Heidelberger Zoo: Wie glücklich ist Epulu? Und was läuft da mit Susi?
Von Timo Teufert
Heidelberg. Es sind schwere Vorwürfe, die die Tierrechtsorganisation „Great Ape Project“ gegen den Heidelberger Zoo erhebt: Der Schimpanse Epulu, der Ende September aus dem Wuppertaler Zoo nach Heidelberg umgezogen ist und seither in die vierköpfige Schimpansen-Weibchen-Gruppe integriert wird, sitze alleine in seinem Gehege, weise unübersehbare Symptome einer klinischen Depression auf und mache insgesamt einen ausgesprochen lethargischen Eindruck. Der Heidelberger Zoo widerspricht dieser Darstellung und setzt auf Transparenz: Sowohl im Internet als auch an einer Schautafel am Eingang des Menschenaffenhauses informiert der Tiergarten über die Fortschritte bei der Integration des neuen Schimpansen.
„Tierethisch war es ein unerträglicher Fehler des Wuppertaler Zoos, Epulu von seiner langjährigen Partnerin Kitoto zu trennen“, schildert Colin Goldner, der Leiter der deutschen Sektion des „Great Ape Project“, das Problem. Der Wuppertaler Zoo habe Platz für ein Bonobo-Männchen gebraucht und deshalb Kitoto nach Antwerpen und Epulu nach Heidelberg abgegeben. Beide hätten aber ein eheähnliches Verhältnis gehabt, und in Wuppertal sei man ein viel zu hohes Risiko eingegangen, die beiden zu trennen. „Diese Trennung muss Epulu nun ausbaden und hat Probleme mit den vier Frauen, die man ihm vor die Nase gesetzt hat“, so Goldner. Der klinische Psychologe hat bei dem Schimpansen zudem Anzeichen festgestellt, die auf eine klinische Depression hindeuten sollen: „Er weist psychomotorische Hemmungen und stereotypes Schaukeln auf, hat eine ausdrucksarme Mimik, ist teilnahmslos und introvertiert“, erklärt Goldner, der zwei Mal selbst in Heidelberg war, um Epulu in Augenschein zu nehmen. Ein weiteres Mal seien Mitarbeiter des Projekts, das Grundrechte für Menschenaffen fordert und eine Haltung von Menschenaffen in Gefangenschaft generell ablehnt, vor Ort gewesen.
Doch das Geschehen im Gehege des Menschenaffenhauses will beim Vor-Ort-Termin der RNZ so gar nicht zu den Aussagen der Besuchsteams passen. Epulu ist nicht allein im Gehege, bei ihm ist Schimpansin Susi, und beide scheinen ein inniges Verhältnis zu haben – nach Aussagen der Tierpfleger sogar inniger als zu seiner Ex-Partnerin Kitoto. Davon zeugt zum Beispiel ein ganz bestimmtes Verhalten: „Ein Körperteil des anderen ins Maul zu nehmen, ist das stärkste freundliche Zeichen unter Schimpansen und zeugt davon, dass sich beide vertrauen“, berichtet die Biologin und Zookuratorin Sandra Reichler. Natürlich komme es vor, dass Epulu allein in einer Ecke des Geheges sitze, zum Beispiel, wenn es etwas Leckeres zu fressen gebe wie Quitten: Dann sucht sich jedes Tier eine ruhige Ecke, um in Ruhe den Leckerbissen zu verputzen.
„Epulu ist seit mehreren Wochen dauerhaft, also 24 Stunden am Tag, mit Susi zusammen“, erklärt Reichler. Nur wenn einer der beiden hochbetagten Affen – Epulu ist 51, Susi 47 Jahre alt – Medikamente bekomme, trenne man sie. Immer wieder teilen sich die beiden zudem auch mit einer der anderen Schimpansinnen, Lulu oder Heidi, das Gehege. Nur bei Conny dauere es noch ein wenig bis zur Zusammenführung: „Sie ist generell sehr ängstlich. Für eine Annäherung füttern wir die beiden deshalb nebeneinander, und in den nächsten Wochen wollen wir sie auch dazulassen“, so Reichler.
Der wohldosierte Kontakt hat einen Grund: „Wir lassen nicht alle auf einmal ins Gehege, damit Epulu nicht zu viel Aufregung hat, da ältere Schimpansen oft Probleme mit dem Herzen haben“, erklärt Revierleiterin Anke Jakob. Sie schildert Epulu als sehr sozial und diplomatisch. Trotz aller Vorsicht habe es aber auch schon zwei Mal eine Auseinandersetzung zwischen den Tieren gegeben: „Die Weibchen sind seit 2015 eine eingeschworene Gemeinschaft, und das ranghöchste Weibchen Heidi will natürlich ihre Position in der Gruppe verteidigen“, berichtet Reichler. Solche Rangkämpfe seien aber normal, Schimpansen seien generell sehr impulsiv.
Reichler widerspricht Goldners Darstellung, dass Epulu mit Kitoto in einer eheähnlichen Beziehung gelebt habe: „In freier Wildbahn haben Schimpansen ständig wechselnde Gruppenbeziehungen.“ Außerdem habe das Europäische Erhaltungszuchtprogramm schon seit langer Zeit einen neuen Platz für Kitoto gesucht. Denn alle Beteiligten wollten verhindern, dass die Schimpansin plötzlich alleine gewesen wäre, wenn Epulu verstorben wäre. „Nun bot sich die Gelegenheit, weil in Antwerpen eine neue Gruppe zusammengestellt wird“, so Reichler. Dort treffe Kitoto auch eine Schwester wieder. Und in Heidelberg habe man sich bereit erklärt, den Schimpansen-Senior aufzunehmen, weil die vier Damen auch schon alle sehr alt seien.
Die Revierleiterin wundert sich, dass Goldner im Internet die Haltung von Epulu kritisiert, sich aber noch nie persönlich gemeldet habe: „Es wäre schön, wenn man uns bei Besuchen einfach ansprechen würde“, findet Jakob.
