"Der Pass"-Star Nicholas Ofczarek: "Warum versuchen alle, mich ständig zu ergründen? Warum, wozu?"
In der Sky-Serie „Der Pass III" spielt Nicholas Ofczarek zum letzten Mal den irrsten aller Ermittler. Die Rolle machte ihn auch in Deutschland zum Star. Die Wiener kennen ihn seit Jahrzehnten als großen Volksschauspieler, der in allen Genres zuhause ist.
Herr Ofczarek, sind Sie privat auch so ein Kernkraftwerk, wie es Ihre Rollen vermuten lassen?
Es gibt Schlimmeres, als mit seinen Rollen verwechselt zu werden. Ich bin es gewöhnt. Als man mir die Rolle des Mordermittlers Gedeon Winter in "Der Pass“ vor fünf Jahren unterbreitet hat, war ich davon überrascht, dass diese Rolle regelrecht für mich geschrieben und angelegt worden war. Obwohl die mich persönlich nicht kannten. Meine Frau hatte darauf bestanden, zur allerersten Besprechung in den „Gmoakeller“ mitzukommen, was ja eigentlich ein bisserl unprofessionell ist. Wir waren beide verwundert, was für ein Bild die von mir hatten. Dabei bin ich keineswegs so exzessiv und eskalativ, wie sich die Regisseure das vorgestellt hatten.
Es heißt, sie hätten es bei den Dreharbeiten doch manchmal krachen lassen.
Es stimmt, dass ich mich dieser Rolle – nun ja – etwas angenähert habe. Ich habe wahnsinnig viel geraucht, war in den Wirtshäusern der diversen Alpendörfer, in denen wir gedreht haben, jede Nacht der letzte, aber natürlich trotzdem professionell. Was mir eher Schwierigkeiten bereitete, waren meine Gewichtsschwankungen während der monatelangen Dreharbeiten. In mancher Szene gehe ich in ein Haus, und komme deutlich dicker wieder heraus - glücklicherweise trägt dieser Kommissar einen weiten Mantel.
Man rühmt sie für ihre darstellerische Wucht, dabei sind es oft die stillen und zurückgenommenen Momente, wo sie als Schauspieler brillieren.
Danke, das finde ich eben auch. Ich versuche es zu erklären: Wenn ich Verzweiflung spielen würde, dann hätten sie als Zuschauer nichts mehr zu tun. Ich spiele die Vermeidung von Verzweiflung, ich spiele die Unterdrückung von Verzweiflung, denn das ist es, was Verzweifelte in Wahrheit tun! Es sollte dem Zuschauer überlassen sein, was er in meinem Spiel sieht, ich dränge ihm keine Interpretation auf. Er muss auch Voyeur sein, nicht bloß Betrachter.
August Diehl ist ein Weltschauspieler, eigentlich der Größte meiner Generation."
In den letzten beiden Folgen der finalen Staffel von „Der Pass“ kommt es zu einem schauspielerischen Gipfeltreffen. Sie und August Diehl in einer Konfrontation am Verhörtisch. Das ist allerhöchste Kunst, wie man sie ganz selten zu sehen bekommt.
August und ich treffen öfter mal an Schreibtischen aufeinander, zuletzt im Räuber Hotzenplotz. Er ist ein Weltschauspieler, eigentlich der größte meiner Generation. Aber auch hier geht es beim Spielen vor allem um Vermeidung, um das Zurücknehmen. Und das ist uns beiden in diesem Moment gelungen.
Claus Peymann, der Sie vor 30 Jahren entdeckt und ans Burgtheater geholt hat, nennt Sie in einer Reihe mit den Größen der österreichischen Schauspielgeschichte, Hörbiger, Wessely, Meinrad, Muliar. Was macht diese Besondere aus, ist es das Vermögen Großdarsteller und Volksschauspieler gleichzeitig zu sein?
Was bedeutet all das – Großdarsteller, Volkschauspieler? Dass ich auch den Wurschtel kann? Dann ja, von mir aus. Es ist ein Missverständnis, dass ich eine große Karriere im Kopf hatte. Mir war Karriere egal, ich wollte mit guten Leuten arbeiten. Das ist mir gelungen.
Ich will keine innere Distanz zu meinen Rollen"
Wie wichtig ist Ihnen die Bühnenpräsenz, dieser Status am bedeutendsten deutschsprachigen Sprechtheater zu stehen?
