens auf dubiose Art und Weise mit der Tat verbandelt.Denn was 1996 in Las Vegas geschah, war gut dokumentiert. Nach einem Boxkampf von Mike Tyson im MGM Grand Hotel gerieten Tupac Shakur und sein Plattenboss Marion "Suge" Knight in der Lobby des Hauses an den damals 22-jährigen Orlando Anderson, den Onkel von Keefe D und ebenfalls ein Mitglied der South Side Compton Crips. Eine Gang, der Tupac und sein Kumpel Knight verfeindet gegenüberstanden – und deshalb auf Anderson losgingen, ihn niederschlugen und auf ihn eintraten.Rund zwei Stunden später fielen dann die tödlichen Schüsse an einer Ampel auf dem Las Vegas Strip. Dort kamen sich ein schwarzer BMW und ein weißer Cadillac bedrohlich nahe. In dem BMW: Tupac und sein Manager. In dem Cadillac: Anderson und Davis – und offenbar noch weitere Personen auf der Rückbank, von der plötzlich mehrere Schüsse abgefeuert wurden. Sie trafen Tupac Shakur unter anderem in die Brust, verursachten Verletzungen des rechten Lungenflügels – und führten sechs Tage später zu seinem Tod. Von den Männern im Cadillac ist heute nur noch einer am Leben: Duane Keith Davis alias Keefe D.Polizei hatte schon viel früher Detailwissen über den MordWarum die Polizei erst jetzt auf ihn aufmerksam wird, beziehungsweise ihn erst 27 Jahre später festnimmt, wissen auch nur die Ermittlungsbehörden. Denn verhört wurde er als Verdächtiger schon damals. Nur: Es hatte ein sogenanntes proffer agreement gegeben. Bei einer solchen Vereinbarung zwischen Polizei und Aussagendem darf sich der Befragte frei äußern, ohne selbst rechtliche Konsequenzen befürchten zu müssen. Die Polizei wusste offenbar schon damals: Davis war mit im Auto, doch er bestritt jegliche Schuld, sagte, sein Neffe Anderson habe auf Tupac geschossen – und wegen des Deals mit den Behörden wurde Davis laufen gelassen.Bewegung kam nun in die Sache, weil Davis selbst mit einer Beteiligung an dem Mord prahlte. Der frühere Gangster plauderte vor einigen Monaten in einem über zweistündigen Gespräch mit der US-Interview-Plattform "VladTV" aus, dabei geholfen zu haben, Tupac zu erschießen. Die Ermittler prüften die Angaben und reagierten: Mitte Juli dieses Jahres wurde das Haus von Duane Keith Davis in Las Vegas durchsucht. Dabei stellte die Polizei alte Fotos, Festplatten und USB-Sticks sicher.Offenbar hatte sich der 60-Jährige selbst in die Bredouille gebracht, weil er Täterwissen offenbarte, also derart viele Details über den Mord wusste, dass die Ermittlungen wieder aufgenommen wurden – zu Davis' Ungunsten. Entscheidend wohl das Detail: Davis sagte, im Auto des Täters mitgefahren zu sein und Anderson, der auf dem Rücksitz gesessen habe, die Mordwaffe übergeben zu haben.Schon 2019 ließ der nun Festgenommene mit seiner Autobiografie "Compton Street Legend" aufhorchen. Damals bezeichnete er sich und Tupacs Manager Suge Knight als letzte verbliebene Augenzeugen für den Mord und beschrieb, wie er selbst die Tatwaffe an den Schützen gereicht habe. Erst vier Jahre später geht die Polizei diesen Verdachtsmomenten wieder nach – und spricht nun davon, "Gerechtigkeit für Shakurs Familie" herstellen zu wollen. Zeugen gibt es bis auf Davis tatsächlich nur noch einen, der bei einem anstehenden Gerichtsprozess aussagen könnte: Manager Suge Knight, der mit Tupac zusammen im BMW saß und inzwischen 58 Jahre alt ist.