Wiesloch: Ausstellung im PZN gegen das Schubladen-Denken
Von Sophia Stoye
Wiesloch. "Menschen müssen lernen, ihrem ersten Urteil zu misstrauen", erklärte Künstlerin und Fotografin Meike Hahnraths während der Eröffnung am gestrigen Mittwoch ihrer "Schubladen-Ausstellung" im Psychiatrischen Zentrum (PZN). Sie fand im Rahmen des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus statt.
Mit dabei waren Sozialminister Manfred Lucha, Oberbürgermeister Dirk Elkemann, PZN-Geschäftsführerin Anett Rose-Losert und die ärztliche Direktorin Jutta Kammerer-Ciernioch. Gemeinsam mit den PZN-Ausstellungsverantwortlichen Susann Roßberg und Manuel Grimm hat Künstlerin Hahnraths eine Ausstellung auf die Beine gestellt, die so zum ersten Mal in Baden-Württemberg zu sehen ist.
Insgesamt 50 Porträtbilder von Frauen und Männern hängen derzeit im Zentralgebäude des PZN aus. Die Besonderheit dabei: Die Hälfte der ausgestellten Fotografien bildet Menschen mit einer körperlichen oder geistigen Beeinträchtigung oder Frauen, die in einem Frauenhaus Zuflucht suchen, ab. Die andere Hälfte sind scheinbar "ganz normale" Menschen: Ehrenamtliche, Auszubildende, Studenten, Banker, Juristen, Lehrer oder Künstler. Unter den abgebildeten Menschen sind zudem Patientinnen und Patienten sowie Mitarbeiter des PZN zu sehen. Wer dabei wer ist, ist dem Betrachter allerdings unbekannt.
Unter den Bildern sind je vier Aussagen aufgeführt, von denen aber nur eine stimmt. Die Betrachterinnen und Betrachter dürfen mithilfe eines Quiz raten, welche Beschreibung auf die abgebildete Person zutrifft. Allerdings löst Künstlerin Hahnraths das Rätselspiel auch am Ende der Ausstellung bewusst nicht auf.
"Nur schwer wird erkennbar, welche Frau in einem Frauenhaus oder welcher Mann mit einer Behinderung lebt und wer umgangssprachlich als ,normal’ gilt. Und das soll auch genau so sein", erklärte Hahnraths und ergänzte: "Wir fällen oft vorschnell Urteile über andere, weil wir erst einmal nur wenige Facetten wahrnehmen und unser Gehirn Eindrücke sofort in eine vorhandene Schublade ablegt." Genau diesem Denkmuster will die Künstlerin mit ihrer Schubladen-Ausstellung entgegenwirken, denn leider werden gerade psychisch oder körperlich behinderte Menschen noch viel zu oft stigmatisiert.
Die Neugier hinsichtlich der "richtigen" Lösung soll man Hahnraths zufolge aus der Ausstellung mit in den eigenen Alltag mitnehmen und dort hartnäckig hinterfragen, ob das erste Urteil über einen Menschen richtig ist oder einer Korrektur bedarf. "Es ist nicht schlimm, Schubladen zu haben und sie aufzumachen, das ist normal. Fatal ist, sie schnell zu schließen – ohne Chance auf Korrektur", so die Künstlerin. Als Fotografin der Porträtierten ist sie die einzige, die die jeweiligen Lebensgeschichten kennt. Das habe schon bei der ein oder anderen Ausstellung zu interessanten Momenten geführt: "Dann werden aus Wirtschaftsprüfern plötzlich Menschen mit Behinderung oder umgekehrt."
Dass die Ausstellungseröffnung auf den 27. Januar, den Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, fiel, ist kein Zufall. Denn während der NS-Diktatur wurden neben unzähligen Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen oder Andersdenkenden auch zahlreiche Menschen mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung im Rahmen der "Aktion T4" ermordet. "Allein aus Wiesloch wurden 1940/41 über 2000 Menschen abtransportiert und fanden in Tötungsanstalten wie Grafeneck und Hadamar den Tod", berichtete die Ausstellungsverantwortliche Susann Roßberg. So wäre jedes zweite Bild dieser Ausstellung vor 80 Jahren schwarz gewesen, betonte Künstlerin Hahnraths.
"Es fängt mit den kleinen Dingen an", sagte Oberbürgermeister Dirk Elkemann. Vor der systematischen Vernichtung komme das Drangsalieren und Ausschließen aus einer Gesellschaft. Davor das Stigmatisieren, das wiederum Folge von Vorurteilen sei. "Man muss sich dieser Reihenfolge bewusst werden, um auch zu merken, wenn jemand gerade dabei ist, falsch abzubiegen", so Elkemann. Die Ausstellung gebe einen Anstoß, über die eigenen Schubladen nachzudenken, "damit ist der erste Schritt schon getan".
So betonte auch PZN-Geschäftsführerin Anett Rose-Losert, dass die Ablehnung einer Gruppe zu extremem Hass, zu Folter und Mord führen kann. "In der Zeit der Nazi-Diktatur war es lebensgefährlich in der Schublade ,psychisch krank’ zu stecken", schilderte sie. Sozialminister Manfred Lucha hob hervor, wie schnell man selbst eine Krise erleiden könne, in der man Hilfe braucht, und dass man nicht in eine Schublade gesteckt werden wolle. "Da ist es die Aufgabe unserer Gesellschaft, aus einem Dead-End ein Open-End zu machen", so der Landesminister.
Info: Unter Berücksichtigung der Hygienevorschriften ist die Ausstellung noch bis zum 22. Juli im PZN-Zentralgebäude zu sehen.