Ist die Burg das? Die Zeit ist nicht danach, sich als großer Mime zu definieren. Der Theaterbetrieb ist von einer gewissen Verachtung gegenüber Schauspielern geprägt, Stücke entstehen in Dramaturgenbüros, wer was spielt, scheint nebensächlich geworden. Ich will keine innere Distanz zu meinen Rollen, ich will in kein Mikroport sprechen, ich will rausgehen. Das Burgtheater ist ein Proklamationstheater, kein Filmset. Man kann einen Shakespeare nicht im Fernsehton daherplaudern. Aber ich habe eigentlich Glück gehabt, immer auf Regisseure zu stoßen, die von mir kein modisches Theater verlangen, wie etwa eine Zeit lang Andrea Breth und in den vergangenen Jahren Johan Simons – übrigens ein Supertyp, ein Meister. Ich übernehme auch gerne kleine Rollen, weil das ein gutes Training ist, auf kleinem Raum einen Kosmos entstehen zu lassen – und außerdem in Sachen Demut.
Das klingt nach einer grundsätzlichen Enttäuschung vom Theaterbetrieb.
Ich beklage mich nicht, ich sage nur, dass ich es anders machen würde. Intendanten kümmern sich leider nicht mehr um Schauspieler, es werden keine neuen aufgebaut. Das ist halt schade.
Kann das Theater seine alte Relevanz wiedererlangen?
Damals bei Peymann herrschte Aufruhr, da brüllten die Neonazis von den obersten Rängen, das Land debattierte die Stücke. Das ist die Tradition, aus der ich komme. Es ist nicht die Schuld von Corona, dass es das nicht mehr gibt. Man fühlt sich heute von den Ideen der Dramaturgenbüros geradezu bedrängt. Nur weil etwas modern ist, muss es nicht gut sein. Dabei wäre es dieses Live-Erlebnis, das Theater sein kann, eine große Chance. Und es wird definitiv zu wenig gelacht, dem Theater ist das Lachen abhanden gekommen.
In einer österreichischen Zeitschrift stand, Sie würden zur Psychiaterin gehen, weil sie die Bühne nicht als Therapieplatz missbrauchen möchten. Was bedeutet das?
Dass es Quatsch ist, man darf die Bühne nie für Persönliches missbrauchen, natürlich auch nicht als Therapieplatz. Natürlich sind eigene Konflikte, Ängste, Verzweiflungen etwas, womit man arbeitet, an denen man sich bedient.
War die Schauspielerei für Sie ein Kindheitstraum?
Ich war ein Klassenkasperl, aber ich habe nicht von diesem Beruf geträumt. Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, in dem das völlig normal war. Was ich hatte, ist eine gewisse Vorstellungskraft. Und liebte es in diese magische Welt der Bühne einzutauchen.
Beide Eltern waren Opernsänger. Wie sehr hat Sie deren Welt geprägt?
Ich kannte den Bühnenbetrieb in seiner Faszination, aber auch in seiner ganzen Härte, die Eitelkeiten, Verzweiflung, Intrigen, das Ringen um die Stimme. Ich durfte erleben, was es bedeutet, eine Zauberwelt auf der Bühne zu erschaffen. Beide Eltern mussten Mitte Vierzig ihre Karriere beenden, nachdem ihre Stimmen ausgesungen waren. Ich weiß gar nicht, ob der Vater eine wirklich schöne Stimme gehabt hat, aber er war ideal für die Operette, er war ein guter Darsteller. Sein Lebensziel war die Volksoper Wien, das hat er erreicht. Als er die Stimme verlor, sattelte er ins Schauspielfach um, dabei hat er den Beruf als albern empfunden. Wer weiß, vielleicht habe ich ihn auch deshalb ergriffen.
Wienerisch kommt von innen, von ganz tief unten."
Aufgrund der Engagements ihrer Eltern, verbrachten Sie ihre Kindheit in der Schweiz.
Wir verließen Wien, da war ich wenige Monate alt. Zwischenzeitlich lebten wir in Graz, kehrten dann aber wieder in die Schweiz zurück. Heute lachen die Schweizer über mein Schwyzerdütsch. Ich spreche angeblich einen seltsamen Siebzigerjahr-Akzent. Als Fünfzehnjähriger kam ich dann nach Wien, musste den Dialekt meiner Großeltern erst erlernen. Wienerisch kommt von innen, von ganz tief unten, es ist nicht umsonst die ideale Sprache, um zu Fluchen. Man muss es erspüren.
