Enge in den Zügen: S-Bahnen wurden zu "Sardinenbüchsen"
Von Carsten Blaue
Heidelberg/Mannheim. Der Bundespräsident persönlich hat vergangene Woche den ersten "XXL-ICE" auf den Namen "Bundesrepublik Deutschland" getauft. Auf den Linien Hamburg-München und Hamburg-Chur hält der ICE 4 (13 Waggons, 374 Meter Länge, über 900 Sitzplätze) auch hin und zurück in Mannheim. Während die Deutsche Bahn (DB) im Fernverkehr also klotzt, wird im Regionalverkehr immer wieder gekleckert. So auch in der vergangenen Woche, als es beim Pendeln mal wieder eng wurde in den Triebwagen. Darüber haben sich die Bahn-Kunden Nick Gersch und ein weiterer Fahrgast am Freitag in separaten Schreiben an die RNZ beschwert.
Gersch berichtete seine Erlebnisse von Heidelberg nach Mannheim so: Zwischen beiden Städten habe es eine Gleis-Baustelle gegeben, und dadurch seien 80 Prozent der Züge ausgefallen, nämlich auf den Linien S1, S2, S5 und RE10b. Lediglich die S3 sei zwischen beiden Städten regelmäßig gefahren. "Man könnte vermuten", so Gersch, "dass dann wenigstens zwei Waggons ankommen." Aber: "Fehlanzeige". Zur Stoßzeit am Montag um 16.24 Uhr sei nur ein Triebwagen eingesetzt worden. Das hat er die Woche wohl öfter erlebt. "Corona scheint bei der DB ein Fremdwort zu sein. Wie kann es sein, dass man es erlaubt, so eine volle Bahn fahren zu lassen?".
Auch andere Fahrgäste seien sehr verärgert gewesen, so Gersch. Viele hätten ihrem Frust auch Luft gemacht und sich über die Bahn beschwert, einzelne sogar lautstark. Aussagen wie "Die Deutsche Bahn macht eine Corona-Party" seien gefallen. Auch am Dienstag hatte Gersch die S-Bahn benutzt. An den anderen Tagen ist er gleich auf die RNV-Linie 5 ausgewichen. Der Kunde will ein Zeichen setzen, wie er sagt: "Es kann nicht sein, dass wir alles geben, um die Pandemie zu beseitigen, und dann so was." Es sei kein Wunder, dass viele nicht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren wollen – "aus genau solchen Gründen". Schon wegen der Baustelle hätte die DB zu den Stoßzeiten im S-Bahn-Verkehr zwei oder gar drei Tiebwagen koppeln können.
Der weitere Fahrgast erlebte die "Sardinenbüchse" beim Pendeln zwischen Heidelberg-Kirchheim/Rohrbach und Bruchsal. Vor Corona fuhr er immer mit der S3 zur Arbeit, seit der Pandemie vor allem mit dem Auto und am Donnerstag und Freitag nach längerer Zeit erstmals wieder mit dem Zug. Morgens nach Bruchsal und nachmittags zurück nach Heidelberg sei jeweils nur ein Triebwagen eingesetzt worden. "Das ist leider häufiger der Fall." Die RNZ solle der Bahn mal auf den Zahn fühlen, und auch Gersch wollte wissen: "Warum fuhr nur ein Waggon?".
Ein Bahn-Sprecher in Stuttgart antwortete auf eine Anfrage der RNZ. Vom 4. bis 7. Juni sowie vom 8. bis 11. Juni seien zwischen Mannheim und Heidelberg in zwei Bauphasen Schienen erneuert worden. Seit dem 12. Juni fahre die Bahn dort wieder das gesamte Zugangebot (andere Kunden berichteten allerdings auch am Samstag von drückender Enge in der S-Bahn). Während der ersten Baumaßnahme seien, so der Sprecher, im Schnitt 30 Züge je Richtung ausgefallen. Während der zweiten seien es durchschnittlich jeweils 35 gewesen. Neben der S3 sei auch die S4 im Takt gefahren.
Die Einschränkungen auf den Linien S1 und S2 räumte er ein. Aber: "Die Bahn hat wegen der Baustellen keine Einschränkungen bei der Platzkapazität vorgenommen. Einzelne Züge hatten ein geringeres Platzangebot, weil Fahrzeuge kurzfristig nicht verfügbar waren und wir ad hoc keinen Ersatz disponieren konnten." So ein Ausfall sei meist technischen Defekten geschuldet, die einen betrieblichen Einsatz nicht zulassen, präzisierte der Sprecher auf Nachfrage. Für die entstandenen Unannehmlichkeiten bitte die Bahn um Entschuldigung.
Der Bahn-Sprecher wollte aber noch betonen, dass alle verfügbaren Fahrzeuge auch eingesetzt würden. Gerade auf den Strecken Mannheim-Heidelberg und Mannheim-Karlsruhe würden normalerweise gekoppelte Züge wegen der großen Nachfrage angeboten. "Damit entsprechen wir dem Bedürfnis der Fahrgäste, untereinander größtmöglich Abstand halten zu können." Dennoch wurde dieses Bedürfnis vergangene Woche offensichtlich nicht immer befriedigt.
