Heidelberg: Patrick Henry Village wird größer, grüner und weitgehend autofrei
Von Sebastian Riemer
Heidelberg. Sie ist fast so groß wie die Altstadt – und wird in den nächsten Jahren zum 16. Heidelberger Stadtteil: die ehemalige US-Siedlung Patrick Henry Village (PHV). Am Mittwoch stellten die Bürgermeister Jürgen Odszuck (Bauen) und Hans-Jürgen Heiß (Konversion) mit Michael Braum von der Internationalen Bauausstellung (IBA) den Masterplan für den „Stadtteil der Zukunft“ vor. Das 97-Hektar-Areal im Westen Kirchheims wird demnach – ergänzt durch momentan landwirtschaftlich genutzte Flächen – auf 115 Hektar vergrößert. In Zukunft sollen dort 10.000 Menschen leben und 5000 Arbeitsplätze entstehen.
Die Grundidee
Vielfalt und Mischung – das ist der Leitgedanke. Wohnen, Arbeiten und Freizeit greifen in PHV ineinander. Die verschiedensten Menschen in allen Lebensabschnitten sollen dort wohnen – mit einem Fokus auf junge Familien. Besonders wichtig ist den Planern, dass die Architektur nicht eintönig wird: „Wir wollen dort – vielleicht auch im Kontrast zur Bahnstadt – eine architektonische Vielfalt“, sagte Erster Bürgermeister Odszuck. IBA-Chef Braum drückte es so aus: „Heterogenität statt Homogenität.“ Geplant sei eine bunte, bauliche Mischung. „Kein Haus sieht aus wie das daneben“, so Braum. Deshalb sollen auch nicht große Teilflächen an einen Entwickler gehen, sondern viele verschiedene Projektträger zum Zuge kommen.
Die Struktur
Trotz der geplanten wilden Durchmischung hat der neue Stadtteil eine klare Struktur. Ein Ringweg umschließt das gesamte Zentrum und erschließt so den Stadtteil. „Grüne Finger“ aus Gärten, Natur-, Spiel- und Gemeinschaftsflächen durchschneiden das Areal. Einige Gebäude sollen erhalten, vieles aber auch neu gebaut werden. Grob ist das Gelände in fünf verschiedene Bereiche unterteilt:
Im Zentrum entsteht ein „grünes Herz“ – mit Park, See und Spielflächen, aber auch einem offenen Innovationszentrum für die Region, mit Bürgerwerkstätten und experimentellen Lernorten. Grundschule, Bücherei und eine neuartige Markthalle könnten dort unterkommen. Die geplante „experimentelle Mitte“ im südlichen Zentrum wurde noch nicht näher beschrieben.
Im Westen, wo PHV durch die „Eingemeindung“ landwirtschaftlicher Flächen um 18 Hektar erweitert wird, gibt es besonders viele Wohnungen. Die attraktive Lage zwischen den Äckern und dem „grünen Herz“ soll – kombiniert mit bunt gemischter Architektur – neue Wohn-, Arbeits- und Lebensformen ermöglichen.
Ganz im Norden sollen die Offiziersvillen der Amerikaner samt des stattlichen Baumbestands weitgehend erhalten bleiben. Behutsame Nachverdichtung ist möglich, die Atmosphäre des „Wohnens im Wald“ soll aber erhalten bleiben.
Im Osten (zur Autobahn 5 hin) wird in erster Linie gearbeitet: Dort kommen etwa Handwerksbetriebe, Start-ups, Kreative und Wissenschaftler unter. Doch auch dort sind Wohnungen und gesellschaftlich-soziale Einrichtungen geplant.
Im Süden, wo im Sommer das Streetart-Festival Metropolink stattfand, ist rund um die ehemalige Middleschool Platz für Bildungs-, Kultur- und Sporteinrichtungen. Im alten Supermarkt solle es ein attraktives Einzelhandels- und Kulturangebot geben.