Das ist ja das Wundersame, kaum ein anderer Schauspieler ist so stark mit dem Wienerischen verbandelt. Vielleicht deshalb?
Vielleicht? Es ist ja nicht einmal meine Muttersprache, denn die ist Irin. Aber die Ofczraeks leben seit Generationen in Westwien, meine Großmutter ist noch in der Monarchie geboren, in ihrem Dialekt war noch deutlich der Vielvölkerstaat zu hören. Früher hatten selbst die einzelnen Bezirke der Stadt eigene Dialekte. Etwa in Meidling, wo man ein ganz besonderes L spricht, das von den tschechischen Ziegelarbeitern aus Böhmen mitgebracht wurde, die dort lebten. Die vielen offenen Vokale im Wienerischen stammen hingegen von den Ungarn. Leider spricht meine Tochter kaum Wienerisch, obwohl sie hier geboren und aufgewachsen ist.
Sie haben Wien nie mehr verlassen, hat das mit dem Herumziehen in ihrer Kindheit zu tun?
Natürlich hätte ich auch aus Wien weggehen können, hätte Engagements in anderen Städten gehabt, aber ich wollte hierbleiben, für meine Tochter, aber auch für mich. Ich wollte Wurzeln haben.
Der Name Ofczarek lässt auch auf eine donaumonarchische Migrationsgeschichte schließen.
Als ich den Räuber Hotzenplotz spielte, schrieb mir eine Vereinigung der Sudentendeutschen aus München, die meine Herkunft recherchiert haben. Demnach gab es im 18. Jahrhundert in der nordöstlichen Slowakei einen gewissen Ofczarek, von dem wir möglicherweise abstammen. Der Hammer aber war, dass diese Familie Ofczarek nur wenige Kilometer von der Ortschaft Osoblaha lebte.
Was ist daran der Hammer?
Dass der deutsche Name dieser Ortschaft Hotzenplotz lautet.
Sie waren also prädestiniert für diese Rolle.
Das wusste ja keiner. Ich persönlich hätte mich für diese Rolle nicht gecastet, aber es war schön, das spielen zu dürfen.
Deutschland entdeckte Sie reichlich spät als Schauspieler. Eigentlich erst 2016, als sie im „Tatort“ die „Geschichte vom bösen Friederich“ spielten.
Was wirklich amüsant war, weil ich damals im Alter von 44 plötzlich von deutschen Boulevardmedien als Neuentdeckung gefeiert wurde. Bild-Reporter forschten in meinem Familienumfeld und im Taekwondo-Verein meiner Tochter, ob ich möglicherweise auch privat so ein Berserker sei.
© Sky
Und sind Sie es?
Warum versuchen alle mich ständig zu ergründen? Warum, wozu?
Sie sind als Schauspieler eine Erscheinung, die Leute fragen sich, was das wohl für ein Mensch ist?
Es gibt diese gefährliche Tendenz in unserem Beruf, eine Marke sein zu wollen. Ich möchte das Gegenteil sein, mich nicht einordnen oder kategorisieren lassen. Das ist die größtmögliche Freiheit, die wir uns leisten können, mir fällt kein Grund ein, darauf freiwillig zu verzichten. Ich bin Perfektionist und gleichzeitig Chaot. Klar will ich gut sein, aber ich mache mir keine Gedanken, wie die Karriere in den nächsten Jahren wohl so hingeht.
Man müsste ein gewaltiger Narzisst sein, um auf sich selbst Ausstrahlung zu haben."
Wenn Sie sich den „Pass“ anschauen, gucken Sie kritisch auf Ihre Arbeit, oder können Sie in diese Handlung eintauchen und sich selbst abstrahieren?
Das würde nicht funktionieren. Ich habe eine völlig andere Perspektive auf das, was am Ende zu sehen ist. Ich verbringe Monate lang am Set, dann vergeht ein Jahr, es wird geschnitten, was auf dem Bildschirm läuft, ist für mich Vergangenheit, gleichzeitig hat es nichts mehr mit meinem damaligen Erleben zu tun. Außerdem ganz ehrlich: Man müsste ein gewaltiger Narzisst sein, um auf sich selbst eine Ausstrahlung zu haben.
