Schwetzingen: Poetisches mit der Sofortbildkamera
Von Rolf Kienle
Schwetzingen. Nur ein Motiv, das er verändern kann, ist für Jessen Oestergaard ein gutes Motiv. Wenn der Fotograf etwas sieht, das ihn reizt, will er es nicht dokumentieren. "Stattdessen überlege ich, wie ich es verändern kann", sagt er.
Oestergaard ist ein kreativer Verwandler. Warum er das tut? "Ich kann damit etwas ausdrücken", sagt er. Bei seinen Aufträgen arbeitet er ganz konventionell, denn ein Firmen- oder Städteporträt bleibt ein fotografischer Auftrag. Aber was ihn am meisten interessiert, ist die künstlerische Fotografie. Sein Markenzeichen: Er widersetzt sich den gängigen Erwartungshaltungen.
Eigentlich wehrt er sich schon lange gegen eine Einordnung, zu der er selbst am meisten beigetragen hat. "Ich möchte nicht nur der Schwetzinger Schlossgarten-Fotograf sein", sagt er. Aber genau mit diesen Fotos hat er vor 30 Jahren für Aufsehen gesorgt. Oestergaard hat Schloss und Schlossgarten in ein neues, attraktives Licht gerückt, als noch nicht jeder Besucher mit seinem Smartphone unzählige Fotos knipste. Letzteres hat gewissermaßen zu einer Inflation der Motive geführt. Die Moschee im Spiegelbild des Weihers ist als Motiv ebenso ausgelaugt wie die Kirschblüte oder die Chinesische Brücke. Heute ist ihnen nichts Neues mehr abzugewinnen. Aber damals schlug Oestergaard ein neues Kapital auf.
Jessen Oestergaard, der in Oftersheim aufgewachsen ist und bis heute dort lebt, hat in Heidelberg Anglistik und Romanistik mit Schwerpunkt Amerikanismus studiert. Er erhielt ein Stipendium für San Diego und schrieb seine Abschlussarbeit über indianische Autoren. Ein journalistischer Ansatz beim Fotografieren war ihm damals schon völlig fremd. Selbst Urlaubsfotos würde er nicht machen, gesteht er. Das war nie sein Ding.
Die Porträts des Oftersheimers sind geschätzt. Wer vor seiner Linse stand, schwärmt von der Präzision der Bilder. Auch mit seinen Städteporträts von Mannheim, Schwetzingen, Oftersheim und anderen Orten hat er einen Nerv getroffen: die Motive sind gut gewählt und vor allem hochprofessionell abgebildet. Alles andere wäre auch verwunderlich.
Irgendwann ergriff er die Initiative und gründete den Schwetzinger Fotosalon, den er nach wie vor organisiert. Oestergaard ist ebenfalls Gründungsmitglied der Künstlerinitiative Schwetzingen (KIS), die längst ein fester Bestandteil des städtischen Kulturlebens ist. Sein Schlossgarten-Kalender, der inzwischen im elften Jahr erscheint, gehört ebenso dazu. Überhaupt: Das Schloss wird Jessen Oestergaard vermutlich nicht mehr loslassen. Mit der Tatsache, dass beim Stadtjubiläum der Mannheimer Fotograf und New York-Spezialist Horst Hamann fotografierte, kann Jessen Oestergaard leben. Hamanns Handschrift ist anders und sein Name populär.
Der Oftersheimer lässt sich gern auf Experimente ein. Gerade hat er Kunst und Bambusräder in Szene gesetzt. Die Räder sind bei Workshops entstanden und gehen eine reizvolle Symbiose mit den Gemälden des Schwetzinger Künstlers Heinz Frank ein. Ein anderes, bereits mehrjähriges Experiment ist die Arbeit mit alten Polaroid-Kameras. Die Fotos sind weder formatfüllend, noch haben sie jene Schärfe, die unseren Gewohnheiten entspricht. "Früher war Polaroid ein reines Kontrollmedium", sagt Oestergaard. Zu analogen Zeiten machte man im Studio vorab ein Sofortbild, bevor man mit Film fotografierte. Mit dem digitalen Foto war das nicht mehr nötig, die Polaroidkamera fristet seitdem ein Nischendasein.
Jessen Oestergaard entdeckte die alte Technik für sich und pflegt sie. "Die Fotos haben was eigenes - kleine Fehler bei Farbe, Belichtung und Schärfe eingeschlossen", sagt er. "Eine Aura, die man nicht nachmachen kann." Unikate also. Wer aber glaubt, die Fotos müssten das kleine, bekannte Format der Polaroidkamera haben, der irrt. Oestergaard macht einen Scan daraus und bearbeitet sie am Bildschirm. Das entfernt ihn von der Alltagsfotografie und befreit von der Diskussion über Pixel. Zehn alte Polaroidkameras besitzt er.
In seinen Workshops will er den Teilnehmern vor allem zeigen, dass eine Kamera ein Werkzeug ist, und wie man sich von der "Nachmach-Fotografie" verabschiedet. "Die Technik ist notwendig, aber nie Selbstzweck", sagt Ostergaard.