Der Verkehr
Nicht weniger als ein „Modellprojekt der Verkehrswende“soll PHV werden – mit so wenigen Autos wie möglich. Auf den Straßen dürfen keine Autos parken – alle müssen in große Quartiersgaragen an den Eingängen des Stadtteils. „Wir brauchen natürlich zügig einen ÖPNV-Anschluss“, sagte IBA-Chef Braum. An so genannten Mobilitäts-Hubs, die im Quartier verteilt sind, gibt es Leihräder und andere umweltfreundliche Fortbewegungsmittel.
Das Energiekonzept
Man wolle beim Thema Energie „aus den Erfahrungen der Bahnstadt lernen“, heißt es in der städtischen Pressemitteilung zum PHV-Masterplan. Heißt im Klartext: Der Energieverbrauch soll zwar so gering wie möglich sein, der Fokus liegt aber darauf, die in PHV benötigte Energie so weit wie möglich im Stadtteil selbst zu produzieren – etwa mit Sonnenkollektoren.
Der digitale Stadtteil
Auch in Sachen Digitalisierung will man Vorreiter sein – und damit ist mehr als Breitband-Internet gemeint. „Wir bauen einen analogen Stadtteil, aber sein Betrieb wird durch digitale Medien optimiert“, erklärte Braum. Besonders wichtig: der Gedanke des Teilens. Dabei geht es nicht nur um Autos, auch um Wohnungen, Werkzeug, alltägliche Dinge – oder auch Kompetenzen wie Wände streichen oder Räder reparieren. Organisiert wird das über Apps – also kleine Handyprogramme. Dafür soll eine eigene städtische Gesellschaft gegründet werden. „Das ist eine große Verantwortung, die auf alle Kommunen zukommt“, sagte Bürgermeister Heiß. „Die Daten sollen nicht an private Firmen gehen, sondern unter öffentlicher Aufsicht bleiben.“
Das weitere Vorgehen
Der von der IBA und dem niederländischen Städtebaubüro KCAP gemeinsam mit einem ämterübergreifenden Team der Stadtverwaltung erstellte Masterplan wird am 11. Dezember im Konversionsausschuss den Stadträten vorgestellt. Er ist Grundlage für alle weiteren Planungen (und die Bürgerbeteiligung) und wird in den nächsten Monaten konkretisiert. Frühestens im März 2020 soll der Gemeinderat dann einen Beschluss über den Masterplan fassen.
Die Stadt kann und will von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BIMA) – der Patrick Henry Village gehört – nicht alles auf einmal erwerben, aber so bald wie möglich erste kleinere Flächen pachten oder kaufen, um „Pioniere“ auf PHV lassen zu können. Einer davon ist Pascal Baumgärtner mit seinem Metropolink-Festival: Er will ab April 2020 Kunst und Kultur in den alten US-Supermarkt bringen und soll dafür einen Zweijahres-Vertrag bekommen. Noch 2020 sollen auch die ersten „Leute mit Siedlermentalität“ (Braum) einziehen. Die Bima könnte auch selbst Teilflächen entwickeln – „aber ausdrücklich nur, wenn wir als Stadt das wünschen“, wie Bürgermeister Heiß betonte.
Zentral für die weitere Entwicklung ist die Zukunft des Landesankunftszentrums für Geflüchtete, das aktuell in PHV steht. Mit dem direkt angrenzenden Gewann Gäulschlag zeichnet sich gerade ein mehrheitsfähiger Alternativstandort ab. Stimmen Gemeinderat und Land zügig zu, könnte das Zentrum „vielleicht schon 2025 umziehen“, so Bürgermeister Odszuck.
Die Beteiligung der Bürger
Von 9. Dezember 2019 bis 15. Januar 2020 kann jeder auf www.phv-mitsprechen.de seine Anregungen loswerden – genau wie beim Bürgerfest, das am 12. Januar 2020 in PHV stattfindet. Weitere Beteiligungsveranstaltungen sind geplant.
