Klimawandel in Heidelberg: Auch bei Hitze gut durch die Stadt
Von Denis Schnur
Heidelberg. Der Klimawandel kommt. Die Menschheit kann ihn vielleicht begrenzen – "aber im wissenschaftlichen Kontext geht niemand ernsthaft davon aus, dass wir ihn ganz stoppen können", betont der Heidelberger Geograf Dr. Sven Lautenbach. Die Folgen der Globalen Erwärmung machen sich schon jetzt weltweit bemerkbar – und sie werden zunehmen. In Heidelberg und der Umgebung erwarten die Wissenschaftler vor allem zwei Konsequenzen: mehr Extremwetterereignisse wie Starkregen und deutlich mehr Hitzetage und Tropennächte. "Mit diesen negativen Folgen des Klimawandels müssen wir in irgendeiner Form umgehen", so Lautenbach.
Lautenbach und seine Kolleginnen und Kollegen arbeiten deshalb an einem Projekt, das zumindest den Umgang mit Hitze in der Stadt erleichtern soll. Denn die kann nicht nur unangenehm, sondern für viele Menschen sogar lebensgefährlich werden. Das Team will deshalb einen Routenplaner erstellen, der besonders empfindlichen Gruppen – etwa Älteren oder Familien mit kleinen Kindern – Wege durch Heidelberg vorschlägt, die man auch an heißen Tagen gehen kann, ohne seine Gesundheit zu riskieren. Dabei ist etwa wichtig, ob es viel Schatten gibt, ob Wind weht, ob Bäume für ein besseres Mikroklima sorgen – oder ob man der Sonne schutzlos ausgeliefert ist.
"Natürlich könnte man sagen, diese Menschen sollten bei starker Hitze zu Hause bleiben und bis zum Abend warten", so Lautenbach, "aber wenn die heißen Tage zunehmen, würde das eine große Einschränkung der Lebensqualität bedeuten." Und manche Termine ließen sich ja auch einfach nicht in den Abend legen. "Deshalb ist unser Ziel, diesen Menschen weiterhin ihre Freiheit zu ermöglichen."
Bevor sich Senioren und Eltern aber auf ihrem Smartphone schattige und gut belüftete Routen anzeigen lassen können, liegt noch viel Arbeit vor den Forscherinnen und Forschern. Das Projekt "Hitzeanpassung für vulnerable Bevölkerungsgruppen" ist erst am 1. Juni gestartet. Eine entsprechende Smartphone-App könnte in etwa drei Jahren erscheinen. Bis dahin müssen Lautenbach und seine Kollegen von der Uni und dem von der Tschira-Stiftung finanzierten gemeinnützigen Unternehmen "HeiGIT" nicht nur die Software programmieren, sie brauchen vor allem Daten.
Dazu werten sie nicht nur das Stadtklimagutachten aus und greifen auf bestehende Wetterstationen zurück, sondern bringen gemeinsam mit den Stadtwerken und der Digitalagentur auch 30 bis 50 eigene Sensoren im Stadtgebiet an, die konstant die Temperatur und die Luftfeuchte erfassen und an die Forscher übermitteln. Mit den so ermittelten Informationen soll die App künftig nicht nur Strecken planen können, sondern auch errechnen, wann an welchem Tag ein Weg gut zu gehen ist – und wann nicht. "Dann sind auch Prognosen für die Zukunft möglich", so Lautenbach. "Danach kann ich dann etwa meine Termine ausrichten."
Neben dieser individuellen Routenplanung soll das Programm aber auch für die Stadtplanung genutzt werden können. "Wir sehen dann, wo es Lücken im Wegenetz gibt", erklärt der Forscher. "Ich kann etwa schauen, ob es Seniorenheime gibt, von denen ich an heißen Tagen eigentlich kaum weg komme." Darauf könne man dann reagieren und mehr Bäume pflanzen oder anderweitig für Schatten sorgen. Die Stadtverwaltung sei da auch sehr offen für den Input der Wissenschaftler: "So ein Projekt kann ja nur funktionieren, wenn die Interessenten mit im Boot sind."
Das Vorhaben wird komplett von der Baden-Württemberg-Stiftung finanziert. Der Routenplaner wird für die Nutzer kostenlos sein. "Außerdem legen wir den kompletten Programmiercode offen, sodass andere damit weiterarbeiten können", so Lautenbach.
